© Kathi Arnecke

Salon skug BAM! Wahlspecial mit Wirtschaftskammer und Ausländer

Der 29. September 2019 ist der Tag der Nationalratswahl und somit eine jener »Feierstunden der Demokratie«. Ideal für einen Salon skug somit, denn wer lässt schon gerne Gelegenheiten zum Feiern aus? Ein paar Bedenken könnten einem aber kommen. Programmüberblick am Ende.

Die Redaktion von skug fühlt sich dem Bündnis alternativer Medien sehr verbunden, allein weil es – reden wir nicht drum herum – ein linkes Bündnis ist. Links sein ist schön. Man bewahrt sich den Glauben an eine bessere Welt und man ist bereit, etwas dafür zu tun, man ist nicht zynisch und man möchte für Arme, Schwache und Entrechtete einstehen, man ist richtig scharf auf Wahrheit und hat sich in eine differenzierte Weltsicht verliebt, die gar nicht genug an Unterschieden und Diversitäten erkennen und herausarbeiten will. Ach, richtig klasse, dieses Linkssein. Es bedarf zuweilen einer gewissen intellektuellen Anstrengung, aber die macht auch Freude, denn es tut gut, zu lesen und anderen Menschen zuzuhören. Ist doch super! Ganz sicher geht dies allen anderen Leuten mehr oder weniger auch so und deswegen kann man sich auf Wahlabende freuen und schauen, was das Elektorat in seiner kollektiven Weisheit entscheidet. Pröööööt (lautes, unangenehmes Buzzergeräusch.) Nein, leider komplett falsch. Als Linke*r hat man vor fast jedem Urnengang Bauchschmerzen und fragt sich: »Oje, wie schlimm wird es?« Gerade im dunklen Zeitalter höchst erfolgreicher rechter Demagogie, von Donald Trump über Boris Johnson bis Sebastian Kurz, ist die Stimmung meist im Keller. Warum ist das überhaupt so? Sind Linke nur für sich selbst attraktiv (und zuweilen nicht einmal das)?

Der Name ist Programm
Links kommt gerade nicht gut an der Urne und dafür gibt es ein paar handfeste Gründe. Darüber, dass linken Alternativen der mediale Wind ins Gesicht bläst, haben wir auf skug schon genug geschrieben. Es reicht, den Finger kurz auf uns selbst zu richten. Alle BAM!-Medien sind bestenfalls »Nischenprodukte«, manche lassen sich auch einordnen als »krasse Wahnsinnstaten von Enthusiast*innen«. Die großen Medienhäuser (und damit sind auch die angeblich linksliberalen gemeint) agieren hingegen gerne staatstragend. Da nun europäische Staaten keine anderen Ziele mehr kennen als jene der Wirtschaft, sind dann eben die Ziele des Staates die Ziele der Wirtschaft und die Bedürfnisse von Unternehmen werden zu den letztgültigen Kriterien erhoben. Gerne nennt man das dann die »Vernunft« und dieser verhelfen die Medien bereitwillig zum Sieg, damit auch weiterhin die Unternehmensgewinne fließen, der Standort attraktiv bleibt etc. etc. Wenn lange genug immer wieder die gleichen Geschichten erzählt werden, dann erreichen diese irgendwann eine klebrige Persistenz und niemand fragt mehr nach den Ghostwriter*innen dieser Erzählung. Diese vermeintliche Unabänderlichkeit staatlicher Unterordnung unter das Primat der Wirtschaft würdigt der Salon skug übrigens mit dem Auftritt von Wirtschaftskammer.

Es ist aber nicht nur ein mediales Problem, selbst bei bester und aufrichtigster Berichterstattung würde sich nicht so bald etwas ändern. Es gibt da eine gewisse tiefe Verwobenheit, die als die »Komplizenschaft mit dem Kapitalismus« bezeichnet werden kann. Hunter S. Thompson meinte bereits 1971: »In einer Welt, in der alle schuldig sind, liegt das einzige Verbrechen darin, sich erwischen zu lassen.« Dass Trump ein pathologischer Lügner ist, Johnson ein selbstsüchtiger Idiot und Kurz ein verschlagener Blender, weiß jedes Kind. Es braucht kaum Analysefähigkeit dazu, dennoch bekommen diese apokalyptischen Reiter der Endverblödung ihre Mehrheiten, weil die Abgrenzung ihnen gegenüber schwerfällt. Weite Teile der Bevölkerung des globalen Nordens leben noch recht komfortabel. Was ihre Arbeits- und Lebensbedingungen betrifft, haben sie sich zwar einkochen lassen – sie arbeiten heute viel mehr und für weniger Geld als vor dreißig Jahren, auch knappst man ihnen die soziale Absicherung weg, eine Gesellschaft im Burn-out ist die Folge – man nimmt dies aber hin, weil es immer noch enormen Besitz gibt und einen riesigen Warenfluss, der (mittels leicht zugänglicher Verschuldung) leistbar geblieben ist. Nun, diese Vermögen will man eben gerne behalten. Die meisten wissen, dass sie sich dabei die Hände (zumindest ein wenig) schmutzig gemacht haben. Unnötige Flugreisen, ein großes Auto oder eben ein Abendessen mit Freunden, das als Geschäftsessen der Steuerbehörde gemeldet wird – solches Zeug eben. Gerechtfertigt wird dies damit, dass man es ja selbst sehr schwer habe und sich dauernd zum Himmel strecken müsse. Stimmt ja auch und plötzlich sitzt man mit den ganz falschen Leuten im selben Boot. Und diese Leute sind nie links.

Aber es ist falsch, zu glauben, diese Verstrickung könne nicht jederzeit beendet werden. Wer A sagt, muss nicht B sagen – dies bemerkte schon Bert Brecht –, man kann auch sagen: »A war vollkommener Quatsch und wir ändern den Mist jetzt endlich.« Klar, dass das sehr schwerfällt und man leicht stinkig wird, wenn dies jemand zu bemerken wagt. »Moralinsaure Linke«, »Verbotsparteien« und dergleichen sind Schlagworte, die den Leuten wirklich zu Herzen gehen. Menschen, die jahrzehntelang für Haus und Auto geschuftet haben, fühlen sich – nicht ganz zu Unrecht – um ihr Lebenswerk betrogen, wenn jetzt neue Steuern kommen sollen, die der persönlichen Überschuldung den Rest geben könnten. Linke Ideen und Perspektiven klingen deswegen für viele bedrohlich. Ist man bei der »Umverteilung« wirklich auf der richtigen Seite? Da wählt man lieber eine Gangsterbande, egal ob sie auf Ibiza oder in Mar-a-Lago urlaubt. Dem ist schwer beizukommen. Es ist ein abstraktes Detail, zu sagen, Erbschaftssteuern müssten wieder eingesammelt werden, weil gerechter, wenn fast alle mit der Erbschaftslotterie liebäugeln und hoffen, leistungslos reich zu werden. Seit vielen Jahren wurde diese Komplizenschaft rhetorisch verschärft, weil ein Sündenbock und ein Gespenst erdichtet wurde, das »uns« angeblich alles wegnehmen will. Die Geschichte ist jetzt aber zu fad, um erneut erzählt zu werden. Ja, der zweite Act des Abends heißt Ausländer. Nuff said.

Und noch viel mehr!
Die Wahl darf man sich trotz allem nicht nehmen lassen. Im Salon skug BAM!-Wahlspecial werden wir deshalb gemeinsam einen Blick auf die Dinge werfen. Selbstverständlich lassen wir den ORF auf Leinwand laufen, mal mit Ton, z. B. während der Rücktrittsrede von Sebastian Kurz (niemals den Humor verlieren!), und mal ohne Ton, z. B. während der »Runde der Chefredakteure«. BAM! kann keine eigenen Umfrageinstitute bezahlen und wir brauchen hier natürlich die großen Medien, um die Ergebnisse live serviert zu bekommen. Wir werden das aber nicht so unkommentiert »stehenlassen«, sondern mittels frecher Selbstermächtigung dazwischenquatschen. Wir haben satirische Lesungen im Programm, z. B. von The Real Crime Inc. aus dem Hause MALMOE, die ihrerseits an dem Abend mit ihrer druckfrischen Ausgabe 89 aufkreuzt, und scharfe Analysen z. B. von unserer lieben Babsi de le Ordinaireteur. Dazu holen wir Statements von politischen Aktivist*innen ein, die sonst kaum eine Bühne haben, und werden den kundigen Einschätzungen der BAM!-Expert*innen lauschen. Wir präsentieren außerdem die Ergebnisse der Pass-Egal-Wahl, die am 24. September stattfindet, und werden die wahren Wahlergebnisse mittels Tortendiagrammen herzeigen. Davor, dazwischen und danach gibt es wie immer die skug DJ-Line, die an diesem Abend mit dem Patschenträger Drehli Robnik eine enorme Verstärkung bekommt. Um 21:00 Uhr spielen Wirtschaftskammer live und um 22:00 Uhr Ausländer. Das ist mehr gute Musik, als man sich an so einem Tag erwarten darf. Unbedingt vorbeischauen und gemeinsam den Kopf hochhalten, vielleicht hat das Wahlergebnis ja auch die eine oder andere positive Überraschung parat.

Link: https://www.facebook.com/events/377015103233259/