Feine Auslese: three|four Records aus Lausanne

Seit 2009 veröffentlicht das Label three|four Records Musik, die im stilistischen Niemandsland zwischen Ambient, Post-Rock, Drone, Singer-Songwriter und experimenteller Musik angesiedelt ist. Was die Alben eint, ist ihre durchgehend hohe Qualität. Dies gilt vor allem für das Jahr 2017, in dessen erster Hälfte sechs Neuerscheinungen herausgekommen sind – weitere werden in der zweiten Jahreshälfte folgen. Aus Anlass dieser Fülle hier ein Interview mit Label-Gründer Gaëtan Seguin sowie ein Blick auf die Veröffentlichungen der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit.

skug: Wo liegen die Anfänge von three|four?

Gaëtan Seguin: Zu Beginn wurde das Label von Arnaud Guillet und mir betrieben. Arnaud war Designer für das französische Musik-Webzine »Millefeuille«, für das wir beide auch Platten-Reviews schrieben. 2006 organisierte das Team des Webzines ein Musikfestival in Paris, und aus der guten Zusammenarbeit dort mit Arnaud entwickelte sich die Idee, gemeinsam ein Label zu gründen. Die ersten Ideen für Veröffentlichungen verliefen zunächst aber im Sand – erst 2009 erschien dann die erste Veröffentlichung.

Gibt eine bestimmte inhaltliche Linie und Ziele, die ihr mit dem Label verfolgt?

Zunächst (gemeinsam mit Arnaud, bis 2010) stellten wir fest, dass eine Menge Bands, die uns interessierten, zwar bereits mit Labels zusammenarbeiteten, aber dennoch Material übrig hatten. Es erschien uns ideal, uns auf diese Ûberbleibsel zu konzentrieren. Also beschlossen wir, solches Material auf Platten zu veröffentlichen. Auch haben wir damals ein paar Künstler*innen zu ihrem Vinyl-Debüt verholfen. So war es zu Beginn der Arbeit mit dem Label, mittlerweile hat sich der Fokus etwas verschoben, aber ein paar zentrale Aspekte sind unverändert, was die generelle Ausrichtung des Labels betrifft: Wir verstehen uns als DIY-Label, was in unserem Fall bedeutet, dass das Label gewissermaßen neben unseren Dayjobs und ohne kulturelle Fördergelder unabhängig betrieben wird. Die Verträge mit den Bands kommen per Handschlag zustande, was bedeutet, dass unsere Beziehungen zu den Künstler*innen, mit denen wir arbeiten, mindestens ebenso wichtig sind, wie die Musik, die sie spielen. Als Vorbilder dienten dabei etwa Labels wie Kranky, Morc Tapes oder BlueSanct.

Wer betreibt das Label gegenwärtig mit dir zusammen?

Nachdem Arnaud das Label verließ, habe ich ein paar Jahre alles alleine gemacht. Seit 2017 ist Maxime Guitton mit dabei, der aber schon von Anfang an mit dem Label verbunden war, da er die Compilations »Err On The Good Side« und »Your Victorian Breasts« kuratierte. Auch machte er mich in der Vergangenheit mit der Musik von Dana Valser, Mike Wexler, Le Fruit Vert und Eric Chenaux bekannt. Wir betreiben das Label nun zusammen, neben unserer Dayjobs, bzw. sage ich eigentlich immer, dass ich drei Jobs habe: Label, Lohnarbeit und Vater von zwei Töchtern.

Wie wählt ihr aus, was ihr veröffentlichen wollt?

Eine Zeit lang haben wir Demos akzeptiert und angehört, aber mittlerweile ist unser Veröffentlichungs-Zeitplan voll und wir haben keine Kapazitäten jenseits davon – auch weil wir mittlerweile gerne wiederholt bzw. konstant mit Leuten zusammenarbeiten, die bereits auf dem Label veröffentlicht haben. Da kommt einiges zusammen … Davon abgesehen ist es so, dass uns Bands kontaktieren, weil sie einige unserer bisherigen Veröffentlichungen kennen und unsere Arbeitsweise schätzen. Die Szene ist ja überschaubar groß und wenn man verlässlich arbeitet, dann spricht sich das ja herum.

Apropos Szene, wie kommt es dazu, dass ihr in letzter Zeit verstärkt Künstler aus Portugal veröffentlicht?

Das ergab sich im Zusammenhang der Veröffentlichung von »Your Victorian Breasts«, auf der zwei portugiesische Acts zu hören sind: Filipe Felizardo und Syracuse Ears (David Maranha, Manuel Mota, Margarida Garcia und der amerikanische Schlagzeuger Chris Corsano). Anlässlich der Record-Release-Party im Zé dos Bois, einer Galerie in Lissabon, traf ich sie und war beeindruckt von der aktiven Szene vor Ort. So kam danach zuerst zur Veröffentlichung des Albums von Filipe Felizardo, dann dem von David Maranha (mit Helena Espvall) und den beiden Alben von Norberto Lobo. Eins kommt zum anderen, es funktioniert bisher sehr gut – und ich träume davon ein Album von Manuel Mota zu veröffentlichen, mal sehen.

Profitiert das Label vom vermeintlichen Vinyl-Boom?

Eher nicht. Die Auflagen der Alben liegen bei 300, Nachpressungen sind eher selten. Aber zumindest potenziell ist der Kundenkreis für die Musik größer aufgrund der verstärkten Aufmerksamkeit für Vinyl. Andererseits: Platten zu pressen ist teurer geworden, und die Wartezeiten bei Presswerken werden länger. Das ist nicht so erfreulich.

Wie steht es um die digitale Seite der Vermarktung?

Es wird zwar langsam etwas interessanter, auch in finanzieller Hinsicht, die Musik digital anzubieten, da die Nachfrage steigt, aber wir nutzen gegenwärtig nur Bandcamp und SoundCloud, haben aber an iTunes und Spotify kein Interesse, da sich hier der Aufwand für uns nicht lohnt und auch für die Bands kaum etwas finanziell herausspringt. Generell haben wir keinen Vorbehalt gegenüber der digitalen Vermarktung von Musik, mal sehen, wie es sich weiter entwickelt, aber unsere Prioritäten liegen in der Herstellung und Vermarktung physikalischer Tonträger.

Ûberblick: die Veröffentlichungen

joao.jpg Von diesen Tonträgern sind in diesem Jahr bereits einige erschienen. Insgesamt sechs   Alben, die eine große stilistische Bandbreite abdecken. Der Schlagzeuger João Lobo entlockt auf »Nowruz« einer Vielzahl von Schlagwerken kurzweilige und abenteuerliche Klänge, und wer mit den Veröffentlichungen des bereits genannten Chris Corsano etwas anfangen kann, der darf an João Lobo nicht vorbeigehen. Wie das unter Free-Jazz- und improvisierenden Schlagzeugern so üblich ist, wird geklöppelt, gestreichelt, gestrichen und gewirbelt, was das Zeug hält – und wenn es nicht hält: auch gut. Hauptsache, es wird nicht langweilig, und das wird es auf »Nowruz« nicht.

Ebenfalls virtuos geht es auf »The Byre« von Norberto Lobo und Eric Chenaux zu. Die beiden Gitarristen spielen entspannt umeinander herum und die dokumentierten Klangskizzen bestechen durch impressionistische Feinstofflichkeit. Ein dezentes Feedback hier, ein, zwei oder drei Töne da – und fertig ist die luftige Improvisation. Flüchtige Musik, die Gefahr läuft, sich der Aufmerksamkeit zu entziehen, deshalb aber nicht als Hintergrundmusik missbräuchlich verschwendet werden sollte. Im Gegenteil – jeder erneute und konzentrierte Durchgang legt weitere Facetten dieser unaufdringlichen Musik frei.

chenauxeloise.jpg Auch im Duett mit der Sängerin Eloïse Decazes weiß Eric Chenaux seine Gitarre elegant einzusetzen und umspielt einfallsreich den anmutigen und klaren Gesang von Eloïse Decazes. Ich bin des Französischen nicht mächtig, weiß also nicht, wovon die Dame mir erzählt – aber die Stimme alleine betört hinreichend, um zu überzeugen. Die Musik mag im Ganzen als Mischung aus britischem Folk und französischem Chanson hingehen, erweitert allerdings um ein wenig avantgardistisch angewehtes Weglassen, Ûberspannen und Abwürgen. Das macht die Sache umso interessanter und insgesamt ist »La Bride« ein wunderbar verhaltenes und verträumtes Album.

Ohne Hast gehen auch Oba Loba auf »Sir Robert Williams« zu Werke. Das Ensemble, bestehend aus Ananta Roosens, Giovanni Di Domenico, João Lobo, Jordi Grognard, Lynn Cassiers und Norberto Lobo, spielt mit allerlei Instrumenten eine wohlklingende Instrumentalmusik, die stark an große Namen wie Talk Talk oder Gastr del Sol erinnert und auch Fans von Robert Wyatt’scher Zartheiten begeistern dürfte. Das Schlagzeug huscht, die Gitarre weint leise gezupft, die Violine singt im Oberton dazu und eine Klarinette schwirrt sachte drum herum. In der Summe fein ziselierte Klanggebilde allesamt, kleine Meisterwerke von leichter Hand gefertigt.

lefruit.jpgBleiben zwei weitere Veröffentlichungen, die beide verwunschen-expressionistisch in die Vollen gehen. Da ist zum einen das kanadische Duo Le Fruit Vert, das aus Andrea-Jane Cornell und Marie-Douce St. Jacques besteht. Spartanisch instrumentiert, singen sich die beiden auf »Paon Perdu« in immer weiter entrückende Sphären. Dazu irrlichtern Tonfolgen von kinderliedartiger Einfachheit aus Synthesizer, Orgel und Akkordeon und eh’ man sichs versieht, ist man verzaubert, eingesponnen und verloren in einem Netz aus dunkel-romantisch-verträumten Melodien.

Ähnlich spukhaft geht es auch auf »Tourmaline« von Anahita zu. Die Aufnahme datiert bereits auf die Jahre 2010/2011 zurück, was die geisterhafte Stimmung nicht nur oberflächlich verstärkt, denn bei Anahita handelt es sich – wer erinnert sich? – um ein Free-Folk-Duo, bestehend aus Tara Burke (Fursaxa) und Helena Espvall (ehemals Espers). Das Album ist also gewissermaßen ein Wiedergänger, eine unerlöste Seele aus längst vergangener Zeit – und so klingt es, reduziert auf Stimme, Cello und minimalen Einsatz von Elektronik, auch. Free Folk, New Weird America … aus dem popmusikalischen Gestern ruft »Tourmaline« herüber. Ein musikalisches Vergissmeinnicht – ein sehr schönes.

Aufholen und Entdecken

Soweit die Veröffentlichungen des three|four-Labels im Jahr 2017. Sechs Alben, die es wert sind, gehört zu werden. Darüber hinaus erschienen Ende letzten Jahres mit »Ruins Of Time« von Maninkari und »Syntropy« von Mike Wexler zwei weitere Alben, die nicht übersehen werden sollten. »Ruins Of Time« ist ein minimalistischer Ambient-Soundtrack zu einem Kurzfilm von Mathieu Peteul. Musik in Schattierungen von Dunkelblau bis Mattschwarz, ein wenig an die britischen Cyclobe erinnernd. Ganz anders, und damit wird es wieder etwas sonniger, ist dagegen »Syntropy« von Mike Wexler, dessen Musik zwischen dem instrumentalen American Primitive von John Fahey & Co. sowie dem Erbe zahlreicher Singer-Songwriter der 1970er-Jahre changiert. Nach Alben auf Amish Records und Mexican Summer ist »Syntropy« sein dritter Longplayer und von allen hier besprochenen Alben vielleicht das zugänglichste – die Einstiegsdroge sozusagen.

Es gibt also keinen Grund, Veröffentlichungen von three|four links liegen zu lassen. Im Gegenteil gibt es einiges aufzuholen bzw. zu entdecken, bevor dann im September mit »The Xvoto Reels« ein neues Album der belgischen Razen auf three|four erscheint. Aber noch ist es nicht soweit, also – los, es lohnt sich!