Am Eingang zur Ausstellung hängen zwei halb ausgerollte Banner der aus Kharkiv stammenden Künstlerin Olia Federova, auf denen Kindergartenspiele und der städtische Sternenhimmel einer dunklen Kriegsnacht mit der Arbeit von Minensuchtrupps verknüpft werden. Begleitet wird das Bild vom Soundscape der Arbeit »Echos auf porösen Böden« von Stefaniia Bodnia und Jack Dove. Dabei dienen fünf vertikal aufgehängte Metallplatten mit auf- und abgetragenen Sedimentschichten in unterschiedlichen Größen und Dicken den an der Rückseite angebrachten Lautsprechern als Resonanzkörper, um die gewaltsame Umformung der Landschaft durch die Kriegsindustrie zu rekonstruieren. Die Verdrahtung der Platten und das grelle Scheinwerferlicht des Ausstellungsraums, das der Installation unheimliche Schatten hinzufügt, verstärken die unerbittliche Härte der Bilder, die auch an Ausschnitte militärischer Luftaufnahmen zerstörter Landstriche erinnern, in denen das Menschliche zur abstrakten Struktur wird.

Direkt davor, in der Mitte des Raumes, liegt Sergey Bratkovs quadratische Schaumstoffstruktur mit einem beträchtlichen Loch auf dem Boden und hält die Betrachter*innen gefangen, indem es den Assoziationen freien Raum lässt, diesen aber zugleich physisch dominiert. An einer anderen Wand hängen zwei in Rot getauchte Fotografien von Ihor Okuniev; man erkennt nicht viel, etwas Erde, ein Büschel Gras vielleicht – und das reicht auch schon. Die beiden Fotos sind tatsächlich nur der visuelle Teil der Arbeit »Fields«, in deren Zentrum eine zehnminütige Toncollage steht (hörbar mittels Kopfhörer), die ganz im Sinne von Iannis Xenakis komponierte Klangräume mit Tonaufnahmen kombiniert, in denen der im Hintergrund deutlich wahrnehmbare Krieg eine bedrohliche Kulisse bildet. Die Tonebenen funktionieren nicht nur als Soundtrack für die beiden Fotografien, sondern auch für Lesia Vasylchenkos Arbeiten »Night« und »Tachyoness«, zwei filmische Rekonstruktionen über viele Jahrzehnte ukrainischer Nacht bzw. Morgendämmerung. Vasylchenko schlägt damit eine Brücke zur langen Vorgeschichte russischer Aggression gegen die ukrainische Bevölkerung, Sprache und Kultur bereits vor dem Angriff auf die Ukraine 2022.

Zwischen Kriegsbildern und Friedensvisionen
Im zweiten Raum der Ausstellung findet sich dann mehr Farbe, deren Pracht jedoch auf ganz unterschiedliche Art und Weise bricht. So lassen Anca Benera und Arnold Estefán in »Rehearsals for Peace« ihre Protagonistin in einem bunten Kostüm – Leuchtfarben kombiniert mit Camouflage – durch eine ausladende Videoinstallation tanzen, um Frieden zu beschwören. Die Arbeit bildet einen spannenden Kontrast zu den minimalistischen Arbeiten, die ansonsten in der Schau zu sehen sind. Diese schöpfen ihre Kraft manchmal aus einer subtilen Assoziation, die sich erst bei genauerer Betrachtung erschließt; wie etwa im Fall von Elena Kristofors »Wie eine Geranie rot«. Auf einer breit ausgerollten Stoffbahn hat die Künstlerin rote Geranienblüten zerdrückt, die auf den ersten Blick wie Blutstropfen wirken. Die beigefügte Information, dass »Geranie« auch der Name einer russischen Angriffsdrohne ist, lässt dem*der Betrachter*in das Blut in den Adern gefrieren.

In Kateryna Aliinyks Bild, das einer brutal zerstörten Waldlandschaft eine Bühne bietet und dessen Acrylfarben auf dem geklebten Paper sinnbildlich zerrinnen, stellt die aus Luhansk stammende Künstlerin herausfordernd fest: »What the Heroine Wants Is The Main Question« – und stellt damit die Machtstrukturen kurzerhand auf den Kopf. Einen Kontrast dazu bieten Daria Koltsovas dornige Sonnenblumen aus schwarzem Glas und Metall, die als »Witnesses« das Unrecht und die Zerstörung dieses Kriegs bezeugen. Es ist unbestritten ein düsterer Blick auf die Ukraine, den die Kurator*innen Serge Klymko und Sarah Jones mit »Vertical Horizon« für die Kyiv Biennale 2025 im Lentos Linz zusammengestellt haben. Zugleich beeindruckt aber auch die aus minimalen Mitteln schöpfende Kreativität der teilnehmenden Künstler*innen, welche mit Hoffnung und dem Wissen um Gerechtigkeit anzustecken vermag.

Die Kyiv Biennale 2025 ist noch bis einschließlich 6. Jänner 2026 im Lentos Kunstmuseum in Linz zu sehen. Parallel zu dieser Schau finden im Rahmen der Biennale noch weitere Ausstellungen im Museum of Modern Art Warsaw (bis 8. Jänner 2026), im Museum of Contemporary Art Antwerp (bis 11. Jänner 2026) und im Dnipro Center for Contemporary Culture (bis 7. Februar 2026) statt.











