Florian Schulte
Florian Schulte

Home is very fluid

Keziah Jones war, als er in Paris lebte, ein Nachbar von Andrew Sharpley (Stockhausen & Walkmen), der u. a. auch mit skug-Autor Noël Akchoté in verschiedenen Konstellationen zu hören war. Jones eröffnete, sich seiner Wurzeln besinnend, kürzlich eine Konzertreihe der Pariser Verkehrsbetriebe, da er seine Laufbahn als Musiker in der Pariser Metro begann. Einer von Jones besten Freunden ist übrigens der französische Modedesigner Xuly Bet (www.xulybet.com). Dessen »Funkin? Fashion« ist ein Hinweis mehr auf die Weltläufigkeit von Jones? Musik ??

 

skug: Ich habe gelesen, dass Du auch angefangen hast zu malen?

Keziah Jones: Ja, sehr abstrakte Line-drawings. Diese Zeichnungen basieren auf den Bewegungen meiner Arme. Basically, it?s all about the line. Manchmal kommt auch etwas Farbe ins Spiel. (Er zeigt ein paar seiner Zeichnungen auf seinem Laptop und verrät, dass er nächstes Jahr eine Ausstellung seiner Werke in Paris geplant hat)

Hörst Du Musik, wenn du zeichnest?

KJ: Ja, sehr viel Jazz, und Fela Kuti.

Hörst Du auch Deine eigene Musik?

KJ: Nein, nicht wenn ich zeichne.

Du beschreibst Deine Musik als Blue-Funk …

KJ: Blue-Funk ist eine Spieltechnik, die ich entwickelt habe als ich als Stra&szligenmusiker spielte. Du bist eine Person an der Gitarre, aber versuchst wie drei Personen zu klingen – to make more of a noise. Ich versuche eine Bassline, Akkordfolgen und perkussive Elemente möglichst dicht und zeitgleich zu spielen. Wenn du auf der Stra&szlige spielst, musst du dir Aufmerksamkeit verschaffen – you need to make a big impression. Ich habe ursprünglich als Solo-Singer/Songwriter angefangen, Musik zu machen, und diese Art zu Spielen hat mir dabei geholfen, aus dem Gitarrensound mehr herauszuholen – to create more than it looks.

Wann hast Du mit dem Musikmachen angefangen?

KJ: Ich hab sehr früh, schon zu Schulzeiten, damit angefangen. Ich spielte Drums und hab mir das Pianospielen selber beigebracht. Zur Gitarre fand ich dann so im Alter von achtzehn Jahren. So hat das bei mir begonnen. Und dann kamen zwei Jahre, in denen ich mich als Stra&szligenmusiker versuchte. Ich hatte zu dieser Zeit noch keinen Plattenvertrag und auch keine Band, in der ich spielte. Ganz zu Beginn stand das Interesse an unterschiedlichen Sounds. Als ich dann begann, auf der Stra&szlige zu musizieren, entdeckte ich die Musik nocheinmal neu für mich, ich lernte Songs zu schreiben. Die Gitarre ist seitdem mein Hauptinstrument – it covers every harmony area. Du kannst darauf Basslinien komponieren, aber auch Horn-Lines und Vocal-Lines. Sie ist sehr vielseitig einsetzbar. So I stick with the guitar now.

Was hat dich als Musiker noch stark beeinflusst?

KJ: Vor allem Bücher. Science-Fiction Zeug, Bücher aber auch Filme. Lesen hilft mir in Bezug auf mein Songwriting. Musikalisch hat mich Ray Charles sehr stark beeinflusst, vor allem die Art und Weise, wie er gesungen hat. Dann natürlich James Brown, Jimi Hendrix und Fela Kuti, die mich als Charaktere sehr fasziniert haben. Als ich Achtzehn war, waren sie als Individuen richtungsweisend – these guys were as possible to be an unusual individuum. Sie machten wirklich einzigartiges. Aber musikalisch hat mich Ray Charles am meisten beeinflusst; ich wollte den Blues, den Gospel so wie er singen. Und was meine Lyrics angeht, so waren es die Space Songs von Jimi Hendrix, die ich mir als Vorbild nahm.

Du reist sehr viel, gibt es gewisse Städte oder Orte, denen du speziell verbunden bist?

KJ: Seit ich acht Jahre alt bin hat sich mein Aufenthaltsort ständig geändert. Es macht mir nichts aus, ständig meine Umgebung zu wechseln. So lange ich meine Musik bei mir habe, meine Gitarre und etwas zum Schreiben, geht es mir gut. Eine stärkere Verbindung gibt es natürlich zu Nigeria, das ist das Land, in dem ich geboren wurde. Genauso liebe ich westliche Metropolen wie Paris und New York. Aber Nigeria ist der Ort der mich durch meine spezielle verwandtschaftliche Verbindung am meisten inspiriert. Generell würd ich aber sagen, dass ich mich überall zu Hause fühle, home is very fluid. Wer so wie ich sehr früh beginnt, ständig zu verreisen, entwickelt ein ganz spezielles, sehr flüchtiges Gefühl von Heimat – you don?t really mind where home is.

Du vergleichst in einem Song die beiden Städte New York und Lagos …

KJ: Ich versuche Ähnlichkeiten zu entdecken. Die meisten Menschen vergessen, dass Afrika ja mittlerweile sehr urban ist. Ich bin in Lagos geboren, das ist eine sehr gro&szlige Hafenstadt. Afrika wird meist als sehr ländlich, dörflich wahrgenommen aber es ist eigentlich very citified. Ich machte die Erfahrung, dass in gro&szligen Städten wie Lagos oder New York die Bewohner ähnliche Einstellungen zu ihrem städtischen Umfeld entwickeln. Es prägt sie das Gefühl, in einer sehr bedeutenden Metropole zu leben. Es gibt all diese spannenden kulturellen Vermischungen, neue Musik und Lebenskultur, neue kulinarische Gerichte. Daher sehe ich es als meine Aufgabe, auch diese Seite bzw. Sichtweise von Afrika den Menschen näherzubringen – to understand the idea that africa has also a very urban environment.

Und deine Musik hilft Dir dabei, all diese Einflüsse zu verarbeiten?

KJ: Ja, sehr gut. Zur Zeit findet in Nigeria eine gro&szlige Renaissance im Kunst- und Kulturbereich statt. Afrikanisch-nigerianischer HipHop wird ein gro&szliges Ding. Ich für meinen Teil habe einen Weg gefunden, Musik zu kreieren, die auf Blues, Funk, Jazz, Soul und afrikanischen Einflüssen beruht. Die Musik, die ich mache, ist eine Art Melange, eine Hybrid-Music, sehr modern, aber auch stark mit afrikanischen Wurzeln durchwachsen. Es gibt eine neue Generation nigerianischer Musiker, die es sehr gut versteht, ihre afrikanischen mit westlichen Einflüssen zu verbinden. Ich denke da an Usher, Nneka, Ayo oder Patrice. Die haben es jetzt schon um einiges leichter, ich musste damals sehr viel über die Art, wie ich Musik mache bzw. über Nigeria erklären. Deshalb habe ich auch den Begriff Blue-Funk zur Beschreibung meiner Musik gewählt. Es gab noch nicht viele Musiker aus Nigeria, die ähnliches machten. Die jetzige Generation hat es da um einiges leichter und das finde ich auch gut so, Afrika ist stärker ins Bewusstsein der Menschen getreten.

Hast Du das Gefühl, dass Du mit jedem neuen Album auch eine neue musikalische Phase durchmachst?

KJ: Die Art, wie ich spiele ist in rhythmischen Elementen aus der Yoruba-Tradition verwurzelt. Meine letzten beiden Alben waren allerdings auch stark von klassischen Popstrukturen geprägt. Ich arbeite gerade am neuen Album und mir ist dabei aufgefallen, dass mein Gitarrenspiel wieder stark rhythmisch und perkussiv geprägt ist, so wie zu meinen Anfangszeiten. What it sounds like is a kind of Afro-Rock. Ich habe das Glück, dass ich seit meinem neunzehnten Lebensjahr einen Plattenvertrag habe und ich die Freiheit habe, bei jedem neuen Album auch Neues auszuprobieren. Ich fühle da keinen Druck, bei meinen alten Erfolgsrezepten zu bleiben, sondern empfinde auch meinen Zuhörern gegenüber die Verantwortung zu experimentieren und innovativ zu bleiben.

Du bist mittlerweile doch schon sehr bekannt. Hast du da manchmal das Gefühl so eine Art Vermittlerfunktion zu spielen, Leute aus verschiedensten Kontexten zusammenzubringen?

KJ: Ja, insofern bin ich wirklich in einer interessanten Position. Ich spreche Englisch, wurde in Europa unterrichtet, habe technische Kenntnisse. Auf der anderen Seite bin ich Nigerianer, ich spreche Yoruba, ich denke in Yoruba. Woran ich gerade arbeite ist ein musikalisches Aust
auschprogramm in Form eines Festivals. Europäische Musiker sollen dabei nach Nigeria eingeladen werden, im Gegenzug wird nigerianischen Musikern die Möglichkeit geboten nach Europa zu reisen. Es sollte ein interkultureller Austausch stattfinden. Wobei ich diese Veranstaltung jetzt aber nicht unbedingt mit dem Begriff Worldmusic labeln möchte. Daran arbeite ich jetzt schon seit ein paar Jahren und wenn alles gut geht, wird dieses Festival nächstes Jahr stattfinden. Ich möchte den Leuten zeigen, wie ähnlich und nahe diese verschiedenen Kulturen einander sind.

www.keziahjones.com

www.xulybet.com

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Text
Michael Franz Woels, Simone Schwaiger

Veröffentlichung
05.10.2010

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