© Ulrich Seidl Filmproduktion
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O du mein Österreich

Kelly Coopers und Pavol Liškas (Nature Theatre of Oklahoma) Verfilmung von Elfriede Jelineks Textwunderding »Die Kinder der Toten« ist eine freie, wilde Bearbeitung, eine Mischung aus Orgien-Mysterien-Spiel, großer Trash-Oper und einer Art Schlingensiefschem österreichischem Kettensägenmassaker.

»O du mein Österreich« – man kann dieses Motto nach dem Lied von Franz von Suppè durchaus doppeldeutig verstehen. Als sehnsuchtsvollen Andachtsjodler, wie ursprünglich intendiert, oder als Stoßseufzer über die wohl unausrottbaren Determinanten der österreichischen Wesensart: Katholizismus, dumpfe Fremdenfeindlichkeit und der feste Wille, aus den verheerenden Fehlern der Vergangenheit nichts zu lernen. Thomas Bernhard hat darüber ebenso viel geklagt und dagegen angeschrieben wie Elfriede Jelinek. Deren literarisches Opus Magnum, »Die Kinder der Toten« (1995), galt lange als unverfilmbar – eine schonungslose Abrechnung mit der österreichischen Vergangenheit und der nie stattgefundenen Aufarbeitung des Nationalsozialismus, die sich bis heute aus dem Opfermythos speist. Demzufolge war Österreich das erste Opfer der nationalsozialistischen Aggression. Wer jedoch die Geschichte von Österreichs Weg in den Faschismus kennt, weiß, wie falsch dieser Mythos ist, der sich dennoch bis heute hartnäckig hält.

Super-8, Stummfilm und allerlei Absurdes

Im Zentrum des gleichnamigen, von Ulrich Seidl produzierten Films von Kelly Cooper und Pavol Liška aus dem Jahr 2018 steht die Pension Alpenrose in der Steiermark, eine Ansammlung von Karikaturen, die selbst Manfred Deix vor Neid erblassen lassen würde: Dumpfheit und ins Mythologische überhöhte Bergseligkeit, offene Fremdenfeindlichkeit und verquerer Nationalstolz, Fresssucht, Alkoholismus und Katholizismus sind die Zutaten, aus denen das Nature Theatre of Oklahoma ein satanisches Gebräu braut. Gefilmt wurde das Ganze auf Super-8-Material, weitgehend stumm – was hier bedeutet: keine Dialoge, aber jede Menge ungewöhnliche Geräusche. Texttafeln begleiten die überaus wilde Handlung, deren überdrehte Pirouetten eigentlich kaum von Belang sind. Denn es geht um etwas ganz anderes: um ein Zerr- oder vielmehr Vexierbild österreichischer Befindlichkeiten in einer Zeit, in der die Realität längst dabei ist, die Satire – rechts wie links – zu überholen. 

© Ulrich Seidl Filmproduktion

Die Steiermark wird zur Bühne für eine Abfolge absurder Episoden, als da wären: Zombies, die durch die Landschaft irren, ein notgeiles älteres Pärchen, eine Mutter und ihre Tochter, die einander in einer Boshaftigkeit hassen, wie sie nur Jelinek-Figuren draufhaben (»Du bist einfach nicht mein Typ, was Töchter angeht. Du bist unliebbar.«), ein depressiver Förster und eine Gruppe syrischer Lyriker*innen, die sich auf die »Styrian Cuisine« freuen – leider aber das »t« übersehen und statt Delikatessen nur Fremdenfeindlichkeit vorfinden. Das alles artet dann dermaßen aus, dass sich die Lebenden unter blut- und fleischreichen Umständen (ein netter Gruß an Hermann Nitsch!) in Tote verwandeln, die wieder auferstehen, während eine Blaskapelle Trauermärsche spielt und ein Faschingsumzug »bekannter toter Österreicher« – und ja, der, an den man dabei zuerst denkt, ist natürlich auch mit von der Partie – das Dorf erheitert.

Trash und hemmungslose Groteske

Okay, wenn sich das alles jetzt ein wenig sehr, sagen wir, blödsinnig anhört, dann liegt das daran, dass es das auch ist – im allerbesten Sinne. Und wenn Untote mit Hakenkreuzarmband und Untote mit Judenstern gemeinsam tanzen, dann ist das auch noch vollkommen geschmacklos. Aber für Kelly Cooper und Pavel Liška gibt es keine Tabus – vielleicht, weil sie als Amerikaner*innen von jeglicher Last der deutsch-österreichischen Geschichte befreit sind. Aus dieser Unbekümmertheit erwächst eine Heimatfilmparodie, die sich auch als »Stephen King meets Guy Maddin« beschreiben ließe. Dieser hemmungslosen Groteske indifferent gegenüberzustehen, ist nahezu unmöglich. »Die Kinder der Toten« ist ein Werk, das man lieben oder hassen muss, und genau das würde man sich bei all dem filmischen Mittelmaß, das das Kino bevölkert, häufiger wünschen. 

Link: https://www.ulrichseidl.com/de/ulrich-seidl-filmproduktion/filme-in-verwertung/die-kinder-der-toten 

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