Rune Grammofon

Dass ECM nordische Musik protegiert, ist ja bekannt. Auch war der Norweger Nils Petter Molvaer der Erste, der kühlen Nordlandjazz mit Dancefloorbeats zusammenbrachte. Doch was nun dräut, ist wiederum als kleine Sensation zu verbuchen: ECM übernahm ab Jänner 2000 exklusiv den Vertrieb des norwegischen Elektronikmusiklabels Rune Grammofon.

Rune Grammofon-Gründer Rune Kristofferson, im Hauptberuf Norwegens ECM-Labelmanager, hat selbst eine illustre Vergangenheit als Musiker. Anfang der 80er Jahre war er die eine Hälfte des Electropop-Duos Fra Lippo Lippi, das sogar Steely Dan???s Walter Becker unter seine Fittiche nahm. Kristofferson hat seit der der Gründung 1997 viel Liebe in sein Projekt gesteckt. Allein die visuelle Gestaltung der CD-Sheets ist den Kauf wert. Kim Hiorthoys Papp-Cover sind von kahler Strenge und irgendwie doch schrill gehalten. ECM vertreibt vom nunmehr zwölf CDs umfassenden Rune-Katalog vorerst vier Stück, wovon die Kompilation »Love Comes Shining Over The Mountains« als Einstiegsdroge fungiert. Darauf finden sich elektroakustische Noiseexperimente ebenso wie nahezu malerische Klangschleifen. Monolight brilliert mit abartig verfremdeten Modulatorensounds. Und beispielsweise erfreut Phonophani die Gehirnwindungen mit warm pulsierenden Analogsynths oder auch Alog entwickelt trotz jazzigem Rhythmusfundament und Verwendung seltsamer field recordings und wind machines einen Sinn fürs Melodiöse.

Nordheim Transformed

Arne Nordheim, Sun Ra unter den elektroakustischen Komponisten, tönt einerseits sphärisch abgehoben, andererseits verdichten sich Tontropfen, die wie eine Unterwassergalaxis klingen. Lutoslawski, Penderecki und Ligeti hatten großen Einfluss auf den 1931 Geborenen, dessen fünf Werke von »Electric« (1974) mangels eines norwegischen im Studio Eksperymentalne des polnischen Rundfunks entstanden. Dort, wo polnische Musique Concrète schaffende Komponisten trotz rigider Restriktionen des kommunistischen Regimes zu einem dritten Weg zwischen deutscher Strenge und französischer Frivolität fanden, gelang Arne Nordheim trotz Einsatzes prämoderner Techniken ein Opus, das auch im Jahr 2000 durchaus seinen Reiz hat. So erzeugen Tapeloops von verschiedener Länge auf »PolyPoly« (dem kurze Streusel wie Kinderchor oder Trauermarsch beigemischt sind) in immer neuen Konstellationen zueinander einen imposanten Klangstrudel oder beeindruckt »Colorazione« mit lange auszuhaltenden Drones nicht im Sinne La Monte Youngs, sondern als Collage von Ensemble-, Hammondorgel-, Perkussion- und Delaysystemklang. Das einst frostig rezipierte »Electric« steht durchaus in einer Reihe mit Werken von Stockhausen, Cage oder Cardew. Besonders freut Nordheim indessen, dass eine neue Generation herangewachsen ist, »die meine Musik versteht«. Helge Sten alias Deathprod. und Geir Jenssen alias Biosphere, sicherlich die arriviertesten Elektronikmusiker Norwegens, ummanteln Nordheims doch etwas nackte Musique Concrète mit weichzeichnenden Partikeln, die das Original beleben. Besonders Deathprod kriegt einen arktischen Ambient-Flow hin, der zwar an Eno erinnert, doch der Musik Nordheims den kalten Sternenhimmel-Impetus nicht raubt. Deathprods Version von »Colorazione« beispielsweise klingt atemberaubender als jene von Biosphere – der eher poppig und mit gebrochenen Dubversatzstücken arbeitet – weil nach einem Dronemaelstrom das Augenmerk auf schwermütig ihr Leben aushauchende Obertöne gesetzt wird. »Nordheim Transformed« ist eigentlich kein Remix-Album, sondern die Fortentwicklung einer Musik, die Anfang der 70erJahre aufgrund begrenzter Möglichkeiten noch nicht auf der Höhe der Zeit sein konnte.

Supersilent

Ein weiteres Flaggschiff auf Rune Grammophon ist Supersilent, das schon bei den »Konfrontationen 1999« in Nickelsdorf sein Können aufblitzen ließ. Auf das Triple-Album »Supersilent 1-3« (1998) folgt »Supersilent 4«, wiederum ein Tonträger, der ohne jegliche Vorabsprache bzw. Probe entstand. Dies impliziert unvorhersehbare Momente, die Industrial Noise ebenso vorbeiziehen lassen wie technoiden Hardcore oder ambientmäßige Soundscapes. In einem hektischen Flow (Track »4.6«) sekkieren wildgewordene Keyboards und tollwütige Furiosi einer klanglich verfremdeten Trompete, doch nur scheinbar liegt das Kraftzentrum bei Drummer Jarle Vespestad, der mitunter repetitive Trommelschläge à la Can heraufbeschwört, das Tempo dann aber doch wieder ins Wahnwitzige steigert. Unruhiger Pol von Supersilent ist nichtsdestotrotz Deathprod. Er gastierte bereits vor fünf Jahren beim »Out Of The Cool-Festival« in Wien und schleust bei Supersilent sogenannte Audioviren in das wüste Klanggeschehen. Das, oh Wunder – obwohl voll improvisiert – über weite Strecken an die wilde Schönheit norwegischer Gletscherflüsse gemahnt.

Arne Nordheim: »Electric«. Biosphere / Deathprod: »Nordheim Transformed«. Supersilent: »Supersilent 4«. Various Artists: »Love Comes Shining Over The Mountains«. Rune Grammophon/ECM