»MATANGI / MAYA / M.I.A.« © Viennale

Politisch-provokante Straßenkampfparolen vs. Starkult-Luxus-Life

Die Dokumentation »MATANGI / MAYA / M.I.A«, zeichnet die Karriere der Künstlerin und ihre Bedeutung als Role Model für Feminist*innen und People of Colour fesselnd nach. Mit Informationen zum Bürgerkriegsland Sri Lanka, in dem sie geboren wurde, wird im Film des Briten Steve Loveridge leider gespart.

Eigentlich wollte M.I.A. selbst Dokumentarfilmerin werden. Das erfährt man gleich am Anfang des Films von ihr. Und sie ist es auch, betrachtet man den Fakt, dass ein großer Teil des Filmmaterials aus eigenen Aufnahmen besteht, die dem Film diesen extrem subjektiven Ausdruck verschaffen. Man sieht Matangi posieren: für die Kamera, beim Filmemachen, beim Weinen. Man sieht sie, wie sie sich selbst darstellt, denn das ist ihre Passion.

Ein Leben zwischen den Kulturen
Matangi Arulpragasam alias Maya alias M.I.A. ist Tochter eines sri-lankischen Freiheitskämpfers und als indische Refugee in Großbritannien aufgewachsen. Es ist schnell ersichtlich, was sie persönlich antreibt. Was ist sie? Inderin? Britin? Sri Lankesin? In ihrer Jugend in Indien und Sri Lanka nach eigenen Angaben als »Tomboy« bezeichnet, gilt sie nun in Britannien als »Paki«. Leicht verständlich, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nimmt, sich ihre eigene Story schreibt und zwischen englischen Vorgärten und dem verarmten Kriegsgebiet im Norden und Osten von Sri Lanka hin und her hüpft. Dort lebt auch ihr Vater Arular, ein Gründungsmitglied der tamilischen Separatisten in den 1970er-Jahren. Dessen Leben ist vom Widerstand geprägt und Matangi, stolz auf ihren Vater, den sie Zeit ihres Lebens kaum zu Gesicht bekommen hat, macht sich diese Geschichte zu eigen und verkauft sich fortan als Rebellin des Pop. Sie will nicht weniger als: Weltfrieden und tanzen. Und ihre Wut gegenüber Leuten, die ihre Macht bzw. Möglichkeiten nicht auszunutzen, um die Welt zu einer besseren zu machen, motiviert sie, es selbst besser zu machen, ihre Karriere zu starten und sich Wirkung zu verschaffen. Dazu erwirbt sie einen Bachelor in Fine Art, liest den französischen Schriftsteller und Vordenker der Dekolonialisierung Frantz Fanon, nimmt ihre Musik und veröffentlicht sie mit Videos, die einschlagen.

»MATANGI / MAYA / M.I.A.« © Viennale

Karriere-Boosts und Rückschläge
M.I.A. legt eine steile Karriere als Sängerin hin, die vor allem durch ihren innovativen, starken DIY-Zugang so gut ankommt, und wird bekannt, insbesondere auch durch ihr provokatives Engagement, den Bürgerkrieg in Sri Lanka mit seinen unzähligen Toten in Interviews, die oftmals nur den Unterhaltungswert eines Popstars einfangen hätten wollen, anzusprechen. Demgegenüber erregt ihr Video »Born Free« besonderes Aufsehen und Empörung. Darin wird ein rothaariger Junge mit weißer Hautfarbe erschossen und (Kunst-)Blut spritzt durch das Bild. Man sieht, wie M.I.A. nach 16 Jahren zurück nach Sri Lanka reist. Dort wird sie ausgelacht, da sie den Krieg, die Kampfschauplätze nie selbst erlebt hat. Und da kann man als Zuschauer*in ins Grübeln kommen. Betroffene Tamilen kommen kaum zu Wort, Singhalesen überhaupt nicht. Über den Konflikt zwischen den beiden Ethnien erfährt man nichts. Hier und da werden brutale Bilder gezeigt, die Vergewaltigung von Frauen wird erwähnt. Der Terrorismus mit hunderten Todesopfern durch die »Black Tigers« dagegen nicht, bis auf die natürlich lächerlichen Vorwürfe Oprah Winfreys im Rahmen einer Gala 2009, Matangi sei selbst eine verrückte Terroristin, weil sie sich für den Freiheitskampf der Tamilen ausspricht. Schade ist das, und statt über Politik zu sprechen, sieht man M.I.A. mit Affen spielen.

Musik mit/als Mittelfinger
M.I.A.s Musik kann man mögen oder nicht, ihr Einfluss auf die moderne Popmusik ist jedoch nicht von der Hand zu weisen. Die Doku ist vor allem eines: authentisch. Man sieht, wie ein Popstar den Spagat zwischen Popkultur und Kunst versucht und bis zu einem gewissen Grad auch schafft, diese beiden Welten glaubwürdig zu vereinen. Matangi zeigt durch ihre Aktionen mit dem Finger auf Missstände und kann irritieren. So zum Beispiel an dem Tag, als sie neben Madonna die Super-Bowl-Bühne nutzt, um den Mittelfinger in die Kamera zu halten. Nicht immer wirkt das sonderlich tiefgehend, doch hat ihre engagierte Art etwas Unkonventionelles in der Darstellung der gesellschaftlich abverlangten »braven« Frau* und Migrantin. Abschließend sei angemerkt, dass einem cis-männlichen Popstar wohl kaum bzw. weniger schnell ein Vorwurf aus seinen »Rampensau-« bzw. nicht konformen Bühnenshows gemacht würde und auch nicht zu seinem gut situierten Luxusleben. Stellt sich nur die Frage, ob das die Glaubwürdigkeit M.I.A.s bezüglich ihrer politischen Anliegen stärken kann.

»MATANGI / MAYA / M.I.A.« © Viennale

Exkurs zur Geschichte Sri Lankas
Bis die Briten nach Sri Lanka kamen und das Gebiet »Ceylon« neu strukturierten, war es dort noch mehr oder weniger ruhig. Tamilen im Norden (meist hinduistisch) und Singhalesen im Süden (meist buddhistisch) lebten seit Jahrtausenden zwar getrennt, aber vorwiegend friedlich und in regem kulturellem Austausch. Als jedoch diese beiden Bereiche zusammengefasst wurden und Tamilen in der höheren, gebildeteren Kaste wichtige Verwaltungsposten zukamen, sahen sich die Singhalesen benachteiligt. Als es 1948 zur Unabhängigkeit der Insel kam und die United National Party, eine Partei aus Singhalesen, Tamilen und Muslimen die Macht übernahm, sah es zunächst nach einer Vereinigung aller Menschen aus. Doch es herrschte Uneinigkeit über den Verbleib neu eingebürgerter Indien-Tamilen, was schlussendlich zur Spaltung führte und der Sri Lanka Freedom Party (SLFP) zur Macht verhalf. Sie gewann 1956 die Wahl und entwickelte sich rasch zu einer stark nationalistischen und ethnizistischen Bewegung. Über Jahre kam es immer wieder zu Pogromen, Massakern und systematischen Benachteiligungen der Tamilen, die im Laufe der Zeit die nationalistische Gegenbewegung Tail United Liberation Front (TULF) gründeten und einen eigenen Staat im Norden und Osten des Landes forderten.

Die Gewalt schaukelte sich hoch, separatistische Gruppen verübten Anschläge und die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) wurden zur wichtigsten Gegenbewegung. Hochrangige Personen, wie der sri-lankische Regierungschef Ranasinghe Premadasa und Indiens Premier Rajiv Gandhi wurden ermordet. Ausländische Sympathien wurden verspielt, die »Black Tigers« entwickelten sich zu einer Terrororganisation. Sri Lanka konnte im Laufe der Jahre Macht zurückerlangen, jedoch die LTTE nicht gänzlich besiegen. Es folgten Terroranschläge der LTTE und brutale Aktionen der Regierungstruppen, denen zahlreiche Zivilisten zum Opfer fielen. 2009 wurde die LTTE endgültig besiegt, der Waffenstillstand wurde aufgehoben und die umkämpften Gebiete wurden durch die sri-lankische Armee wiedererobert. Die Lage ist seitdem schlecht, in Flüchtlingscamps und Gefangenenlagern häufen sich Meldungen von Vergewaltigungen und Verschleppungen, die Versorgung durch Nahrung und Medizin ist ebenfalls ungenügend. Die Kriegsverbrechen sind bis heute noch nicht aufgearbeitet, die Situation vor Ort ist nach wie vor prekär … umso mehr hätte die Geschichte und Gegenwart Sri Lankas im filmischen Porträt von »MATANGI / MAYA / M.I.A.« einen größeren Stellenwert verdient.