Der Prinz und die Vagabunden

Einige Notizen zu Bob Dylans »Another Selfportrait«, die mittlerweile zehnte Ausgabe seiner »Bootleg Series«, und über das Nerdtum an sich.

Wir halten bei der mittlerweile zehnten Ausgabe der Bootleg Series, rund um den Mann, der sich selbst so singen kann wie niemand sonst ihn singen kann, um eine berühmte Werbung zu zitieren, aus der Zeit, aus der auch die Aufnahmen der aktuellen Serie stammen. »No one – but no one sings Dylan like Dylan«, so das Werbeplakat der CBS zu »New Morning«, der Dylan-Platte aus dem Jahr 1970.

Es geht um die sagenumwobenen Jahre in der Versenkung, die Zeit zwischen dem Motorradunfall im Sommer 1966 und der kurzfristigen Rückkehr in den Olymp mit »Blood On The Tracks«, einem der schönsten Singer/Songwriteralben, das je eingespielt wurde. (Und hier spricht ein distanzierter Nerd. Es soll Leute geben, die sich vor diesem Album bekreuzigt haben.) Davor jedenfalls war Dylan, so die halbherzige Geschichtsschreibung, in einer Schaffens- und Selbstfindungskrise. Zwar sind in diesen acht Jahren mindestens fünf Alben erschienen, darunter Schmuckstücke wie »John Wesley Harding« (1968) oder das nicht nur wegen dem miefigen Countryeinschlag, sondern auch wegen Dylans eigenwilliger Singstimme umstrittene »Nashville Skyline« (1969). Und es gab in dieser Zeit das aufgrund kitschiger Overdubs schwer verdauliche »Selfportrait«, das durch den berühmten vierseitigen »What Is This Shit«-Verriss von Greil Marcus im »Rolling Stone« zu Ehren kam. Im selben Jahr, 1970, brachte Dylan »New Morning« hervor, ein Album, das aufgrund der Gastmusikerschaft von George Harrison von der Plattenfirma mächtig gehypt wurde – und dann die Erwartungen nicht erfüllte. Aber »New Morning« gehört definitiv zu den Geheimtipps im Werk Dylans – es ist die erste Platte, auf der sich Sir Bob als astreiner Folksoulsänger versuchte, was durch grandiose Songs wie »Went To See The Gypsy« oder »Day Of The Locusts« bestens dokumentiert ist. (Zumindest der erste der beiden Songs wird auf »Another Self Portrait« durch gleich zwei hörenswerte Alternativversionen gewürdigt.) Eine späte Ehrenrettung erhielt »New Morning« übrigens durch die Coen Brothers. In ihrer famosen Aussteigerballade »The Big Lebowski« mit Jeff Bridges in der kultigen Titelrolle, taucht der Song »The Man In Me« auf – und passt nicht nur wie die Faust des Neofaschisten auf das Auge des Filmcharakters, sondern veredelt auch noch die geniale Bowling-Traumsequenz im Film.

Heimatlose Nomaden und radikale Knalltüten

Keine Spur von Versenkung also, aber es stimmt schon, Dylan war Ende der 1960er on the run und das hatte gute Gründe. Nicht-Dylan-Infizierten muss man dazu vermutlich die nahezu kultische Verehrung in Erinnerung rufen, die dem Mann damals zuteil wurde – und die damit einhergehende Erwartungshaltung. Als Dylan 2004 den (angeblich ersten) Teil seiner »Chronicles« veröffentlichte, fanden sich darin Ausschnitte aus fünf Lebensphasen, etwa die Zeit aus den »Mercy«-Sessions mit Daniel Lanois (ein quengelnder Dylan, dem diese mühsame Prozedur, die zur schönsten Dylan-Platte in den 1980ern führte, viel zu viel ist), die Frühphase, wo sich Dylan von Sofa zu Sofa stahl – und auch sonst alles an geistigem Eigentum stibitzte, was sich irgendwo zu einem Song vermantschen ließ. Und schließlich 1969, als Dylan versuchte ein normales Familienleben in seinem Haus in der Nähe von Woodstock zu führen. Aber irgendwie wollte ihn die Welt nicht in Ruhe lassen. Dylan schreibt von respektlosen Fans, die ungefragt in sein Haus eindrangen, ihn regelrecht belagerten und ihn beknieten, die Welt von ihrem Jammer zu erlösen. »Die ganze Nacht über brachen schräge Vögel bei uns ein. Zuerst waren es nur die heimatlosen Nomaden, die sich ungebeten Zutritt verschaffen. Das war ja noch fast harmlos, aber dann kamen die radikalen Knalltüten auf der Suche nach dem Prinzen der Protestbewegung – unzurechnungsfähig aussehende Gestalten, potthässliche Mädchen, Vogelscheuchen, die einen draufmachen und die Küche plündern wollten«, soweit Dylan in den »Chronicles«. Es muss in etwa wie »Das Leben des Brian« gewesen sein, die Jünger auf der Suche nach dem Messias, mit unbeirrbarer Ûberzeugung: »Er ist es! Ich muss es wissen, ich bin schon so vielen gefolgt.« Tatsächlich beschwert sich Dylan wenige Zeilen später sogar über den The-Band-Gitarristen Robbie Robertson, der Dylan bei einer Autofahrt allen Ernstes fragte, was er denn als nächstes vorhabe mit der gesamten Musikszene, wie er sie zu verändern gedenke. Die gesamte Musikszene! The whole wide world!

Freilaufende Hunde
In dieser Zeit hat Dylan vermutlich einen Gutteil jenes Frustes eingesammelt, der ihn erst zum Folknomaden (siehe den Happening-Charakter der »Rolling Thunder Revue« aus den Jahren ’74 und ’75), dann zum Gospelsänger ohne Glauben (siehe »Street Legal«, 1976), dann zum bekennenden Christen (ab 1977) und schließlich zum jahrzehntelangen Grantscherben werden ließ, der sich von niemandem etwas dreinreden ließ. Klar, dass der Griff zum Alkohol und private Geschichten auch eine Rolle spielten, aber zurück zur Bootleg Series No. 10. Ein großer Teil der Stücke besteht aus den entschlackten Originalversionen jener Stücke, die auf dem desaströsen »Selfportrait« zu finden waren. Das ist verdienstvoll, aber nur teilweise erhellend. Ein Song wie »Wigwam« wird auch ohne kitschiges Beiwerk kaum besser, und »Days of ’49« war auch mit Honigschicht hinreißend. Viele Outtakes klingen überraschend straight, nach einem durchaus logischen Ûbergang von Dylan 1968 (»John Wesley Harding«) zu Dylan Anfang der Siebziger mit The Band. Etwa das irrwitzige »If dogs run free« auf »New Morning«, zu dem Dylan eine Sängerin namens Maeretha Stewart im Hintergrund, ähem, souljodeln ließ. Keine Spur davon im Outtake, dafür ein weitaus markigerer Refrain. Wirklich überraschend auf »Another Self Portrait« sind die orchestral aufgezuckerten Versionen von »Sing on the Window« oder dem gleichnamigen Titelsong von »New Morning«. Oder das gar in Richtung Hardrock ausfransende »Time Passes Slowly #2«. Das bestätigt einmal mehr, dass Dylan in diesen Jahren tatsächlich auf der musikalischen Suche war. Aber eben nie mit letzter Konsequenz, sondern ein wenig halbherzig, wie eben in »Nashville Skyline« oder »Selfportrait«. Auch das sind nur Skizzen. Da wundert es nicht, dass auf einer Einspielung von »If Not For You« sogar noch eine »gypsy violin« auftaucht oder ein Song wie »Annie’s Going To Sing Her Song« so banal daher kommt, dass er von, sagen wir mal, Doris Day vertont werden hätte können. Aber dieses Ausreißen in Richtung Nonsense und Unbeschwertheit demonstrieren ja auch die 1967 eingespielten »Basement Tapes«.

Das alles sind natürlich, treten wir kurz zwei Schritte zurück, Erkenntnisse, die der aktuellen Musikgeschichte am Arsch vorbeigehen. Im Ernst, das alles ist vierzig Jahre her. Und es wird nicht aktueller, nur weil es immer noch Musikmagazine gibt, die Bob Dylan in jeder zweiten Ausgabe eine fünfseitige Reportage widmen. Von der Fan- und Nerdseite betrachtet, liegen die Dinge doch wieder anders. Eine junge Band, die nach der zweiten Platte vor lauter Erfolgsdruck schon mit den Nerven am Ende ist, wen kümmert das? Aber wenn ein Lebenswerk vorliegt, wenn sich mit diesem Werk die eigene Lebensgeschichte verknüpft, dann ergibt sich zwangsläufig eine höhere Wertigkeit. Für Fans und Nerds sind die »Bootleg Series Vol. 10« erneut ein heiliger Gral. Eine Schatztruhe, in der man wühlen und neue Facetten altbekannter Herrlichkeiten entdecken kann. Man rückt jenem Musiker, den man für so viele Songs schätzt und ins Herz geschlossen hat, noch ein wenig näher. Und vergisst dabei, dass es immer noch dasselbe Prinzip ist, wie 1969 im Haus von Dylan in Woodstock. Immer noch hängt man an seinen Lippen, trauert der Zeit nach, wo er Prinz der Protestbewegung war, während man gleichzeitig seinen Kühlschrank plündert, wo all diese leckeren Outtakes lagern. Es sollte nicht verwundern, dass Dylan diese Veröffentlichungswut von Aufnahmen, die nie für eine Veröffentlichung bestimmt waren, nicht einmal achselzuckend kommentiert. Er hatte schon 1969 nicht verhindern können, dass ihm die Vagabunden ungebeten bis in die Küche folgten, 2013 kriechen sie ihm mit ihren neugierigen Ohren bis in den zuhause herumstehenden Kassettenrekorder nach – und werden glücklich dabei.

Bob Dylan: »Another Selfportrait, Bootleg Series Vol. 10« / Sony