Beyoncé © Sony Music

Beyoncé – ein Popprodukt? Eine Verteidigung.

Die Musik von Beyoncé Giselle Knowles-Carter gilt manchen als ein allzu perfektes Produkt der kapitalistischen Popindustrie. In diesem Denkmuster spielt Beyoncé dann auch eher die Rolle einer willenlosen Sängerin, der ihre Lieder und Hits auf den Leib geschrieben werden. Dieses Bild gilt es zurechtzurücken.

Beyoncé sagt in der Dokumentation »Year of 4«, die den Entstehungsprozess ihres Albums »4« beleuchtet, einen alles entscheidenden Satz. In versammelter Runde mit ihren Produzent*innen und Songschreiber*innen stellt sie sich mit den Worten »Ich bin Beyoncé, ich bin die Präsidentin« vor. Die Anwesenden lachen zwar, Widerspruch oder Zweifel gibt es aber keinen. Alle scheinen zu wissen, dass sie exakt diese Funktion ausüben wird. Beyoncé gilt schließlich als Workaholic und fordert auch von ihrem Umfeld Höchstleistungen. »Wenn ich nicht schlafe, dann schläft niemand«, betont sie in mehreren Kontexten, vor allem aber dann, wenn es um das Erarbeiten von neuen Choreografien und Bühnenshows geht. In ihren »Coachella«-Auftritt im Jahr 2018 investierte sie mit zahllosen Mitverantwortlichen, dutzenden Tänzer*innen und einer Vielzahl von Musiker*innen satte acht Monate Arbeitszeit. Der Auftritt mündete wiederum in die Konzert-Doku »Homecoming«, bei der Beyoncé als Regisseurin genannt wird. Sie war somit Protagonistin und zugleich Letztverantwortliche für besagten Konzertmitschnitt-Dokumentarfilm-Hybrid.

Mehrfachrollen als Normalzustand
Wenige Monate später erschien ihr Soundtrack-Album zu »The Lion King« mit dem Titel »The Gift«. Sie begnügte sich in diesem Zusammenhang nicht damit, Lieder des Disney-Klassikers neu einzusingen und die Sprecherrolle der Nala zu übernehmen, sondern kuratierte einen alternativen Soundtrack zum Film, ähnlich dem Konzept von Kendrick Lamar, das dieser für »Black Panther« verfolgte. Die Tracks nehmen dabei zwar Bezug auf den Film, kommen in diesem aber nicht vor – abgesehen von »Spirit« – und funktionieren rein theoretisch als eigene cineastische Erzählung, die auch ohne Kenntnis des Films rezipierbar und verständlich ist.

Bei diesem Soundtrack nahm Beyoncé dezidiert die Rolle einer Kuratorin ein. Sie reiste nach Afrika, spürte dort heimische Musiker*innen und deren Schaffen auf und arbeitete mit diesen in den folgenden Monaten intensiv an neuen Tracks in einem Studio in den USA. Auch zu diesem Aufnahmeprozess existiert eine Dokumentation, »Making The Gift«, bei der Beyoncé selbst als Regisseurin aufscheint. Und auch hier übernimmt sie somit Mehrfachrollen: Kuratorin, Regisseurin, Mit-Songschreiberin, Mit-Produzentin und natürlich Sängerin.

Zudem muss man wissen, dass alle filmischen Produkte, die das Haus Beyoncé verlassen, von der Firma Parkwood Entertainment produziert werden. CEO dieses Unternehmens ist, wie könnte es anders sein, eine gewisse Beyoncé Knowles-Carter. Gegründet hat sie die Firma im Jahr 2010, als sie beschloss, dass sie sich von ihrem langjährigen, sehr dominanten Manager trennen wollte – ihrem Vater Matthew Knowles. Ein Befreiungsschlag also, auf dem Weg in die Unabhängigkeit.

Beyoncé hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie ihre Songs nicht allein und geniegleich in einem stillen Kämmerlein mit Klavier und Gitarre schreibt. Sie ist stets umgeben von einer Heerschar an Songwriter*innen, Produzent*innen, Choreograf*innen, Tänzer*innen und Kreativen. Für ihr selbstbetiteltes Album »Beyoncé« aus dem Jahr 2013 lud sie Songschreiber*innen dazu ein, einen Monat mit ihr in New York City zu leben. Man kann davon ausgehen, dass die Eingeladenen nicht nur handverlesen, also kuratiert waren, sondern dass Beyoncé in dieser Zeit und in der Zeit der Aufnahme ihre Rolle als Präsidentin ausgeübt hat, die ganz genau wusste, was sie wollte und was nicht. Die Songcredits dieses Albums, und sämtlicher Alben nach 2010, belegen außerdem, dass sie unter anderem durch diese Funktion als Kuratorin die Songs deutlich mitgeformt hat. Auch gehen einige Stimmarrangements und Stimmproduktionen auf ihr Konto.

Platz einnehmen und aneignen
Es ist evident, dass die Produzent*innenschar und die Zahl der Akteur*innen bei ihren Alben ab 2010 wuchs und wuchs. Betrachtet man die damit verbundene Zahl von »4« über »Beyoncé« bis hin zu »Lemonade«, so hat sich diese drastisch erhöht. Letzteres hat dazu geführt, dass »Lemonade«, obwohl von Kritiker*innen größtenteils euphorisch gefeiert, auch Schmährufe einstecken musste. Mit der Authentizität könne es nicht so weit her sein, wenn mehrere Dutzend Produzent*innen und Songschreiber*innen an einem eigentlich persönlichen Album über das vermeintliche Fremdgehen von Ehemann Jay-Z und die Rolle der schwarzen Frauen in Amerika beteiligt seien, so der diesbezügliche Tenor.

Das wiederum fußt auf dem hier schon kurz beschriebenen Missverständnis: Beyoncé schreibt und arbeitet nicht allein, sondern umgibt sich mit den aus ihrer Sicht richtigen Menschen. Sie selektiert, formt, eignet sich an, bestimmt, trägt Letztverantwortung über Musik und Bild und kuratiert und orchestriert somit die jeweiligen Projekte. Beyoncé schreibt sich ein in Material, das zu einem bestimmten Teil aus fremder Feder stammt. Sie findet dort dennoch ihren Platz und behauptet ihn.

Folglich trifft auch ein Artikel der »Los Angeles Times« den Kern der Sache. Niemand, so wird dort behauptet, nehme einen kulturellen Raum so ein wie Beyoncé. Das gilt in diesem Artikel vornehmlich für das Album »The Gift«, bei dem sie trotz der übergroßen popkulturellen Signifikanz von »The Lion King« noch einen gewichtigen und relevanten Platz für sich beanspruchte, in dem sie über ihre eigenen Mutterrolle reflektieren konnte und vor allem einen künstlerischen »Liebesbrief an Afrika« ausformulieren konnte, den »The Lion King« selbst so nie geschrieben hat.

Dasselbe gilt für ihr Coachella-Konzert. Sie hätte sich bei diesem Festival leicht, so sagt sie in der Dokumentation »Homecoming«, den Blumenkranz aufsetzen können. Stattdessen habe sie aber ihre Kultur dort präsentieren und repräsentieren wollen. Als erster schwarzer weiblicher Headliner bei diesem Festival spielte sie somit nicht nur ihre Songs in neuen Arrangements, sondern flocht auch Zitate von schwarzen Bürgerrechtler*innen, Intellektuellen und musikalische Verweise auf die schwarze Musikgeschichte mit ein. Im Mittelpunkt stand aber Beyoncé selbst – als die Person, die all diese verschiedenen Ebenen zusammenhält und die natürlich, nicht zuletzt, auch die Menschenmassen durch ihr Charisma, ihre tänzerischen und natürlich durch ihre gesanglichen Fertigkeiten bei der Stange und bei der Sache hält. Sie ist dabei wieder einmal die Präsidentin, die nichts aus der Hand gibt und nichts weniger als Perfektion anstrebt.

Beyoncé © Sony Music

Befreite Sinnlichkeit und Kontrolle
An der Stelle ihrer Bühnenperformances entzünden sich wiederum Kontroversen. Dass sie zumeist eher leicht bekleidet auf der Bühne steht und ihren Körper gerne zeigt, brachte ihr unter anderem schon den Vorwurf ein, in etwa so feministisch zu sein wie Barbie. Die Betonung und Überbetonung des weiblichen Körpers bei ihren Performances gilt somit manchem Kritiker als anti-feministisch und reaktionär, sodass sie damit vermeintlich dazu beitrage, dass Frauen auf ihren Körper reduziert werden. Es kann nicht bestritten werden, dass beispielsweise bei »Homecoming« die Kamera verdächtig oft ihren Hintern in den Fokus nimmt und auch sonst der erotische, vornehmlich männliche Blick auf eine gutaussehende Frau potenziell möglich ist.

Nun ist es nicht so, dass ihr diesbezüglicher Ansatz so weit geht wie der Ansatz von Nicki Minaj, die mit der Hypersexualisierung ihres Körpers die begehrenden männlichen Blicke in die Schranken weisen will. Ihre Sexualität ist wild und selbstbestimmt, mithin so selbstbestimmt und zügellos, dass sie Männer, die die Domestizierung und Unterwerfung der weiblichen Sexualität doch noch im Sinn haben sollten, einschüchtert und letztlich scheitern lässt. Beyoncés Körperlichkeit und Sinnlichkeit in ihren Videoclips und vor allem auf der Bühne funktioniert, wenngleich zahmer in Szene gesetzt, durchaus ähnlich.

Wenn sie davon singt, ob das imaginäre Gegenüber ihren Körper wolle, und zeitgleich suggeriert, dass er ihn natürlich wolle, dann signalisiert ihr Blick, dass er ihn nur unter den von ihr festgesetzten Bedingungen haben könne. Beyoncé verfolgt eine selbstbestimmte Erotik und spielt zugleich selbstbewusst mit den Codes dessen, was an einer Frau und ihren Blicken und Bewegungen als erotisch und sinnlich wahrgenommen wird. Hier hat sie also sowohl die Kontrolle über ihren Körper auf der Bühne als auch über das Zeichensystem und die Inszenierung ihres Körpers in Videoclips und Dokumentationen. Sie selbst als CEO ihrer eigenen Film- und Clipproduktionsfirma (siehe Parkwood Entertainment) sorgt dafür.

Fazit
Das Werk, das Schaffen und Wirken von Beyoncé wird bestimmt von Kontrolle und Komplexitätsbewältigung. Ihre Projekte wurden über die Jahre stets komplexer, ihr Anspruch, sie im Griff zu haben, ist geblieben und hat sich sogar noch intensiviert. Das alles bedeutet natürlich nicht, dass ihre Musik nicht auch Pop und Produkt ist. Aber sie übernimmt auch hier die Herrschaft über dessen exakte Platzierung auf dem Musikmarkt. Zudem wäre es reichlich absurd, ihr eine strikte Kommerzhaltung vorzuwerfen. Spätestens mit »Lemonade« ging sie künstlerisch gesehen ein erhebliches Risiko ein, der letzte Welthit liegt schon viele Jahre zurück. Und das wird wohl auch so bleiben. Präsidentin und Alleinherrscherin ist sie aber definitiv auch in Zukunft.

Link: https://www.beyonce.com/