Patrice Rushen © Bobby Holland/mptv images

Brodelnder Jazz-Funk-Disco-Hybrid

Das bereits 20 Jahre lang verdienstvolle britische Reissue-Label Strut entdeckt die in Los Angeles lebende R’n’B-Sängerin, Pianistin und u. a. Soundtrack-Komponistin Patrice Rushen mit »Remind Me – The Classic Elektra Recordings 1978–1984« wieder.

»Im jungen Alter von 20 tritt Patrice Rushen in die Fußstapfen von Giganten wie Herbie Hancock, Keith Jarrett, McCoy Tyner … Sie ist eine hervorragende Performerin, hat ein breites Wissen von konventioneller und moderner Harmonik und ist eine erstklassige Arrangeurin, Orchestriererin und Komponistin«, schrieb ein gewisser Gerald Wilson 1974 auf ihr Debütalbum »Prelude«, das auf dem legendären Jazz-Label Prestige erschien, aber den stilistischen Weg, den Rushen einschlagen würde, kaum erahnen ließ. »Prelude« war zeittypischer Jazz-Funk. Auf der Besetzungsliste des Albums stand auch Joe Henderson – was das Renommee der Newcomerin bezeugt. Rushen hatte schon auf diversen Jazz-Festivals aufhorchen lassen und so manchen prominenten Youth Award abgestaubt.

Patrice Rushen © Bobby Holland/mptv images

Stilfindung auf Prestige
Auf den beiden folgenden Prestige-Alben sollte sich Patrice Rushens Stil herauskristallisieren. »Shout It Out«, ihre dritte LP auf diesem Label 1977, war bereits ein gutes Stück weg von besagtem Power-Jazz-Funk zugunsten einer breit angelegten Fusion in alle erdenklichen Richtungen von Soul, Funk und diversen Latin-Spielarten. Und dabei sollte es bleiben; immer professioneller – bis mit »Straight From the Heart« (1982) ihr größter künstlerischer und kommerzieller Erfolg kam. Es war ihr viertes von fünf Alben für Elektra seit 1978, und von ihm finden sich dann auch die meisten Songs, nämlich fünf, auf der vorliegenden aktuellen Strut-Compilation »Remind Me«, betitelt nach einem der Boogie-Grooves darauf.

Patrice Rushen © Bobby Holland/mptv images

Fusion-»Avantgarde«
Die Frage nach der bestimmenden Musik der späten Siebziger und frühen Achtziger würden viele Pop-Fans mit »Disco« beantworten. Und ja, Disco war wohl groß. Fusion aber war das allumfassende Prinzip jener Jahre: Rock & Pop, Jazz, Afro, Latin & Brasil, Funk, jede Menge Soul & Disco – ein brodelndes Gemisch, das auch als Boogie oder 2-Step den Weg in die Zukunft wies. Mit Fusion war vielleicht nicht das ganz große Geld zu machen, aber die Musiker*innen liebten es, man kann es an ihrer Spielfreude hören. Und bei den Bossen der Musikindustrie war durchaus Bereitschaft vorhanden, Geld in Alben zu stecken, die nicht konkret auf einen gängigen Modestil fokussiert waren. Patrice Rushen gehörte zu jener Fusion-»Avantgarde«, die davon profitierte.

Patrice Rushen © Bobby Holland/mptv images

All-time-High auf Elektra
Die Strut-Compilation »Remind Me« ist ziemlich chronologisch geordnet – vom ersten Elektra-Album »Patrice« (1978) bis zum letzten »Now« (1984), auf dem ihre Groove-Attacken ein wenig abzuflachen begannen. Aber die Reihenfolge der Songs ist eher nebensächlich, jeder von Rushens Songs jener Periode verdiente es, auf eine Werksschau zu kommen. Und ihr Stil blieb über die Elektra-Jahre konsistent, was auch mit ihrem präferierten Team aus Musiker*innen, Ingenieur*innen und Produzent*innen zu tun hat. Zwischen dem funkig-rockigen Opener »Music of the Earth« vom Elektra-Debüt und dem abschließenden langsamen Burner »To Each His Own« vom letzten Elektra-Album sind ein gutes Dutzend große Beinahe-Disco-Hits wie »Forget Me Nots«, hier in einer 12″-Version, und coole jazzige Steppers wie »Settle for My Love« platziert. Auf ihren Post-Elektra-Alben konnte sie solche »Highs« nicht mehr erreichen. Bei Elektra hatte sie ihre eindeutig besten Jahre.

Patrice Rushen: »Remind Me – The Classic Elektra Recordings 1978–1984« (Strut/Hoanzl)