Kaizers Orchestra

Die Welt mag im Sumpf versinken, doch die Band aus Norwegen kümmert das kaum. Auf ihrem mittlerweile dritten Album spielen sich Kaizers Orchestra zu gewohnt unterwerfungswürdiger Form. Musikalisch ausgelastet hat sie das aber noch lange nicht.

Wer war zuerst da – der (fiktive) Mafiapate Mr. Kaizer oder sein Orchestra? Die Frage löst sich mit einem Lied auf den vorwurfsvoll geschürzten Lippen. Noch nannten sich Janove Ottesen und Geir Zahl Gnom und hatten gerade ihre erste gemeinsame Band, Blod, Snått og Juling hinter sich. Ihr Stück »Bastard« kennt einen gewissen Mr. Kaizer als Besitzer von gut im Futter stehenden Siamkatzen. Davon bis zum nur bedingt barmherzigen Schutzherren ist der Weg kurz und auch leicht zu finden – einfach immer der trotz bester Laune übelgesonnenen Atmosphäre nach. Als Kaizers Orchestra ist man zu sechst, Ottesen/Zahl sind dabei aber die nach wie vor Wort- und Federführenden. Mit dem Debütalbum »Ompa Til Du Dør« begab man sich in schlechte Nachbarschaft. Der Inhalt strickt sich um einen Clan unter Leitung eben jenes Mr. Kaizer, als dessen Hauskapelle die Norweger sich namentlich ausgeben. Der durch diese textoberflächliche Gemeinsamkeit gebildete Kern gab den Norwegern einen Fixpunkt, von dem aus sie ihre Ausflüchte in ungewohntere Instrumentalsphären unternehmen konnten. Felgen, Ölfässer und Sirenen wurden auf ihre Tauglichkeit geprüft und für gut befunden. Über das nachfolgende »Evig Pint« haben sie zu einer variablen Form der Rock-Polka-Wasauchimmer-Verschmelzung gefunden, die sich nicht mehr hinter einem festen Personeninventar verstecken muss, um zu glänzen. Was aber nicht heißt, dass das aktuelle »Maestro« auf angedeutete Rollenspiele und schwarzen Humor verzichtet. Dabei einen kühlen Kopf zu bewahren ist genauso ein Ding der Unmöglichkeit wie bewegungsfaul zu bleiben. Um vielmehr den Fans als sich selbst eine Verschnaufpause zu gönnen, ließ man die Leine länger und gab sich in den letzten Monaten äußerst auftrittskarg.

Die Musiker lagen allerdings nicht zum Schein der Mitternachtssonne auf der faulen Haut. Erstens galt es, am gemeinschaftlichen Material weiter zu feilen, um damit auch zu verhindern, dass das verwendete Bühnenblech Rost ansetzt. Die vorübergehende Konzertabstinenz der Band gab ihren Mitgliedern die Möglichkeit zum Ausleben weiterer musikalischer Triebe. Janove Ottesen legte dabei den größten Abstand zwischen sein Soloprojekt und den als Verschwörertreffen endenden Konzerten des kaizerlichen Orchestras. Auf »Francis‘ Lonely Nights« knüpft er an die ruhigeren Töne der Gnom-Zeit an und ist als Singer/Songwriter wie gegen den Strich gebürsteter Samt – sanfter, ein wenig geschmeidig und doch nicht glatt. Gitarrist Terje Vinterstø erweckte Skambankt zu neuem, lauten Leben. Machen Kaizers Orchestra Widerstand schon so gut wie unmöglich, überrollt Terjes Band den unvorbereiteten Hörer wie ein mit Rock, Wut und Attitüde beladener D-Zug. ??yvind Storesund strapaziert weiterhin die Basssaiten und löst sich auch mit dem (Freejazz? Rock?)Trio Cloroform aus betäubendem Einheitsbrei. Nun aber ist es an der Zeit, für »Maestro« die Kräfte zu bündeln. Die albumbegleitende Tour führt Kaizers Orchestra u.a. am 28. 9. in die Szene Wien.

Kaizers Orchestra: »Maestro« (Universal)

http://www.kaizers.no
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http://www.cloroform.com
http://www.skambankt.com