»Es gibt so viele Morgenröten, die noch nicht geleuchtet haben.« Dieser Spruch aus dem »Rigveda« ist Nietzsches Schrift »Morgenröte« vorangestellt. Nach wie vor gibt es auch viele Live-Aufnahmen, die der Öffentlichkeit noch nicht zu Ohren gekommen sind. Von Hüsker Dü sind soeben ein aufpolierter Live-Mitschnitt eines ganzen Gigs sowie 20 weitere Live-Aufnahmen von 1985 erschienen. Wer für das Vierfach-Vinyl mit 36-seitigem Booklet nicht so tief in die Tasche greifen möchte, sollte zumindest auf Bandcamp reinhören. Es lohnt sich für alte Fans und diejenigen, die das Powertrio aus Minneapolis vielleicht erst jetzt für sich entdecken. Am 14. Jänner 1985 hatte SST Records das Hüsker-Dü-Album »New Day Rising« veröffentlicht. Für Bob Mould, Grant Hart und Greg Norton brach damit nicht nur ein neuer Tag, sondern ein entscheidendes neues Jahr in einer Phase ungebremster Kreativität und Produktivität an. Hüsker Düs Debütalbum »Land Speed Record« war – auch für Punk-Verhältnisse unkonventionell – ein Live-Mitschnitt eines Gigs vom August 1981 gewesen. Rasender Hardcore-Punk, der auch ihre Peers von Black Flag, Minutemen und den Dead Kennedys mächtig beeindruckte. Als sich in den folgenden zwei Jahren immer mehr Bands anschickten, den »Ultracore« in puncto Tempo zu toppen, bewegten sich die Hüskers bereits in eine andere Richtung. Im Oktober 1983 nahmen sie »Zen Arcade« auf. Das erste Konzept- und Doppelalbum einer Band aus der US-Hardcore-Szene vereinte Speed, Power und Noise mit psychedelischen Elementen, catchy Melodien und Ansätzen von Gesangsharmonien. Ihren hochenergetischen Mix zelebrierten (»Celebrated Summer«!) und verfeinerten sie weiter auf den folgenden Alben. Als »Zen Arcade« mit einiger Verspätung im Sommer 1984 erschien, nahm das Trio bereits »New Day Rising« auf. Und als dieses Album veröffentlicht wurde, waren sie live schon dabei, einige Songs des Folgealbums »Flip Your Wig« zu erproben. Davon zeugt die Setlist des nun veröffentlichten Minneapolis-Gigs vom 30. Jänner 1985. Als »Flip Your Wig« im September 1985 erschien, hatten Hüsker Dü wiederum die meisten Songs von »Candy Apple Grey«, ihrem Major-Debüt von 1986, im Programm. Das belegen die hier versammelten Aufnahmen aus dem Herbst des »Miracle Year«. Freilich kursierten aus dieser Zeit schon diverse Bootlegs und ein »Live From London«-Video. Die Power von Hüsker Düs Post-Hardcore blieb selbst in durchschnittlicher Soundqualität stets spürbar. Auf der aktuellen Veröffentlichung fällt nochmals ein weiterer Aspekt auf: Live verschränken sich Bob Moulds und Grant Harts markante Vocals auf vielen Songs viel stärker als auf den Studioalben, auf denen sie die jeweils eigenen geschriebenen Songs singen. Das verleiht diesen bei aller lautstarken Intensität einen ganz eigenen emotionalen, punktuell sogar zärtlichen Pop-Appeal. Dazu kommt Hüsker Düs offene Verarbeitung ihrer 60s-Vorlieben. »Eight Miles High« von den Byrds coverten sie ebenso wie – hier ebenfalls zu hören – »Helter Skelter« und »Ticket To Ride«. Songs aus verschiedenen Beatles-Phasen lassen sich als klare Referenz auf Hüsker Düs musikalische Entwicklung hören. Es würde mich wirklich interessieren, wie eine junge Generation von Musiker*innen nach all den 80s-Einflüssen aus Post-Punk, Wave und Überdosen an NDW mit dem Hüsker-Dü-Erbe umgehen könnte. Go check it out!
Hüsker Dü
»1985: The Miracle Year«
Numero Group
Text
Peter Kaiser
Veröffentlichung
18.11.2025
Schlagwörter
Bob Mould
Grant Hart
Greg Norton
Hüsker Dü
Numero Group
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