Seth Graham © Seth Graham

Hyperrealistische Klassik

Der Musiker und Komponist Seth Graham balanciert behände zwischen den Bereichen Neue Musik und IDM/Electronica. Am 3. Juni 2019 kommt der Amerikaner für einen seiner seltenen Auftritte nach Wien ins fluc!

Neue Musik avanciert zurzeit immer mehr zu den einflussreichsten musikalischen Strömungen, nicht nur, aber besonders in Wien. Das liegt wohl vor allem daran, dass darin neue Klassik und (Free) Jazz – etwa für Adorno noch spinnefeind –, zudem experimentelle elektronische Musik, eine subversive Herangehensweise an Popularmusik, Improvisation und Performance, die Liebe zu klassischer Instrumentation, aber auch zu neuen Musikerzeugungstechnologien auf verblüffende Art verquickt werden.

Avantgarde für viele
Wer sich für Neue Musik interessiert, ist in Wien eigentlich schon seit hundert Jahren, aber besonders im Moment am richtigen Ort. Fast täglich (!) kann man sich avantgardistische Musik aus der »Nische der Nische der Nische« (Herbert Lacina) anhören. Sei es im Echoraum, im AU, im KunstbeTrieb, im fluc, im celeste, an ehrwürdigen Orten wie dem Schönberg Center, der Ruprechtskirche und dem Klangforum, oder im Rahmen reputierlicher Veranstaltungsreihen wie Wien Modern.

Trotz des großen Angebots gibt es allerdings immer wieder besondere Highlights, die oft auf Taubenfüßchen daherkommen. So wie etwa der Auftritt des Amerikaners Seth Graham, der für eine Handvoll Soloauftritte nach Europa reisen wird. Neben Berlin und Prag wird er am 3. Juni 2019 auch Wien besuchen und im fluc gastieren. Zusammen mit Keith Rankin (Giant Claw) ist er Begründer des gemeinsamen Musikprojekts Cream Juice und des renommierten Tape-Labels Orange Milk Records, ein Tummelplatz für Tape-Nerds, Vaporwave-Geeks und musikalische Experimentalist*innen.



Musik zwischen Mikrotonalität und Klangwänden
Grahams letztes Album »Gasp« fand auf »Tiny Mix Tapes« und im »Rolling Stone Magazine« Anklang. Es wurde zudem unlängst in Auszügen vom russischen Kymatic Ensemble interpretiert. Graham zählt zu seinen Einflüssen ebenso John Eaton wie Herbie Hancock und reiht sich ein zwischen Musikschaffenden wie Noah Creshevsky, György Ligeti, İlhan Kemaleddin Mimaroğlu, Susumu Yokota. Bezüge zu jüngeren Talenten stellen etwa Malte Giesen, Kristoffer Zegers oder Richard D. James dar. Mit seiner Musik nimmt er eine Mittelposition zwischen leiser Mirkotonalität und intensiven Klangwänden, zwischen analog und digital instrumentierter Musik ein.

Live im Wiener fluc
Der in Japan aufgewachsene Musiker und Komponist Graham absolviert gerade ein Philosophiestudium und schreckt eigentlich davor zurück, auf Tour zu gehen, wie er in einem Interview verrät. Denn er hält es für eine große Herausforderung, die mikrotonalen Details ebenso wie die präzise gesetzten Pausen zwischen Soundclustern adäquat umzusetzen, welche den besonderen Sound der meisten seiner Werke ausmachen. Umso mehr stellt es ein Privileg dar, ihn live erleben zu können.

Graham verwendet für sein Live-set-up den Ableton Push 2-Controller sowie Max MSP, mixt über 400 Samples aus 89 Songs mit MIDI-Elementen, und manipuliert, respektive dekonstruiert das Ganze improvisatorisch. Er vereint die Herangehensweisen von Interpret*innen notierter sowie improvisierter Neuer Musik und Live-Acts aus dem Bereich der experimentellen elektronischen Musik und nimmt, seiner eigenen Aussage nach, Live-Auftritte so ernst wie Studioaufnahmen. Diese Herangehensweise verrät einen großen Hang zur bis ins Einzelne ausgearbeiteten und ausgereiften Präsentation von Musik. Man darf also wahrlich gespannt sein auf einen außergewöhnlichen Abend!

Link: https://sethgraham.bandcamp.com