Illustration © Benedikt Haid

»Karl Marx’s 200th!«

Das Karlsruher Label Karl Records feiert Karl Marx’ 200. Geburtstag unter Leitung seiner theoretischen Expertise mit einem mensch-maschinellen Geburtstagsmix.

Noch älter als Karl Marx ist der Kapitalismus, der seiner Natur nach ungezügelt ist und nach grenzenloser Gier der gesellschaftlichen Akteure verlangt. Fortwährende Ausbeutung der ArbeiterInnen und der nichtmenschlichen Natur drängen dazu, sich der Theorien eines der wichtigsten und einflussreichsten Philosophen und Ökonomen des 19. und 20. Jahrhunderts anzunehmen, um den erbärmlichen Zustand der Welt zu überwinden, die Wege einer gerechten und solidarischen wirtschaftlichen Organisation zu gehen. Da, seinem Ableben zum Trotz, Karl Marx’ Geburtstag heuer mal wieder mit Pauken und Trompeten gefeiert wird, scheuen sich auch die 28 auf dieser Doppel-CD versammelten KünstlerInnen nicht, ihm ihre Grußworte auszurichten und mit ihren (zum Großteil) eigens für die Compilation komponierten Stücken ein gehöriges Ständchen darzubieten.

Beiträge aus den Genres Ambient, Drone, Noise, Elektronik, Tape Music, Elektroakustik usw. zeigen einen Ausschnitt der zurzeit in der Musik arbeitenden radikalen KomponistInnen. Der berühmte Bebartete, der aus dem Wahnsinn der Gegenwart heraus nach einem Entkommen in eine kommunistische Gesellschaft ohne Ausbeutung verlangte, dient hier als Inspiration, Vorbild oder Assoziation. Analog zu seinen Ideen einer Umwälzung der gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse darf hier nicht von einer Flucht in eine Alternative gesprochen werden, sondern der Hörer/die Hörerin ist dazu angehalten, die Musik mit Blick auf die Gegenwart in all ihren Aussichten und Abgründen zu rezipieren.

»Karl Marx’s 200th!« (2CD/DL) erscheint am 8. Juni 2018 auf Karl Records

Die Welt der Maschinen
Andreas Reihse eröffnet die Compilation mit einem zwielichtigen, kurzen Ambient-Stück, Natalie Beridze spinnt den roten Faden fort. Das ist ein durchaus gut funktionierender, ansprechender Einstieg und geht auch so weiter. Ein erster Höhepunkt ist Jasmine Guffond. Sie liefert eindrucksvolle, betörend-verstörende Tape Music, also eher kurze Aufnahmefetzen vom Band, die sich immer wieder wiederholen und somit ein kurzes Zeitfenster schaffen, über das sich dann Sounds legen, sublime Melodeyen, Layer aus von Menschen gemachter Schönheit, die das Lebensfeindliche des maschinellen, selbst zeitlosen Einerleis überlagern. Es klingt, als würden Menschen sich die Welt der Maschinen zurückerobern.

Metallische Klänge mit Sprachschnipseln. Das Projekt Gitter nimmt es äußerst wörtlich: Man hört die Arbeiter bohren, spinnen, weben und was man nicht sonst noch so alles mit seinen vier Extremitäten schaffen kann. Hammerschläge. Yr Lovely Dead Moon lockern die Stimmung ein wenig mit einem trip-hopigen Stück auf. Den Mittelpunkt nimmt der gebürtige Wuppertaler Caspar Brötzmann mit einer fast achtminütigen Impression seines bekannten Gitarrensounds ein. Marc Weisers Stück »Kapital« klingt – als eines von wenigen – im landläufigen Sinne »schön«. Einen Einschnitt macht das kurze »Making this now« von Narrow Bridges, das bloß aus menschlichem Gesang an die Rufe einer Demonstration denken lässt, gefolgt von verschiedenen, äußerst experimentellen Elektro-Arrangements. Den Abschluss bildet der Gitarren-Track der Band Warnings, die mit dem Stück »Juif« noch einmal an den religiös-kulturellen Hintergrund Karl Marx’ erinnert (für alle, die es nicht wissen: Marx war Jude, sein Vater wurde allerdings zur Taufe gezwungen, um sein Amt behalten zu können).

Das Antlitz des Jubilars aus dem Booklet zur Compilation © Karl Records

Radix kommt von Wurzel
Das Ergebnis ist eine eindrucksvolle Compilation, und eindrucksvoll ist hier in zweierlei Weise gemeint und zu verstehen: Zum einen ist die Sammlung ob ihrer Musikalität beeindruckend: Wer sich kaum auskennt mit dieser Form von Musik, bekommt einen guten ersten Eindruck und Überblick über das, was eigentlich »maschinell« so möglich ist. Doch auch für geübte Ohren ist einiges Neues zu Entdecken. Zum anderen erschafft das, was man in diesen gut 120 Minuten klanglich geboten bekommt, einen Eindruck, der jeden, der einmal ein paar Seiten des »Kapitals« aufgeschlagen hat, an die düsteren Zeiten des Industriezeitalters erinnert. An den Anfang der systematischen Ausbeutung des Menschen, an eine durch und durch ökonomisierte, lebensfeindliche Gesellschaft, welche Menschen wie Maschinen arbeiten lässt, wo sich Maschinen zu Agenten eines (scheinbar) nicht aufzuhaltenden Prozesses verwandeln.

Der Sound auf den beiden CDs ist – wenig überraschend – vornehmlich elektronisch. Die Maschinen werden von Menschen bedient, sind jedoch klanglich so weit entfernt von dem, was natürlich klingt, dass die Musiker kaum mehr eine maßgebliche Rolle zu spielen scheinen. Nur die Hörenden nehmen die Sicht von Zusehenden ein, sie stehen vor einem riesengroßen Portrait – ähnlich dem berühmten »The Iron Rolling Mill (Modern Cyclopes)« Adolph von Menzels – das sich in einer Sammlung unmittelbar neben einem Screenshot aus »Blade Runner« befindet. Der Sound geht zurück zu den Wurzeln der Geschichte (Marx’), die sich bis heute fortzieht. Die Musik ist also nicht bloß eine Reise ins 19. Jahrhundert und zu Marx, sondern zeigt den roten Faden, der sich bis ins Heute verläuft.

Adolph Menzel: »The Iron Rolling Mill (Modern Cyclopes)«, 1875

Marx lesen
Neben der großartig zusammengestellten Sammlung von Musik beinhaltet die »Karl Marx’s 200th!«-Box eine kleine Auswahl an Essays und Reflexionen von Nina Power, Kerstin Stakemeier, Ewa Majewska, ME Raabenstein und Alex Gawronski, die einerseits als Begleitung oder Einführung dienen, andererseits Überblicke und Eindrücke aktueller Diskurse geben. Der ebenfalls als Musiker auf dem Mix vertretene Martin Eugen Raabenstein fragt ironisch in seinem Essay: »Was, wenn die künstlichen Intelligenzen dereinst wirkliche Intelligenz entwickeln und Marx für sich entdecken?«. Nun ja: Die auf der Compilation zu hörende Musik klingt, so darf man frech behaupten, doch hier und da schon, wie es klingen könnte, würden künstliche Intelligenzen die Musik für sich entdecken. Ewa Majewska zeichnet in ihrem Essay ein alternatives Bild der Marx’schen Denke. Alternativ in dem Sinne, dass es ihn nicht als trockenen Stubenhocker darstellt, sondern als einen, der sich der menschlichen Natur und seiner menschlichen Bedürfnisse, der Gefühle und der Leidenschaft – zu der er mit Sicherheit auch die Musik gezählt hätte – bewusst war, und gibt einen Ausblick über moderne Kunst im Zusammenhang mit der Frage des Politischen. Da auf der Compilation überzeugende, aktuelle Musik präsentiert wird, die vom Marx’schen Denken inspiriert wurde, scheint es, als habe sich der Jubilar das beste Geburtstagsgeschenk selbst bereitet.

Die Compilation »Karl Marx’s 200th!« (2CD/DL) erscheint am 8. Juni 2018 auf Karl Records. Die Einnahmen aus dem Tonträgerverkauf werden gespendet. Die Releaseparty findet am 15. Mai 2018 im Image Movement, Oranienburger Straße 18, 10178 Berlin statt.

Link: http://www.karlrecords.net

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