anima
Anima Sound

»Baummusik«

Alga Marghen

Die Karriere der bayrischen Experimental-Musikerin Limpe Fuchs kann in drei Phasen eingeteilt werden. Mit der Veröffentlichung ihres ersten Albums »Stürmischer Himmel« (Ohr, 1970), aufgenommen als Anima Sound im Duo mit ihrem damaligen Partner Paul Fuchs, begann die künstlerische Reise der akademisch geschulten Musikerin, deren Route sich mit dem Ende der nicht nur musikalischen Partnerschaft mit Paul Fuchs zum Ende der 1980er-Jahre änderte. In den knapp zwanzig Jahren dazwischen hatte sie ein paar Schallplatten veröffentlicht, im Duo die Welt bereist, Konzerte mit dem renommierten klassischen Pianisten Friedrich Gulda gespielt, in Italien einen Hof bewirtschaftet, zwei ihrer drei Kinder großgezogen und vieles mehr. Nach dem Ende von Anima Sound, und auch dem Erwachsenwerden des kleinsten ihrer drei Kinder verpflichtet, beschränkte sich ihr Wirkungskreis in den 1990er-Jahren zunächst auf ihre bayrische Heimat, wo sie Konzerte spielte und organisierte und darüber hinaus bis zum Beginn der 2010er-Jahre international seltener in Erscheinung trat. Hier beginnt die dritte, bis heute andauernde Phase der Karriere von Limpe Fuchs. In den letzten fünfzehn Jahren wurde sie von einer jüngeren Generation wiederentdeckt. Sie reist seither durch Europa und spielt Konzerte, von Portugal bis Griechenland, von Norwegen bis Süditalien, sie ist gefragt wie vielleicht nie zuvor, eine Vielzahl von Alben mit neuer Musik sind erschienen und eine Reihe von Archivveröffentlichungen. 

»Baummusik« dokumentiert ein spätes Konzert von Anima Sound, aufgenommen 1987 in Rosenheim. Mit Blick auf die biografischen Wege und damit einhergehende Herausforderungen stellt die stets frei improvisierte Musik eine Konstante dar, die, unter welchen Umständen auch immer, da war. Die Musik war da, die vielen selbstgebauten Instrumente waren da und Limpe Fuchs war und ist für sie da. Das änderte und ändert sich nie. Die »Methode Fuchs«, wenn man so will, hat sich nie geändert: Ihre Musik entsteht aus dem Augenblick und jahrzehntelanger Erfahrung heraus und in der Auseinandersetzung mit ihren Instrumenten. Manche davon sind im orthodoxen Verstand gar keine. Das spielt keine Rolle bzw. ist es von entscheidender Bedeutung, aufregende Klänge auch dort zu finden, wo zunächst vielleicht keine zu vermuten waren. So ist das Musikmachen immer eine Forschungsarbeit, die sowohl vor Publikum als auch im heimischen Studio stattfindet. In den vergangenen über 50 Jahren hat Limpe Fuchs mit ihrer unverwechselbaren Herangehensweise Leute verschreckt und entzückt, aber niemals kalt gelassen. Sie provoziert mit ihrer Musik eine starke Reaktion, heutzutage fällt sie zumeist begeistert aus, aber es gab auch Zeiten, da wandte sich das überforderte Publikum ab oder »zum Schutz der Jugend« mussten polizeiliche Maßnahmen ergriffen werden. Das lag an der teilweisen Nacktheit des Vortrags.

Auch auf dem Cover von »Baummusik« taucht die junge, nackte Limpe wieder auf, was zum historischen Zeitpunkt der dokumentierten Aufnahmen gar nicht passt. Dieses Image verfolgt die heute über achtzigjährige Musikerin, die ihren Frieden mit ihrer früheren Version gemacht hat, also sei’s drum. Entscheidend ist, was drin ist. Und das ist eben die Musik, die immer da war, da ist. Im Duo mit Paul Fuchs bedient sie zahlreiche Schlag- und Blasinstrumente und singt, und so entsteht eine spontane Komposition, deren Verlauf nicht antizipiert werden kann – man muss ihr folgen, jede Sekunde kann etwas Neues passieren. Aus dieser relativen Unberechenbarkeit bezieht die improvisierte Musik von Anima Sound bis heute ihre Spannung und Faszination. Zurecht gilt das Duo als legendär und Limpe Fuchs arbeitet als Solistin oder in Kombination mit vielen anderen Musiker*innen weiterhin unermüdlich an der Fortsetzung ihres in vielerlei Hinsicht beispiellosen musikalischen Weges. Ihr dabei zu folgen, ihren Weg immer wieder zu kreuzen, das ist eine bereichernde Erfahrung. 

Um einen Vergleich heranzuziehen und zu verdeutlichen, weshalb hier im Grunde die Kategorie »Weltkulturerbe« gelten muss: Limpe Fuchs steht in einer Reihe mit Ikonen freier Musik wie Peter Brötzmann, Marshall Allen oder Irène Schweizer. Schweizer und Brötzmann sind bereits verstorben und die Rezension hier ist kein Nachruf. Allen, sonst wie bekannt mit dem Sun Ra Arkestra unterwegs, hat hundertjährig sein erstes Soloalbum veröffentlicht und Limpe Fuchs erfreut sich ebenfalls bester Gesundheit. All diese Leute können sehr inspirierend wirken, wenn man sich darauf einlässt, auf unkonventionelle Weise angesprochen oder gar berührt zu werden. Ihre Hartnäckigkeit, ohne zu verhärten, kann als Beispiel dienen und helfen, klarzukommen. Man kann es nicht genauso machen wie die Alten, aber man kann zuhören, versuchen zu verstehen, sich den Horizont erweitern und etwas dazulernen. Das ist sozusagen der pädagogische und der gesellschaftspolitische Impetus dieser improvisierten Musik und ihrer Akteur*innen. Die ästhetische Praxis dient auch der Verdeutlichung und Einübung eines Sozialisationsmodells: Interaktion und Kooperation mit- und Aufmerksamkeit füreinander bei gleichzeitiger Behauptung von Individualität und Eigensinn! Das kann anstrengend sein und liest sich heutzutage wie aus einem reformpädagogischen Klassiker abgeschrieben. Aber aller Kritik, unterstelltem Idealismus und der Gefahr des Scheiterns zum Trotz: Was denn sonst? 

Home / Rezensionen

Text
Holger Adam

Veröffentlichung
16.08.2025

Schlagwörter

favicon

Unterstütze uns mit deiner Spende

skug ist ein unabhängiges Non-Profit-Magazin. Unterstütze unsere journalistische Arbeit mit einer Spende an den Empfänger: Verein zur Förderung von Subkultur, Verwendungszweck: skug Spende, IBAN: AT80 1100 0034 8351 7300, BIC: BKAUATWW, Bank Austria. Vielen Dank!

Nach oben scrollen