Anna Dąbrowska-Lyons 1982 © Anna Dąbrowska-Lyons

Zwischen Krach und Kriegsrecht

Anna Dąbrowska-Lyons entdeckte zeitgleich ihre Liebe zur Fotografie wie auch zum Punk und kreierte damit ein bilderreiches Denkmal, das bis heute ohne Konkurrenz bleibt. Das Polnische Institut in Wien würdigt das 1978–1984 entstandene Werk ab 20. Jänner 2022 mit der Ausstellung »Polski Punk«.

»Punk-Rockmusik oder Rockmusik im Allgemeinen ist nichts anderes als eine Spiegelung der Klänge des Zeitgeists.« Das erklärt Fotografin Anna Dąbrowska-Lyon in ihrem neuen Buch »Polski Punk: 1978–1984«, das ein ergänztes und adaptiertes Pendant zu ihrem schon 1999 erschienen und bis dato beispiellosen Fotografiealbum »Polski Punk 1978–1982« darstellt, welches erstmals jene kurze, aber sehr intensive Episode dieser subkulturellen Nische in Polen porträtierte. Dabei bleibt es vielleicht eine Diminuierung der Tatsachen, wenn man diese so florierende Zeit für den Punk(-Rock) in Polen als kulturelles Nischenleben skizziert. Genauso beunruhigte es Robert Brylewski, der als Vokalist und Gitarrist der Band Kryzys (dt. »Krise«) eine der zentralen Figuren der polnischen Punkszene darstellte, wenn man die Punks dieser Zeit nur als Unterdrückte und Zensierte darstellte: »I sometimes worry when people try to show us as downtrodden, censured. That’s far from the reality. We were active at a time when the party and the special forces were in such disarray that they couldn’t handle us. […] The tales of musical martyrdom from that time anger me. Even during martial law, despite the trauma, we had a wonderful time and adventure.« (Ausschnitt eines Interviews mit Rafał Księżyk auf culture.pl).

In Jarocin 1985 © Anna Dąbrowska-Lyons

Nährboden für das Chaos

Was also gesagt werden kann, ist, dass der Punk in Polen eine grundlegende Bedeutung für alle weiteren (sub-)kulturellen Entwicklungen hatte, man ihn aber im Kontext seiner Zeit betrachten sollte. Damit entspricht er vielleicht nicht ganz den Idealisierungen, die man ihm heute, gerne auch aus der jetzigen politischen Situation heraus, gerne aufpfropfen oder zuschreiben wollen würde. Oder wie Anna Dąbrowska-Lyon dazu meint: »Ich weiß nicht, ob es damals ein größeres Regime gab als jetzt. Es gab zwar weniger Geld, aber es gab auch keinen Bedarf dafür, denn es gab nicht so viele Artikel oder Produkte, für die wir dieses Geld ausgeben wollten. […] Das Leben war einfacher, aber weniger bunt. Die Punks, vor allem die ersten, die ›First Crew‹, brachten etwas Farbe ins Leben, eine Abwechslung zum tristen Alltag.«

Dabei bieten Fotografien wie die von Dąbrowska-Lyons eine sehr geeignete Ausgangslage für ein so gesehen »immanenteres« Verständnis der Entstehung des Punk in Polen. Denn mit ihr findet man eine Wegbegleiterin von polnischen Punk-Protagonist*innen, die sich noch völlig ungeordnet und aus dem simplen Bedürfnis heraus formierten, Musik zu machen, die den Zeitgeist spiegelte: Und das in einem System, das sich konstant in einer ungewissen Schwebe befand und trotz seiner rigiden Sturheit im Kern zu kollabieren drohte. Ein perfekter Nährboden also für das Chaos, das den Punk so stark antrieb.

Dezerter in Jarocin 1982 © Anna Dąbrowska-Lyons

»Leider verstand er nicht, dass es schwieriger ist, schlecht zu spielen.«

Dieses Zitat stammt von Filmregisseur Henrik Gajewski, der so über eines der ersten Konzerte der polnischen Punk-Band Tilt berichtete und dabei die Missverständnisse anderer zeitgenössischer Musiker*innen über Punk-Musik mit einem Satz auf den Punkt brachte. Die polnische Punk-Musik, die sehr stark von der englischen Szene beeinflusst war, zeichnete sich eben genau durch diese Regellosigkeit aus: Die »braven« Vinyl-Platten durften zu Hause gehört werden – im Konzert mussten sich die Musiker*innen in jedem Moment neu erfinden. Das inspirierte und provozierte, sodass etwa bei einem der ersten Tilt-Konzerte der Betreiber des Lokals plötzlich den Strom abdrehte.

Neben der Warschauer Band Tilt, die schon eine der »reiferen« Punk-Bands darstellte, waren es aber vor allem auch sehr junge Bands wie Kryzys oder Formit, die hier den Hummus für weitere musikalische Eruptionen boten. Die Kleidung war noch nicht so uniformiert, wie sich der spätere Punk nach außen hin gab, und das oberste Credo war in erster Linie, einen Raum zu bieten, in dem die Jugend Platz für sich hatte. Dabei sollte man klarstellen, dass in dieser Ausbruchszeit des Punk auch in Polen das Politische gar nicht so bewusst als ideologisches Mittel eingesetzt wurde. Natürlich gab es Provokationen, etwa als die Band The Boors einen Song mit dem Titel »I’m not a Communist« sang, was für die Zeit durchaus gewagt war. Allerdings lag die politische »Message« der Musik hier meist nicht auf irgendeiner intellektuellen Meta-Ebene.

»Ich hatte mich nie mit Politik auseinandergesetzt. Ich hatte zeitweise sogar ein schlechtes Gewissen, dass rundherum große Dinge geschahen, doch irgendwie war es gegen mein Naturell. So, wie ich die Welt sah, war mir nicht danach, an all dem Geschehenen teilzuhaben. Meine Lebenssituation war anders«, meint etwa Tomek Szczeciński Rastek, der als Bassgitarrist sowohl bei Tilt als auch bei der Nachfolgeband von Kryzys, Brygada Kryzys spielte. Und es drückt sehr gut aus, was mit einer »immanenten« politischen Haltung des Punk gemeint ist: Der Punk in Polen war aus sich selbst heraus politisch, weil er ohne das um ihn herum bestehende System nie an die Oberfläche gekommen wäre. Und in dieser Weise war er auch die Antwort auf eine Frage, die so nie gestellt wurde.

Kriegsrecht © PAP I. Sobieszczuk

Das Kriegsrecht 1981–1983

»Ein bis zwei Wochen eines solchen Kriegsrechts heute, damit sich die Leute in jene Zeit versetzen, um selbst zu erleben, wie es damals war, und ich denke, sie würden alle ausflippen – kein Handy, kein Internet und keine TV-Nachrichten. Heute leben wir in einer Informationszivilisation, es gibt einen Dauerfluss an Information, Kommunikation und ständigen Zugang zu dieser Information. Damals wurde jedem bald klar, dass keiner etwas wusste. Es gab nämlich keine Informationen. Aus dem Fernsehen erfuhr man nichts. Jaruzelski [Anm.: damaliger Ministerpräsident von Polen] hat uns mitgeteilt, dass ab nun Kriegsrecht sei, während das TV nur Trauermusik und Kriegsfilme spielte. Wenn man in Warschau lebte, konnte man noch zu Fuß Freunde besuchen, aber für jemanden in der Provinz war es richtig scheiße«, erzählt Krzysztof Grabowski, Mitbegründer und Schlagzeuger bei der Band Dezenter.

Die Ausrufung des Kriegsrechts in Polen am 13. Dezember 1981, das mit einer massiven Verhaftungswelle von Oppositionellen und einer weit übergreifenden Korrespondenzzensur einherging und wo Polizeistunden und Ausgangssperren verhängt wurden, bremste die Punk-Szene in Polen, wenn überhaupt aber nur sehr kurzfristig. Es führte tatsächlich in dieser »neuen« Phase diesmal zu der Gründung mehrerer sich stärker bewusst intellektuell-politisch engagierender Bands, während gleichzeitig viele andere Protagonist*innen in den Westen auswanderten. So wurde etwa aus den Überbleibseln von Tilt und Kryzys die Neuformation Brygada Kryzys (dt. »Krisenstab«), die 1982 sogar das erste offiziell veröffentlichte Punk-Album in Polen herausbrachte.

»Das Kriegsrecht überstand ich zusammen mit Brygada Kryzys. Erst gegen Ende mit Izrael. Entgegen dem allgemeinen Anschein und im Nachhinein denke ich, dass es mein surrealster und somit künstlerisch intensivster Lebensabschnitt gewesen ist. Stumme Telefone, die Grenzen geschlossen – wenn man darüber nachdachte, wurde einem klar, dass es eigentlich kaum noch etwas zu verlieren gab. In einer solchen Lage liegt einem kaum noch etwas daran, sich zu realisieren, schon gar nicht um jeden Preis. Diese depressive Einsicht gewann Oberhand. Der Umstand, in einem abstrakten System verharren zu müssen, wo jeder Bauernschädel deine Würde zertrampelt, stimmte einen nachdenklich.«

Zygzak, der später die Band TZN Xenna gründete, ist mit ebendieser, nach einer Reaktivierung 2011, auch heute immer noch aktiv. »Die grausamste Poesie entstand während des Warschauer Aufstands – einer richtigen Hekatombe. Das Kriegsrecht war dagegen ein einziger Spaß, ich meine, im Vergleich zu einem echten Krieg oder dem Warschauer Aufstand. Doch war es einem durchaus bewusst, was alles hätte passieren können. Es war eine völlig andere Situation gegenüber heute. Ab den 1990er-Jahren hat sich alles gewandelt. Mittlerweile ist Polen insgesamt ganz anders, soziologisch und geopolitisch. Damals standen wir auf verlorenem Posten, wir gehörten zum ›sozialistischen Lager‹, zum Comecon und zum Warschauer Pakt. […] Als Folge geopolitischer Veränderungen verlagerte sich der Schwerpunkt nunmehr in den Kaukasus, nach Tschechien, nach Israel und in den Iran. Nun ist dort die Front, viele tausend Kilometer entfernt.« Um an dieser Stelle nochmals Kryzys-Sänger Robert Brylewskis Konter zur Annahme, Punks seien Unterdrückte, zu verstärken, muss erwähnt werden, dass gerade in jenen zwei Jahren des Kriegsrechts – also der wohl unterdrückendsten Zeit – eine Art von Punk-Tournee mitten in Polen stattfand. Und es war auf diesen Konzerten, dass der Punk seine stärksten antimilitaristischen Statements setzte.

Kamil Stor von der Band Kelner © Anna Dąbrowska-Lyons

»Fallen, Fallen Is Babylon«

»Babylon inside me / Is projecting to the outside«, schreiben Brygada Kryzys in dem Song »Fallen, Fallen Is Babylon« und provozieren damit die Frage, inwiefern der Punk in Polen bloße situative Reaktion auf die Repressalien war, der die Menschen in dieser Zeit ausgesetzt waren, und darüber hinaus was auch nach dem endgültigen »Fall« des kommunistischen Regimes von diesem Punk übriggeblieben ist. Zurückkommend auf die Ausstellung von Dąbrowska-Lyons Fotografien im Polnischen Institut in Wien wäre (wenn nicht Lockdown-bedingt unterbunden) ebendiese Vernissage mit einer Podiumsdiskussion unter dem bezeichnenden Titel »Where have all the rebels gone?« eröffnet worden.

Besagte Podiumsdiskussion wird Corona-bedingt vermutlich im März 2022 nachgeholt, doch die Frage nach der Relevanz einer solchen Publikation wie von Anna Dąbrowska-Lyons bleibt auch so im Raum stehen. Genauso wie in den 1980er-Jahren die Narrative über die Gewerkschaftsbewegung Solidarność in den Westen schwappten und so als etwas verklärte Version des rebellischen Polens »hinter dem Eisernen Vorhang« verkauft wurden, so wird auch heute vieles, das in Polen passiert, negativ idealisiert. Das soll nicht bedeuten, dass die politische Lage in Polen nicht in vielen Fragen absolut besorgniserregend und fatal ist. Dennoch muss hervorgehoben werden, dass die »rebels« der heutigen Zeit genauso aktiv, nur im kontemporären Kontext anders laut und anders sichtbar sind.

So wie die Zeit des Kommunismus einen Punk »erzeugte«, der sich aus der Unterdrückung und In-Sich-Verschlossenheit eines Systems heraus erhob, das darauf bedacht war, nichts hinaus und nichts hinein zu lassen, muss der Punk eines globalisierten Polens womöglich anders gesucht werden. Statt Irokesen und Sicherheitsnadel-übersäten Lederjacken ist das Aufständische im zivilen Polen der Jetztzeit in ganz anderen Räumen verortet. Die scheinbare Nähe unserer »Informationszivilisation«, wie Krzysztof Grabowski es ausdrückte, wird dabei zu einer gefährlichen Täuschung, hinter der sich in undurchsichtigen Datenmengen und digitalen Systemen aber auch ganz viel revolutionäres Potenzial versteckt. Oder anders gesagt: Vielleicht kann uns die Erinnerung an die Deutlichkeit und Sichtbarkeit einer Bewegung wie des Punk in Polen dazu verhelfen, die Subkulturen der heutigen Zeit wieder besser lesen zu lernen.

Die Ausstellung »Polski Punk« mit Fotografien von Anna Dąbrowska-Lyons im Polnischen Institut in Wien eröffnet am 22. Jänner 2022 und läuft bis zum 4. März 2022. Ein Autorengespräch mit Anna Dąbrowska-Lyons findet am 22. Jänner 2022 statt.

Der Artikel ist in Kooperation mit dem Polnischen Institut Wien entstanden.