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Merzbow + licht-ung

»Merzlicht«

licht-ung

Der Leverkusener Johannes Garbe ist seit Ewigkeiten mit einer Vielzahl von Aktivitäten beschäftigt, die kein Mensch mitbekommt bzw. nur jene, die ganz genau wissen, was sie wollen und wo sie es herbekommen können. Konzerte für Noise-Musiker*innen und andere flüchtige Gestalten veranstaltet er für ein kleines, aber treues Publikum, Tonträger veröffentlicht er für ebensolche Künstler*innen und hinter dem Nom de Plum licht-ung (ja, klein geschrieben und falsch getrennt) verbirgt er sich selbst, wenn er Musik macht. Das erweiterte Fantum, das solche Feierabendumtriebe zur Voraussetzung hat, ist mir nicht fremd. Finanziell bringt das alles nichts ein, gemacht werden muss es trotzdem. Natürlich. Ich nehme stark an, Garbe hat sich in der Zusammenarbeit mit Masami Akita einen Traum erfüllt, denn der Name Merzbow steht wie kein zweiter für extreme Musik, Harsh-Noise und artverwandte Geräusche jenseits der Schmerzgrenze. Die gemeinsamen Aufnahmen, veröffentlicht im 10-inch Liebhaber-Format, bringen es auf knapp zwanzig Minuten Spielzeit bzw. zwei Tracks, die zwar einerseits die Gehörgänge strapazieren können, andererseits aber durchaus melodisch ausfallen. Der »Krach« ist sorgsam strukturiert und reich an synthetischen Texturen: Es schabt, kratzt, knirscht, rauscht, quietscht – aber mit System. Solche herausfordernden Klänge legen stets Assoziationen mit extremen Bildern nahe, nicht selten drängen sich Vergleiche zu Horrorfilmen bzw. deren Soundtracks auf. Hätte ich ein Genre zum Vergleich zu wählen, um die Musik zu illustrieren, so fiele die Wahl wohl auf typische Beispiele aus dem eher surreal, psychologisch inspirierten Horror des italienischen Giallo à la Dario Argento, was vielleicht an den eingearbeiteten Violinenklängen liegt, die an den Nerven sägen. Das meine ich natürlich als Kompliment, denn dass mit »Merzlicht« kein Easy-Listening vorliegt, ist völlig klar und gut so. Und wo wir gerade dabei sind, den Blick in den musikalisch atonal inspirierten Abgrund zu werfen, sei mit angemerkt, dass es sich wirklich lohnt, solchen eher randständigen musikalischen Phänomenen Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Es gibt viel zu entdecken im Programm von Nischen-Labels wie licht-ung oder benachbarten Unternehmungen wie Econore oder Grisaille, die unverdrossen und konstant krisenfest vor sich hin werkeln und den ländlichen Raum zu internationalen Begegnungsorten umbauen. Es muss nicht immer Berlin sein. Auch in Leverkusen, Mönchengladbach oder Steinfurt ist die Welt dank leidenschaftlicher Aktivist*innen zuhause. Diese Umtriebe sind gar nicht hoch genug zu bewerten, auch wenn sie oft eine begrenzte Reichweite haben. Aber sie sind ein probates Mittel, sich auf dem Land gegen geistige Provinzialität zu schützen und ästhetisch auf Trab gegen den Alltagstrott zu halten. Auch davon »erzählt« die Musik. Der weltoffene »Krach« ist ein Signal gegen regionale Verödung und nationale Verblödung und wo sich gegenwärtig landauf, landab wieder mehr und mehr abgeschottet wird, wertvoller und nötiger denn je! 

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Text
Holger Adam

Veröffentlichung
28.10.2025

Schlagwörter

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