Bildlegende: 1)©Nina Adrjanczyk
2)© David Stern 3)© Gustavo Petek

Geschrieben/ungeschrieben - (Trans-)Formate à la Petek

Gustavo Petek, in Buenos Aires geborener Komponist und Sound Designer, hat slowenische Wurzeln und lebt seit 2009 in Wien. Eigene und fremde Erfahrungen dienen dazu, soziale Soundskulpturen und Scores für (Tanz-)Performances zu erschaffen. Darüber hinaus ermöglicht Petek im nadaLokal in Wien 15 mit der Plattform small forms spontane Live-Musik und Tonträger- bzw. Videoaufnahmen.

Als Jugendlicher spielte Gustavo Petek in diversen Underground-Bands Gitarre und schrieb auch seine ersten Songs. Seine Großeltern waren nach dem Ersten Weltkrieg als Wirtschaftsflüchtlinge nach Argentinien ausgewandert. Der Name Petek kommt ursprünglich aus dem Slowenischen, sein Großvater war ein Kärntner Slowene, es wurde jedoch damals in der Familie nicht bis selten über Österreich gesprochen. So entdeckt der Sound Artist Gustavo Petek, der zuvor acht Jahre lang in Barcelona gelebt und dort elektronische Musik produziert hat, nun seit 2009 auf eigene Faust Wiener Terrain.

Soziale Vernetzungen mittels Sound
GustavoPetekbydavidSTERN.jpgGustavo Petek interessiert Musik, die keinen kommerziellen Rezepten unterliegt. Kontextbezogen werden immer wieder neue Formate ausgelotet. Musik ist das Fundament, das Motiv, um Größeres zu schaffen, soziale Vernetzungen zu ermöglichen, Treffpunkte zu etablieren. »Reading Josef« war eines dieser Projekte, die nach einem interdisziplinären Zugang verlangten, oder wie Gustavo Petek es poetisch formuliert: »Ich wollte etwas Körperliches machen, es brauchte Muskulatur«. Gemeint war damit die Zusammenarbeit mit einer Tänzerin. Das langfristig angelegte Projekt »Reading Josef« – als nächste Phase ist eine Art Requiem in Planung – basiert auf der biographischen Geschichte seines Großonkels Josef Petek, der 1939 unter dem nationalsozialistischen Regime durch Zwangsarbeiten im Lager Mauthausen ums Leben gebracht wurde. Arbeit, Unterdrückung, Willkür, Macht, Selbstbestimmung, Freiheitsentzug, diese Themen werden abstrahiert beziehungsweise in Musik, Tanz und Visuals transformiert. Petek stellt Fragen: Sind wir heute in der Lage zu verstehen, was es bedeutet, sich dem Tode ausgeliefert zu erkennen – nur aufgrund von willkürlichen Entscheidungen und der Zugehörigkeit zu einer Minderheit?

Ein weiteres Performance-Projekt begann mit der eher beiläufigen Frage, ob er Kühlschrankgeräusche aufnehmen und verfremden könne. Niemand geringerer als Michael Turinsky stellte Gustavo Petek diese Frage. Also nahm er sich dieser Aufgabe an und entwickelte schlussendlich den gesamten Score für »Second Skin – Master of Ceremony«, das minimalistische Solo-Stück von Turinsky. Der Wiener Philosoph, Choreograf und Performance-Künstler beschreibt Peteks Sound Design folgendermaßen: »Sound und Image in ihrer gemeinsamen Beziehung von Spannung und Resonanz stellen das Basismedium dar, um das Eigene und das Fremde zu verarbeiten.«

small forms für ungeschriebene Musik

Gustavo_Petek_Secon_Skin___MC_Foto____Gustavo_Petek.jpegVon der Performance-Künstlerin Amanda Piña von nadaproductions wurde Gustavo Petek gefragt, ob er in ihrem Kunst- und Projektraum nadaLokal eine Musikreihe organisieren möchte. So entstand der Verein small forms, eine unabhängige, nicht kommerzielle Plattform zur Förderung und Verbreitung zeitgenössischer und experimenteller Musikformen. small forms bietet in Kollaboration mit dem nadaLokal einen Ort des Austausches und der Kreation für freischaffende MusikerInnen und Sound-KünstlerInnen. Im Format der Sessions bietet small forms die Möglichkeit der professionellen Aufnahme und Produktion eines Albums mit konzertanter Open-Studio-Präsentation im Anschluss. Distribution und Vertrieb erfolgt über das gleichnamige Label small forms. Der Verein wurde gemeinsam mit der Kulturmanagerin und Dramaturgin Angela Vadori gegründet, organisatorisch und administrativ werden sie durch die Kulturproduzentin Ruth Lang unterstützt.

Die Künstlerin Conny Zenk steuert immer wieder sogenannte Visual Music bei, also Live-Visuals, die sie bei den Konzerten auch aufnimmt und die in weiterer Folge als Musikvideos dienen. Anna Bertsch hat 2016 Videos als »visuelle Reaktionen« konzipiert. Gustavo Petek findet vor allem MusikerInnen spannend, die live reagieren (»own imaginary«) und mit Ûberraschungsmomenten die ZuhörerInnen, die er als einen aktiven Teil der Musik ansieht, versorgen. Das Wort Improvisation hat für ihn im Deutschen eher einen negativen Tonfall, er unterscheidet lieber einfach zwischen geschriebener und ungeschriebener Musik.

Gustavo Petek
http://gustavopetek.com/

Small Form Sessions
http://www.smallforms.org/

MPGP – »Was kommt«
https://vimeo.com/133324659

Michael Turinsky – »Second Skin – Master of Ceremony«
https://vimeo.com/198657117

Die Schweigende Mehrheit – »Traiskirchen. Das Musical«
http://www.volkstheater.at/stueck/traiskirchen-das-musical/

Loulou Omer – »Hinsichtlich der Frage« (Sounddesign Gustavo Petek)
Off-Theater, Premiere: 30.11. Termine: 1.12. / 5.12. / 7.12.