Andrew Weatherall at Rough Trade East, London, for Record Store Day 2009. © Tom McShane (CC BY 2.0)

Can we do disco without Andrew?

Andrew Weatherall, der britische Musiker, Produzent und DJ, ist im Alter von 56 Jahren überraschend gestorben. Die heutige Clubmusik würde ohne ihn anders klingen.

Angefangen hat für Andrew Weatherall alles im Dunstkreis des Post-Punk der späten 1980er. Gemäß der damals neuen DIY-Mentalität war er zuerst mal eines: Fan. Er gründete sein eigenes Fanzine: »Boyʼs Own«. Es ging um Platten, Mode, Fußball und andere Themen, die in der britischen Subkultur der damaligen Zeit wichtig waren, besprochen zu werden. Später – nun ist Andrew Weatherall nicht nur Musikjournalist, sondern auch DJ – wird dieses Fanzine zur Grundlage seines ersten Labels Boyʼs Own Recordings. Damals schon mit dabei: Paul Oakenfold. Durch ihn öffnet sich die Tür in die Londoner Clubs so richtig.

1989 fängt Weatherall an, Tracks befreundeter Bands zu remixen, erst gemeinsam mit Paul Oakenfold (»Hallelujah« von den Happy Mondays), dann schon im Alleingang einen Song der Band New Order (»World In Motion«). Der endgültige Durchbruch als Producer folgt nur ein Jahr später, als die damals etwas orientierungslose britische Rockband Primal Scream Andrew Weatherall mit dem Remix ihres Songs »Iʼm Losing More Than Iʼll Ever Have« beauftragt. Die Band erkennt ihren Song nicht mehr wieder. Bis auf den Beat, ein paar Gitarrensamples und ein kurzes Sample aus dem Bläser-Part am Ende des Songs ist nicht viel übriggeblieben. Dafür reichert Weatherall den neuen Dance-Track mit einer Dialogsequenz aus dem Biker-Film »The Wild Angels« an und aus der gleichnamigen Soul-Nummer der Band The Emotions kommt noch das zentrale »I Donʼt Wanna Lose Your Love« hinzu. Die Stimme des Primal-Scream-Sängers Bobby Gillespie ist nun gar nicht mehr zu hören. 1991 kommt dann das von Weatherall produzierte bahnbrechende Album »Screamadelica« auf den Markt. Die Rave-Platte der Zeit schlechthin.

From Acid House back to Post-Punk
Über die gesamten 1990er avanciert Andrew Weatherall zum umtriebigsten Produzenten und DJ des Acid House. Er gründet seine eigene erste Band, The Sabres of Paradise, sowie mehrere Labels und remixed weiter über alle Genre-Grenzen hinweg alles, was Rang und Namen hat. Die Liste ist lange und beachtlich: Björk, Siouxsie Sioux, The Orb, New Order, Manic Street Preachers, Lali Puna, Calexico, My Bloody Valentine, James und St. Etienne, um nur einige hier zu nennen.

In den letzten 20 Jahren seines Schaffens hat sich Weatherall mit seinem zweiten Bandprojekt Two Lone Swordsmen wieder allmählich in Richtung Post-Punk gewandt. Back to the roots, sozusagen, aber immer noch mit den treibenden Beats des Acid House. Das 2004 erschienene düstere und von krachenden Gitarren und treibendem Analog-Bass dominierte »From the Double Gone Chapel« war damals meine Initialzündung. Tja, wäre ich früher auf ihn gestoßen, wäre mir die Tanzmusik der 1990er wohl weniger traumatisierend erschienen. Und es gibt immer noch viel zu entdecken in diesem breit gefächerten Oeuvre. Leider ist damit aber nun Schluss. Andrew Weatherall ist am 17. Februar 2020 überraschend einer Lungenembolie erlegen. Ohne ihn und seinen umtriebigen Einsatz in der Clubkultur wäre Clubmusik heute sicher nicht dieselbe. Can we still do disco without him? Wir werden sehen …