Chinesischer Spiegel © museum humanum

Magie der ganzen Welt im Waldviertel

Der Sammler Peter Coreth bemüht sich an der tschechischen Grenze vor allem um die Erinnerung an den Holocaust. Zum Trost – und zur Freude – gibt es im museum humanum magische Kunstwerke aus der ganzen Welt zu besichtigen

»Zum Holocaust haben wir schon verschiedene Themen der Aufarbeitung versucht«, sagt der Sammler Peter Coreth, der, ein ganzes Stück Autobahn weg von Wien, in Fratres das museum humanum leitet. So kuratierte der vor Kurzem leider verstorbene Werner Rotter Exkursionen auf jüdische Friedhöfe im Wald oder an der Peripherie diesseits und jenseits der tschechischen Grenze. »Auf der tschechischen Seite gab es etliche Ansiedlungen«, so Coreth.

Objekte zwischen heute und morgen
Die Ausstellung der Gemälde von Adolf Frankl, einem Überlebenden von Auschwitz, ist gerade vorbei – die Bilder werden eingepackt. Sehr schön sahen die Bilder aus in dem Gewölbe mit den Säulen, in dem es trotz flirrender Hitze draußen kühl bleibt. Vor allem die Selbstporträts wirkten stark. Wieder ganz anders als im NS-Dokumentationszentrum in München, für das der Direktor »starke Bilder« in knalligen Farben aussuchte. Oder in der Galerie am Judenplatz, die leider zusperren musste. Zur Eröffnung sprach Sohn Thomas Frankl und brachte die Handtasche seiner Mutter mit, die diese unter dem Arm getragen hatte, als sie den Nazimörder Alois Brunner anlog, dass sie und ihre Kinder christlich wären. So überlebten alle drei und auch Adolf Frankl, der wusste, dass seine Familie Brunner entkommen war. Ein Gegenstand als Verbindung zwischen damals und heute: Das museum humanum ist voll davon.

Selbstporträt von Adolf Frankl, um 1957 © mit freundlicher Genehmigung von Thomas Frankl

Die zweite Ausstellung, die leider ebenfalls gerade am Auslaufen ist, zeigt Fotos aus dem Warschauer Ghetto, die ein amerikanischer Soldat heimlich aufnahm. Er versteckte die Negative. Es sind alltägliche Straßenszenen im Ghetto, wie vom Verkauf gebrauchter Bücher und Druckwerke, vom Zeitungsverkauf. Die Fotos von Wehrmachtsoldaten, die Joe Heydecker machte, gingen 1945 um die Welt. Bei der Eröffnung war seine Frau zu Besuch im Waldviertel. Diese Fotos sollten unbedingt einmal in Wien gezeigt werden, im Volkskundemuseum, das auch eine Bilderausstellung mit Kinderzeichnungen aus Theresienstadt zeigte.

Rituale und Magie als Beginn der Kunst
Fünfzig Jahre lang sammelte der fleißige und eifrige Peter Coreth auf Aktionen und in Galerien Kunstgegenstände aus verschiedenen Epochen und Weltteilen. In fünf Arkaden hat er nun seine »Kunstmotive der frühesten Zeiten« in Fratres angeordnet. Arkade eins zeigt zum Beispiel das Thema »Überleben«, den »Versuch, sich mit Gerätschaften zu orientieren«. Es geht um die Jungsteinzeit, um Tieridole aus frühen Hochkulturen, Magie als Verstärkungsmittel, Tiere als Beispiel für die menschliche Seele … Babylonien! Coreth sieht Ritual und Magie als Beginn der Kunst an. Da eine labortechnische Untersuchung seiner Objekte sehr teuer ist, borgt Coreth einzelne Objekte verschiedenen Museen, die dann eine genaue Bestimmung durchführen lassen und eine Erstpublikation machen. Nur auf diese Weise kann er sich einen Museumswert erarbeiten. Coreth sucht herum – anhand von Objekten. Stellt und untersucht seine Fragen an die Schöpfung: »Als der Künstler nicht mehr an die Ikonographie gebunden war, konnte er frei und egozentrisch, mit neuem Bewusstsein arbeiten. Die Kunst musste nicht mehr magisch sein«, steht auf einer Schautafel.

Tibetischer Hayagriva © museum humanum

»Der Sammler Peter Coreth ist der Überzeugung, dass die Kunst imstande ist, mehr zu vermitteln, als es Theologie, Philosophie oder Wissenschaft können. Diesem Surplus, dem Privileg der Menschen schöpferisch an der Schöpfung teilzuhaben, versucht er eine Ordnung zu geben«, schrieb Werner Rotter im Katalog »Weltbilder im Spiegel der Kunst. Die Sammlung Peter Coreth« (2009). Rotter war Bibliothekar im Literaturarchiv der Nationalbibliothek und gestaltete auch viele Projekte mit Flüchtlingen. Sein Nachsatz im Katalog lautet: »Wenn die Gesellschaft Sinnstiftung verweigert, kann und soll künstlerische Gestaltung auf Sinnentleerung verweisen. Und sich von den Erwartungen an sie entlasten.« Wie auf der Documenta, die damals von österreichischen Kuratoren gestaltet wurde, fehlen in Fratres die Schildchen mit der Einordnung der Gegenstände. Im Katalog ist aber angeführt, von wo und wann die sind. Gravur, Relief und Malerei. »Der Weg zur Kunst führte über Kult und Magie«, »Analogiezauber«, »Mensch und Tier miteinander verschmelzen« – alles Anregungen, die haufenweise Assoziationen zulassen. Kopfkino.

In memoriam Werner Rotter © privat

Link: http://www.museumhumanum.com/