Simon Mayer © Niko Havranek

Keine Motorsägen und Peitschen im Tonstudio

Die neue Gastkuratierungsreihe »TQW Explore« findet vom 8. bis 13. Oktober im Tanzquartier Wien statt. Den Auftakt macht Simon Mayer mit seinem Stück »Der ekstatische Körper«. Mit skug hat der Choreograf, Tänzer und Multi-Instrumentalist über seine musikalische Sozialisation und seine Performances gesprochen.

Gemeinsam mit Choreograf*innen der Wiener Szene lädt das Tanzquartier Wien erstmals in dieser Saison, der zweiten unter der künstlerischen Leitung von Bettina Kogler, zu dem neuen Format »TQW Explore«. Jeweils für eine Woche werden die TQW-Studio-Räumlichkeiten für Grenzüberschreitungen zwischen den Bereichen Training, Performance, Research, Theorie und Party geöffnet. Den Anfang bestreitet Simon Mayer mit seiner Performance »Der ekstatische Körper«. skug hat ihn auf einer Liegewiese an der schönen Alten Donau zum Interview getroffen.

Simon Mayers Vater Karl spielte lange Zeit in einer Band, war Blasmusiker und sang in einem Chor. Den Wunsch, Musiklehrer zu werden, hat er für einen sicheren Beruf als Bankangestellter nicht weiterverfolgt. Bei seinen drei Söhnen Peter, Philipp und Simon galt es aber gleich einmal, herauszufinden, ob sie gut singen können. Simon Mayer erinnert sich: »Mein Vater glaubte anfänglich bei meinem zweiten Bruder Philipp, dass er nicht singen kann. Dabei hat er schon damals die zweite Stimme gesungen und damit die Harmonie zu den anderen brüderlichen Stimmen gesucht. Er ist jetzt Opernsänger.« Seit fünf Jahren existiert der singende Familienverband, vom Vater und seinen drei Söhnen als Männervokalensemble LosA benamst. LosA steht dabei laut Selbstbeschreibung einerseits für den Innviertler Ausdruck »losen«, also das Dazusingen einer zweiten Stimme ohne Noten. Es kann aber andererseits auch als Aufforderung zum Losen im Sinne von Zuhören verstanden werden.

Pendeln zwischen den Talenten
Aber zurück zu Simon Mayer und seinen ersten Instrumenten. Die Blockflöte stand wie bei so vielen Kindern am Beginn seiner »edukativen Instrumentalisierung«. Als Mozartfan wollte er dann auch Geige und Klavier lernen. In der eigenen Band Rising Halfmoon spielte er später aus praktischen Gründen Gitarre, weil »sie transportabel ist beim Pendeln zwischen Andorf und Wien.« Bei den Wiener Sängerknaben wollte er trotz seines Gesangstalentes nie singen, dafür begann er 1997 mit dem Unterricht an der Wiener Staatsopern-Ballettschule. Simon Mayer zum Faszinosum des Musizierens: »Mich hat das Experimentieren mit Klängen mehr interessiert als herkömmliche Virtuosität an den einzelnen Instrumenten – das Arrangieren, das Zusammenholen von Klangflächen und Klangfarben, die Kommunikation zwischen Klängen und Rhythmen. Es gilt, das eigene Klangspektrum und die eigene Musikalität zu erweitern, da es auch das Bewusstsein erweitert.«

Wichtig war für Simon Mayer dafür die lange Zusammenarbeit mit seinem Bruder Peter, der als Gitarrist und Komponist u. a. das Black Page Orchestra belebt. Simon Mayer ist beim gemeinsamen Geräuschmusizieren mit Peter aufgefallen: »Wenn die experimentelle Musik gekoppelt war mit etwas Visuellem im Rahmen einer Performance oder eines Tanzstückes, dann war das auch etwas für Leute, die sonst nie zu einem experimentellen Musikkonzert gehen würden. Experimentelle Musik wird durch einen physischen Aspekt sichtbar gemacht und so für das Publikum annehmbarer.«

Kopf hoch, Kunstkopf!
Mittlerweile hat Simon Mayer bereits vier Alben im Eigenvertrieb veröffentlicht: »Monkeymind«, »SunBengSitting«, »Sons of Sissy« und »Oh Magic«. Diese sogenannten Audio-Performances sind der Soundtrack seiner Live-Performances, sie sind nahe am musikdramaturgischen Original des Bühnenstückes und die einzelnen Musiknummern sollten daher auch in der vorgegebenen Reihenfolge gehört werden. Oder anders ausgedrückt: »Das ist der umgekehrte Versuch, eine Performance als experimentelles Musikstück zu verstehen und auf CD hörbar zu machen.«

Heuer präsentierte Simon Mayer im Rahmen des Impulstanz-Festivals in der Roten Bar im Volkstheater die Audio-Performance zu seinem Solostück »SunBengSitting« sowie zu seinem queeren Männerquartett »Sons of Sissy«. Dabei wurden auch zwei Musikvideos mit starkem Making-of-Charakter gezeigt. Simon Mayer wollte mit den Musikvideos den Entstehungsprozess der CDs »SunBengSitting« und »Sons of Sissy« darstellen: »Das Musikvideo ist der Link zwischen der Live-Performance und der Audio-Performance. Es ist ein Hybrid aus Video-Clip und einem Making-of in Form einer kurzen Tanz- und Performance-Doku.« Neben verschiedenen Aufnahmeorten in Oberösterreich wurde auch im Tonstudio und in einem Tanzstudio gefilmt. Das Tanzstudio wurde aus folgenden Gründen gemietet: »Mit der Motorsäge durfte ich wegen der Abgase nicht ins Tonstudio. Und die Aperpeitsche wäre zu lang gewesen.«

Kunstkopf, Raum-Mikrofonie von vier Seiten, Boden-Mikrofonie, ein Mikro für die Atmung. Simon Mayer war bei der Aufnahme von »SunBengSitting« und »Sons of Sissy« die räumliche Komponente sehr wichtig. Das führte mitunter zu folgenden Situationen: »Gerade bei ›SunBengSitting‹ kann ich mich erinnern, dass die beiden Tontechniker irgendwann einmal fassungslos vor dem Bildschirm gestanden sind und ständig auf- und abgescrollt haben. Sie haben dann im Internet über Michael Jackson recherchiert, der ja auch Tanzgeräusche und Musik gemischt hat, und festgestellt, dass wir durch die vielen Mikrofone schon über der Spurenanzahl von einer Michael-Jackson-Produktion waren.«

Nacktheit und Normpublikum
Dass Simon Mayer vielspurig künstlerisch agiert, dürfte hiermit episodisch dingfest gemacht worden sein. Auch was das Kuratieren von Festivals betrifft, kann er auf eine lange Erfahrung bauen. Gemeinsam mit seinen Brüdern hat er sieben Jahre lang das Festival SPIEL am heimatlichen Hof veranstaltet. Oder lokale oberösterreichische Bands unter dem Format »Als die Tiere den Stall verließen« kuratiert. Letztes Jahr im Juli gab es in Andorf das Volxfest. Ein Festival mit einem breiten Kunstverständnis, das auch traditionelle Bräuche als Kunstform wertschätzt. Neben seinen eigenen Performance-Stücken »SunBengSitting« und »Sons of Sissy« waren somit auch Volkstanzgruppen anwesend oder der Goaßlschnalzer-Verein.

Das traditionelle Publikum fühlte sich zum Teil von der Nacktheit in den Stücken provoziert. Simon Mayer wollte aber das lokale Publikum nicht abschrecken, sondern suchte gezielt den Dialog: »Natürlich gab es neben Begeisterung auch Aversion als Reaktion zu den Performances. Die Inspiration zu den Performances von ›SunBengSitting‹ und ›Sons of Sissy‹ stammt von Ritualen und Zeremonien am Land und so wollte ich, dass nicht nur das Normpublikum für zeitgenössischen Tanz in Wien damit konfrontiert wird. Bei meinen Stücken spielen die Momente von Volkstänzen, die durch Lebensfreude und Spontanität entstehen, eine große Rolle. Interessant war zum Beispiel bei der Premiere von ›SunBengSitting‹ in Wien, dass sehr viele Menschen im Publikum davor noch nie zeitgenössischen Tanz gesehen hatten. Es waren Leute aus Volkstanzgruppen, die in Wien studierten, oder auch viele befreundete Musiker*innen. Dieses Musikpublikum hat jeder Szene im Stück applaudiert und das hat mich in der Idee bestärkt, es als Konzert mit verschiedenen Nummern zu sehen und das auch als CD herauszubringen.«

Kompografie
Auch bei der aktuellen Musik-Performance-Show »Oh Magic«, die vordergründig von den Themen Robotik und Transhumanismus gezeichnet scheint, geht es um Traditionelles. Dem Stück ging eine intensive Recherche über Volksmusik, Volkstanz und Tradition voraus. Elemente des Rituellen wurden herausgearbeitet, es galt, »Systeme zu erkennen und zu hinterfragen, warum es sie gibt.« Was für Rituale, musikalische wie auch performative, finden wir in unserem Alltag? Wie könnte futuristische Volksmusik klingen? Welche universellen Merkmale und Techniken, Elemente wie der Kreis oder der Bordun in der Musik liegen Ritualen zugrunde? Das waren unter anderem basale Fragestellungen für das Stück »Oh Magic«. Aus choreografierten Bewegungen heraus wurde Musik erzeugt, Simon Mayer nennt diese Herangehensweise Kompografie: »Ich möchte mit diesem Begriff zum Ausdruck bringen, dass es für mich keine Grenzen und Trennungen zwischen Bewegung, Musik und Expressivität gibt.«

Durch das intensive Tourneeleben ist Simon Mayer gezwungen, seinen Heimatbegriff ständig zu adaptieren: »Zum einem suche ich sie in mir selber, das ist ein ultimatives Ziel. Heimat ist aber auch die Umgebung, sind lokale Ankerpunkte und die Leute, von denen ich mich verstanden fühle. Wo auch das verstanden wird, was ich meine, und nicht nur das, was ich sage. Und auch die Bühne ist ein Ort der Heimat, an dem ich mich hingeben und loslassen kann, der mich bemächtigt und befähigt. Ein Platz, wo ich in meiner Kraft bin, wo der menschliche Körper alles ausdrücken darf.«

Aktuelle Inspirationsquellen für Simon Mayer sind die Beschäftigung mit Vipassana-Meditation, Tantra und Schamanismus: »Atem, Stimme und Bewegung sind drei Schlüssel zur Bewusstseinserweiterung.« Praxis und Theorie zur Aktivierung von Trance-Zuständen von individuellen und kollektiven Körpern im Zustand des Im-Moment-Seins kuratiert nun Simon Mayer gemeinsam mit dem Anthropologen und Performer Manuel Wagner und drei belgischen Künstlerinnen aus den Bereichen Kunstanthropologie und Film im Rahmen von »TQW Explore« vom 8. bis 13. Oktober.

Links: http://simonmayer.at/
https://tqw.at/event/der-ekstatische-koerper/