Haider Khan Gorau © Tom Poe
Haider Khan Gorau © Tom Poe

Rajasthani-Musik in der Roten Bar

Die Konzertschiene »Peter Cat’s Wide World Of Sound« gipfelt in ihrer zehnten Ausgabe in einer »Passage To India with Philipp Glass«. Volkstheater-Kurator Paul Wallfisch lädt dafür am 19. Mai 2023 den Vokalisten und Tabla-Spieler Haider Khan Gorau ins Volkstheater Wien und gibt dazu reichlich Ezzes.

Paul Wallfisch ist Fan und lässt dies in seiner Roten-Bar-Reihe »Peter Cat’s Wide World Of Sound« immer wieder gern durchschimmern. Diesmal im Zentrum: Rajasthani-Musik von Haider Kahn Gorau aus der Umgebung von Jaipur auf den Spuren von Philip Glass. Außerdem schürt der gern auch am musikalischen Geschehen teilnehmende US-Musiker und musikalische Leiter der Volkstheaters im E-Mail-Interview Vorfreude auf den Konzertherbst mit Calexico, Paul Weller, Oxbow, Kid Congo Powers, Xylouris/White, Little Annie und einem Wermutstropfen: Sunn O))).

skug: Als Dennis Russell Davies Dirigent des Anton Bruckner Orchesters in Linz war, wurden viele Werke von Philipp Glass im Bruckner Haus Linz präsentiert. Glass komponierte und dirigierte sogar die Linzer Klassische Klangwolke 2002, ein Auftragswerk der Carnegie Hall New York und des Bruckner Orchesters Linz. Weißt du etwas darüber?

Paul Wallfisch: Ich kenne das genannte Stück nicht, aber ich weiß, dass Glass’ »Passion of Ramakrishna« zwar musikalisch nicht von indischer Musik inspiriert wurde, aber einige Kritiker dachten, es gäbe Parallelen mit Bruckner. Glass antwortete damals, dass es in Linz geschrieben worden sei, also gab es vielleicht unterbewusst wirklich einen Zusammenhang!

Was ist der Unterschied zwischen Philip Glass’ und Terry Rileys Notationen?

Nun, ich habe »In C« gespielt (das war wirklich eine ziemlich aufschlussreiche Erfahrung)! Abgesehen davon und von »A Rainbow in Curved Air« bin ich mit Rileys Arbeit nicht besonders vertraut. Ich glaube, dass Riley viel mehr ein Improvisator ist und sich mehr für die Möglichkeiten elektronischer Instrumente und die Klanglandschaften interessiert, die sie erzeugen können. Und er ist ein wahrer Minimalist. Das Etikett »Minimalismus« trifft für mich dagegen nicht wirklich auf Glass zu. Man könnte ihn genauso gut als Maximalisten bezeichnen! Was die Notation anbelangt, so ist die Notation von Glass im Allgemeinen sehr traditionell und auch seine Instrumentierung nutzt eher gewöhnliche Instrumente. Er hat eine extrem strenge, formelle westliche Musikausbildung genossen und steht wirklich viel mehr in der westlichen klassischen, symphonischen Tradition als jemand wie Riley. Allerdings war Glass stark von indischer Musik beeinflusst, insbesondere in rhythmischer Sicht. Das hat die Akzentuierung und den Fluss seiner Musik beeinflusst: Seine Arbeit klingt deshalb für westliche Ohren oft ungewohnt.

Beide sind von hinduistischer Musik, Ragas etc. beeinflusst worden. Aber was ist der Grund dafür, dass du Philipp Glass anderen Komponisten von Minimal Music vorziehst?

Wenn man von der Tiefe und Ernsthaftigkeit her urteilt, mit der er indische Musik studiert hat, gibt es niemanden in unserer westlichen Musiktradition, den man mit Philip Glass vergleichen kann. Ich will damit niemanden kritisieren oder dissen. Es gibt viele tolle, ausgezeichnete und sehr talentierte Musiker*innen, die ich sehr verehre – von George Harrison und Yehudi Menuhin bis zu The Kinks, Coltrane, Riley und Reich, die sich mit indischer Musik beschäftigt haben. Aber wenn man sie mit Glass vergleicht, waren sie Dilettanten. Was die Musik von Glass im Allgemeinen betrifft: Ich liebe einige seiner Werke wirklich. Aber vieles davon finde ich gar nicht mal besonders »gut«. Gleichzeitig denke ich, dass er der einflussreichste Komponist der letzten 70 oder 80 Jahre ist. Es gibt niemanden, der einen so tiefgreifenden Einfluss darauf hatte, wie Musik aller Genres und aller Lebensbereiche – von Werbe- und kommerzieller Musik über Pop, Elektronik, Rock, Oper usw. – heute klingt. Die Breite seines Outputs und der Umfang seines Einflusses lässt alle anderen hinter sich: Das schließt für mich die sogenannten Minimalisten wie Terry Riley und Steve Reich ein, die, zumindest meiner Meinung nach, im Vergleich relativ schwach abschneiden.

Für mich war es sehr außergewöhnlich, in welchem Ausmaß John Cale den Klang von Velvet Underground bestimmt hat. Dieser Einfluss des Sounds, den La Monte Young mit seinem Theatre of Eternal Music geschaffen hat, ist ein sehr grundlegender Fokus für viele Rockmusiker*innen. Wie ist das für dich, da in deinem Herzen Rock’n’Roll und Klassik ja wohl jeweils die Hälfte besetzen?

Ha! Ich glaube wirklich, dass eine der positiven Entwicklungen in der Musik während meines Lebens die Erosion dieser künstlichen Barriere zwischen sogenannter klassischer Musik und Rock’n’Roll ist. Ich bin mit klassischer Kammermusik aufgewachsen und bis ich ungefähr elf Jahre alt war, war mir die Existenz von elektrischer, verstärkter Musik wirklich nicht einmal bewusst. Ich wusste kaum, dass Elvis und die Beatles existieren. Dann lernte ich Led Zeppelin kennen … Ich dachte immer, dass The Sex Pistols, The Velvet Underground, The Kinks – um nur einige Musikgruppen zu nennen – in ihrer Herangehensweise an das Musizieren sehr viel mit einem exquisiten Streichquartett gemein haben. Natürlich gibt es in verschiedenen Musikstilen unterschiedliche Elemente, die bei der Definition des Stils oder des Werks Vorrang haben, und unterschiedliche Werkzeuge, mit denen das ausgedrückt wird, was die Musiker und/oder Komponisten vermitteln möchten. Für Bill Evans oder Monk könnte es Harmonie sein; für Schubert oder Bach könnte es Melodie sein oder Kontrapunkt. Für Kanye oder Oneohtrix Point Never wäre es eher Textur und Klangfarbe; für James Brown oder Death Grips dagegen der Beat. Für Swans oder The Screamers wären es extreme Lautstärke und Aggression; für Dylan, Gil Scott Heron oder Brel könnten es die Lyrics sein. (Und diese Liste ist nur aus unserer kleinen, alten westlichen Welt …). Grundsätzlich denke ich, dass es um Schönheit geht. Schönheit ist eine sehr extreme Sache, um sie der Welt zu präsentieren. Das bereitet den Menschen oft Unbehagen. Und oft braucht es sehr hässliche Elemente, um Schönheit auszudrücken oder einen Weg zur Schönheit zu finden. Acts wie Turbobier, Wanda, Kenny G, Toto oder Johann Strauss – nun, das ist für mich eigentlich einfach eine Menge Nichts. Es ist reine Tapete. Nimmt ohne erkennbaren Grund klanglichen Raum ein und lenkt die Aufmerksamkeit der Leute davon ab, sich mit den Wundern des Menschseins auseinanderzusetzen! Und ich denke, das ist tatsächlich beleidigend und sogar gefährlich. Es geht also im Endeffekt nicht um das Genre, sondern um die Absicht.

Was können wir von dem nächsten »Peter Cat’s« am 19. Mai erwarten, an dem Sänger und Tabla-Spieler Haider Khan Gorau Werke von Philipp Glass interpretiert?

Es werden nicht nur Werke von Glass sein. Ausgangspunkt für das Konzert ist das erste Treffen von Glass mit Ravi Shankar, das ihn dazu inspirierte, sich den Rest seines Lebens mit indischer Musik zu beschäftigen. Glass ist seit Jahren ein inspirierender Fixpunkt in meiner Arbeit mit Kay Voges, dem Künstlerischen Direktor des Volkstheaters. Ganz prominent war das in »Dies Irae«, das wir 2019 für das Burgtheater geschaffen haben. Ich habe von Glass’ Beziehung zu Indien und indischer Musik erfahren, als ich seine Autobiografie »Words Without Music« las. Ich glaube nicht, dass vielen Menschen bewusst ist, wie tief diese Verbindung geht, und ich war daran interessiert, selbst mehr darüber zu erfahren. Bei »Peter Cat’s« werden Haider Khan Gorau und ich deshalb mehrere Lieder und Stücke zusammenspielen – Tabla mit Klavier und Harmonium – darunter mindestens zwei Glass-Kompositionen und auch Lieder von mir, The Kinks, Rodgers & Hammerstein-Kompositionen in Arrangements von Coltrane und vieles mehr. Und Haider wird auch solo singen und musizieren. Und es könnte einige besondere Gäste geben! Wir haben vor ein paar Tagen zum ersten Mal zusammen gejammt und es war ein absolutes Vergnügen! Ganz zu schweigen von dem köstlichen Essen, das Haider für mich gekocht hat … Haider stammt aus einer Familie angesehener Rajasthani-Musiker in der Nähe von Jaipur. Er spielt und unterrichtet regelmäßig in ganz Indien und Europa und ist ein wahrer Meister der Tabla. Diese Musik bedeutet mir auch selbst sehr viel: Ich habe Yehudi Menuhin persönlich gekannt, sah ihn zusammen mit Ravi Shankar auftreten, als ich acht Jahre alt war. Shankar ist die einzige Person, die ich jemals um ein Autogramm gebeten habe.

Kannst du skug noch erzählen, welche musikalischen Höhepunkte der Herbst am Volkstheater bringen wird?

Meine Freunde, die großartigen Calexico, treten am 25. Oktober auf. Das Konzert ist bereits ausverkauft, aber vielleicht gibt es noch ein paar Restkarten bei der Abendkasse. Den Konzertreigen im Haupthaus eröffnen Paul Weller und seine Band am 25. September. Ich habe The Jam geliebt, als ich ein Teenager war, und Paul hat ein neues Album: Er macht nach all den Jahren noch immer fabelhafte Musik. Oxbow mit dem Sänger/Poeten/Schriftsteller Eugene Robinson sollen Anfang September die Konzertsaison in der Roten Bar eröffnen. Mein lieber alter Freund und Bandkollege Kid Congo Powers (Cramps, Gun Club, Nick Cave & the Bad Seeds) bringt seine Pink Monkey Birds am 8. November in die Rote Bar. Es gibt noch so viele weitere Highlights, aber ich würde die Band eines anderen Freundes hervorheben, Xylouris/White, die eine absolut faszinierende Performance mit einem einzigartigen Sound abliefern. Die Band besteht aus George Xylouris, einer Legende der kretischen Musik, und einem der kreativsten Schlagzeuger, der je eine Band geleitet hat, Jim White (Dirty Three, Cat Power, Bill Callahan – und buchstäblich Hunderten mehr). Das findet am 14. Dezember statt. Und irgendwann im Herbst machen die tolle Little Annie und ich wieder unser Ding in Wien!

Sunn O))) haben sogar das rhiz gerockt. Es war vor vielen Jahren ein ganz besonders dröhnendes Konzert, aber die U-Bahn U6 über dem rhiz stürzte nicht ab und die über 100 Jahre alten Stadtbahn-Bögen blieben stabil. Was ist eigentlich der Grund, warum Sunn O))) nächste Saison nicht im Volkstheater spielen?

Ach, da sprichst du was an. Ich habe jahreslang versucht, sie nach Wien zu bringen und diesmal waren wir uns schon einig. Dann gab es Bedenken von Seite der technisch Verantwortlichen. Ich mag gar nicht drüber nachdenken. Es schmerzt und fällt mir nicht leicht, zu akzeptieren. 

Link: Peter Cat’s Wide World of Sound

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