© Universal Pictures
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Der Held als Coverversion

Ist es nötig, dass Blockbuster-Regisseur Christopher Nolan die »Odyssee« in einen millionenschweren Kostümschinken verwandelt, der bis in die kleinste Rolle mit Hollywood-Prominenz besetzt ist? Brauchen wir wirklich noch eine konservative Verfilmung von Homers Epos? Oder ist das die falsche Frage?

Wäre die »Odyssee« ein Popsong, dann wäre sie wahrscheinlich der meistgecoverte Song aller Zeiten. Ein guter Coversong wird nicht daran gemessen, ob er jede Note des Originals exakt reproduziert, sondern ob er etwas hörbar macht, das im Original zwar angelegt war, aber bisher niemand so hörbar gemacht hat. Man fügt dem Original etwas hinzu oder reduziert es geschickt. Manchmal übernimmt man auch Komponenten aus einer anderen Coverversion und kombiniert diese mit anderen interessanten Anklängen. Bei der »Odyssee« gibt es eine sehr lange Ahnenreihe von berühmten Coverversionen, die genau das getan haben. 

Von Vergil bis Atwood

Schon in der Antike hat sich der römische Dichter Vergil in seinem Werk »Aeneis« mit Odysseus beschäftigt. Vergil erzählt aus der Sicht der Trojaner, deshalb ist Odysseus für ihn meistens »der verschlagene Grieche«. Im Mittelalter verbannt Dante in der »Göttlichen Komödie« Odysseus in den achten Höllenkreis (26. Gesang des »Inferno«). Er sieht in ihm einen Menschen, der die von Gott gesetzten Grenzen aus Wissensdurst überschreitet. Die Menschen, glaubt sein Odysseus, seien nicht geschaffen, um wie Tiere zu leben, sondern um hinauszuziehen und Tugend und Erkenntnis zu gewinnen. 

James Joyce’ »Ulysses« reduziert die zehnjährige Irrfahrt auf einen Tag in Dublin. Seine Abenteuer sind nicht Zyklopen, Hexen oder Seeungeheuer, sondern Eheprobleme, Kneipenbesuche, Zeitungslektüren und Gespräche. Sein Held Leopold Bloom ist ein durch den Tod seines Sohnes traumatisierter Mensch. Spannend an Joyce ist vor allem der Stream of Consciousness als erzählerisches Modell. Er verwandelt die »Odyssee« in eine radikal subjektiv wahrgenommene und frei assoziierte Geschichte. 

Jean Giono macht in »Die Geburt der Odyssee« aus Odysseus einen Hochstapler und Herumtreiber, der seine Abenteuer als Notlügen erfindet, um seine lange Abwesenheit zu rechtfertigen. Man könnte dem Roman auch den Titel »Die Erfindung der Fiktion durch die Notlüge« geben. Sein Volk glaubt ihm und so entsteht sein Mythos. Und der Roman »Penelope und die zwölf Mägde« von Margaret Atwood nimmt die Perspektive von Penelope ein, die in einer von Männern dominierten Welt lebt und zurechtkommen muss.

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Von Philosophie bis Film

Auch die Philosophie hat die »Odyssee« immer wieder rezipiert. Horkheimer und Adorno interpretieren in »Die Dialektik der Aufklärung« Odysseus als rational kalkulierenden bürgerlichen Menschen, der seine Bedürfnisse aufschiebt, um langfristige Ziele zu erreichen. Sie zeigen das anhand der Szene, in der sich Odysseus an seinen Schiffsmast fesseln lässt, um den Gesang der Sirenen hören zu können, ohne dabei Schaden zu nehmen. Für die beiden Philosophen ist das die Geburtsszene der modernen Zivilisation. Hans Blumenberg dagegen untersucht in seinem berühmten Werk »Schiffbruch mit Zuschauer« den Schiffbruch als eine Grundmetapher des menschlichen Daseins und kommt dabei um die »Odyssee« nicht herum.

Homers Epos ist natürlich auch unzählige Male verfilmt worden. Am bekanntesten ist sicher der sehr unterhaltsame Abenteuerfilm »Die Fahrten des Odysseus« aus dem Jahr 1954, ein italienischer Abenteuerfilm mit einem vor Energie platzenden Kirk Douglas in der Hauptrolle und Anthony Quinn als Freier Antinoos. 1963 verwandelte Jean-Luc Godard Alberto Moravias Roman »Die Verachtung« in eine sommerlich schimmernde Reflexion über die »Odyssee«. »O Brother, Where Art Thou?« von den Coen-Brüdern aus dem Jahr 2000 verlegt die »Odyssee« in den Süden der USA ins Jahr 1937 und begleitet den entflohenen Sträfling Ulysses Everett McGill auf seinem Weg nach Hause, auf dem er sämtliche Stationen der »Odyssee« durchläuft, aber eben an die Situation der von der großen Depression geschüttelten USA angepasst. 

»Rückkehr nach Ithaka« aus dem Jahr 2024 ist ein Film des Regisseurs Uberto Pasolini. Er zeigt Odysseus als tief traumatisierten und verzweifelten Tötungshandwerker, der trotz innerem Widerstreben ein letztes Mal zu Bogen und Schwert greift. Auch dieser Film beschäftigt sich mit der Unmöglichkeit der Heimkehr nach traumatischen Ereignissen. Getragen wird der Film von der überragenden Schauspielkunst von Ralph Fiennes als Odysseus und Juliette Binoche als Penelope. Antinoos ist zwar ein Intrigant, enttarnt aber Odysseus als Killer, der nur Gewalt kennt. Nach vollbrachtem Massaker wehrt er sich mit klugen Worten und erwartet tapfer seinen Tod.

Fragen an die Coverversion

Die »Odyssee« wäre in der Musik so etwas wie ein Standard, also ein bekanntes, häufig gespieltes Musikstück, das zum festen Repertoire vieler Musiker*innen gehört und das es dementsprechend in Tausenden Versionen gibt. Jede*r Musiker*in befragt ein solches Stück auf seine*ihre ganz eigene Weise. Wer sich an eine Coverversion der »Odyssee« wagt, muss sich vielen Fragen stellen, die sich aus der jahrhundertelangen Rezeption des Epos ergeben. Ist Odysseus ein Held oder nur ein listiger Machtpolitiker? Darf der Mensch nach grenzenloser Erkenntnis streben? Gibt es in einer entfremdeten Welt überhaupt eine Heimat, in die man heimkehren kann? Ist die »Odyssee« der Ursprung des modernen Subjekts?

Ergänzend kommt dazu: Wie kann man die »Odyssee« überhaupt erzählen? Als Abenteuer? Als die Tragödie eines Traumatisierten? Als Vergangenheit? Als Gegenwart? Oder als inneren Monolog? Und noch ein weiteres Thema tut sich auf: Wie geht man mit den Göttern um? Was ist das Heilige? Wie kann man die »Odyssee« metaphorisch lesen? Wofür steht sie heute, in unserer Gegenwart? Christopher Nolan ist nicht Richard Donner. Er hat sich im Vorfeld tatsächlich mit einigen dieser Fragen beschäftigt, um eine Variante des alten Standards zu kreieren, die unterhaltsam und gleichzeitig an die intellektuell anspruchsvolle Rezeption der »Odyssee« anknüpft.

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Figuren und Drehbuch

Nolan hat sich für einen konservativen Ansatz entschieden. Er hat eine Mischung aus Abenteuer und Fantasy-Spektakel gedreht. Nolans Odysseus ist kein Lügner wie bei Giono. Zwar lügt er strategisch, aber seine Abenteuer erlebt er tatsächlich. Er bringt den Soldaten Sinon skrupellos durch eine Lüge dazu, sich den Trojanern als Opfer darzubieten. Odysseus ist allerdings auch ein Machtpolitiker. Ihm ist klar, dass es bei dem Feldzug nach Troja nicht allein um Helena und die verletzte Ehre geht. Er weiß, dass es auch um die von den Trojanern kontrollierten Handelsrouten und Beute geht. Und er ist klug genug, zu wissen, wem er sich beugen muss und wem nicht. 

Alles, was Nolans Odysseus tut, geschieht mit Bedacht und Hintersinn. Er ist also durchaus »listig«. Allerdings traumatisieren ihn seine Abenteuer auch. Er taumelt fassungslos durch das brennende Troja und wird sich offensichtlich erst in diesem Moment bewusst, dass seine List mit dem Holzpferd die Stadt und ihre Bewohner*innen ausgelöscht hat. Er hat das grausame Massaker möglich gemacht. Und in diesem Sinne wird er auch als modernes Subjekt gezeigt, das sein gesammeltes Wissen in scheinbar rationaler Weise verwendet, auch wenn es sich in dialektischer Weise immer wieder gegen ihn wendet. 

Nolans Penelope ist eine moderne und selbstbewusste Frau, die um ihre Eigenständigkeit kämpft. Kalypso tritt als gleichwertige Partnerin auf, die Odysseus bei der Bewältigung seines Traumas hilft und ihn letztlich aus freien Stücken, nicht auf Befehl Zeus’, gehen lässt. Circe ist keine betörende Hexe, auch sie ist eine Frau, die versucht, in einer von Männern beherrschten Welt zu überleben. Dass sie Odysseus’ Männer zu Schweinen knetet, spricht für sich. Das ist nicht direkt ein feministischer Ansatz, eher eine feministische Reflexion. 

Das Wesen der Götter

Die Art und Weise, wie Nolan das Götterproblem löst, zeugt von seinem Gespür für die Eigenart der griechischen Mythologie. Die Anwesenheit der Götter als schicksalsbestimmende Macht bleibt bei ihm im gesamten Film spürbar. Nolan behandelt sie nicht als bloße Projektionen menschlicher Vorstellungen, sondern als reale Dimension der Welt seiner Figuren. Sichtbar tritt allerdings nur Athene als göttliche Gestalt auf. 

In seinem 1956 erschienenen Buch »Theophania«, das sich mit dem Wesen der griechischen Götter befasst, beschreibt Walter F. Otto sinngemäß, dass sich die Götter in den Grundphänomenen des Daseins offenbaren, also in jenen Erfahrungen, die den Menschen im Innersten ergreifen, erschüttern oder erfüllen. Genau diese Form der Theophanie scheint Nolan zu inszenieren: Die Götter erscheinen nicht notwendig als handelnde Figuren, sondern als Mächte, die sich in den existenziellen Erfahrungen der Menschen zeigen. Die Sichtbarkeit Athenes ist eng mit dem Troja-Trauma des Titelhelden verbunden. Sie erscheint nicht einfach als äußere mythologische Figur, sondern als Manifestation einer Wirklichkeit, die sich aus der Begegnung mit Schuld, Erinnerung und Schicksal entwickelt hat. 

Am Ende muss Nolans Odysseus feststellen, dass die ersehnte Heimkehr in seine Heimat nicht so einfach möglich ist. Weder kann er seine Ehe wieder aufnehmen, noch kann er König von Ithaka bleiben. Er muss weiterziehen, der untergehenden Sonne entgegen. Großen Anteil an der intensiven Atmosphäre des Films hat Ludwig Göranssons Anti-Blockbuster-Soundtrack, der sich nie in den Vordergrund drängt, immer sehr dicht an den Bildern bleibt und auf sanfte Weise die Schauspieler*innen bei ihrer Arbeit begleitet.

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Überzeugende Darsteller*innen

Matt Damon ist als Odysseus großartig. Es gelingt ihm hervorragend, den »listigen« Odysseus mit dem von Mord und Totschlag traumatisierten Soldaten zu vereinen. Auch Anne Hathaway bietet ihr ganzes Können auf, um die Zerrissenheit Penelopes zu zeigen. Erstaunlich ist, wie Tom Holland als Telemachos hier nicht den besten Superhelden-Imitator gibt, sondern sein Spiel komplett zurücknimmt und mit absolut reduzierter Mimik und Gestik mehr an Gefühlen zum Ausdruck bringt als manch anderer Darsteller in seiner ganzen Karriere. Robert Pattinsons Kinski-eske Darstellung des Antinoos ist großartig. Allerdings ist seine Rolle sehr eindimensional geschrieben, über die Schwarz-Weiß-Malerei des Drehbuchs kommt der Darsteller nicht hinaus. Dem Charakter wird nicht ein Millimeter Tiefe zugestanden, er ist feige und böse wie der Schurke aus einem alten Italo-Western. 

Interessant ist die Idee, König Agamemnon als Negativfolie für Odysseus anzulegen. Er wird gezeigt als selbstverliebter, machttrunkener Charakter, der mit seinen protzigen Heldenposen scheinbar alles richtig macht und darum nichtsahnend in den Tod geht. Während Odysseus von Schuldgefühlen geplagt wird, wenn seine Männer für ihn in den Tod gehen, nimmt Agamemnon das alles mit großer Selbstverständlichkeit hin. Ärgerlich ist allerdings, dass er sowohl vom Kostüm als auch vom Auftreten her inszeniert wird wie eine Mischung aus Darth Vader und dem Bösewicht Kurgan aus dem ersten »Highlander«-Film.

Insgesamt gibt es unter dem hochkarätigen Ensemble keinen einzigen Ausfall. Jede*r Darsteller*in überzeugt auf seine*ihre Weise. Auch die Kamera leistet großartige Arbeit. Die Bilder sind überwältigend. Kulissen und Spezialeffekte spielen sich nicht in den Vordergrund. Der Zyklop sowie Skylla und Charybdis hätten bei anderen Regisseuren sicher einen eher effekthascherischen Auftritt bekommen. Bei Nolan dienen sie der Erzählung. Und die Erzählung ist der eigentliche Star in diesem Film.

Die Erzählung ist der Star

Nolans Coverversion dekonstruiert die lineare Erzählstruktur von Filmen wie »Die Fahrten des Odysseus« oder »Rückkehr nach Ithaka« und ordnet sie wie ein Puzzle neu an. Erst nach und nach ergibt sich das Trauma der Hauptfigur, das verdeutlicht, warum eine Rückkehr nach Ithaka unmöglich geworden ist. Nolans Drehbuch verwendet eine variable Fokalisierung, ähnlich wie Homer, ist darin aber konsequenter, weil es nie die Perspektive der Götter einnimmt und sich stattdessen auf Telemachos und vor allem auf Odysseus konzentriert. 

Die Erzähltechnik erinnert an Joyce’ Stream of Consciousness. Bestimmte Situationen lösen bei Odysseus Erinnerungen aus, die blitzartig auftauchen und ebenso schnell wieder verschwinden. Erst nach und nach fügen sie sich zu einem Gesamtbild zusammen und machen deutlich, was zu Odysseus’ Trauma geführt hat. Für Nolan-Filme ist diese Erzählweise nichts Besonderes, aber hier funktioniert sie besonders elegant. Großartig ist vor allem, wie Nolan den Zusammenhang zwischen Odysseus’ Trauma und der Göttin Athene Schritt für Schritt auflöst. Eine derart konsequente Verbindung von psychologischer und mythologischer Ebene bietet das Blockbuster-Kino nur selten. 

Damit nicht genug. Durch seine assoziative Erzählweise verbindet Nolan die Vernichtung Trojas mit der Vernichtung der Freier. Ähnlich wie in »Rückkehr nach Ithaka« führt Gewalt zu neuer Gewalt und macht eine Rückkehr in die Heimat unmöglich, auch weil es diese Heimat längst nicht mehr gibt. Stattdessen schickt das Drehbuch Odysseus weiter, damit er die Toten ehrt, die seinen Weg gesäumt haben. Es schickt ihn auf den Weg der Traumabewältigung. Odysseus’ Schiffbruch ist deshalb auch in Nolans Coverversion eine existenzielle Metapher. Er erleidet nicht nur Schiffbruch vor der Küste der Insel Scheria, sondern auch im Leben und bei dem Versuch, in eine Heimat und ein Leben zurückzukehren, die es längst nicht mehr gibt. 

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Eine würdige Coverversion

Wie ein Musiker, der das Cover eines Standards angeht, interessiert sich Christopher Nolan nicht für eine philologische Rekonstruktion des Originals. Das ist auch richtig so, denn andernfalls gliche sein Film der Musik einer Partyband, die möglichst originalgetreue Cover spielt. Sie hören sich an wie das Original, erreichen es aber nie wirklich. Darum sind sämtliche Diskussionen darüber, ob die Kostüme oder Schiffe »originalgetreu« sind, ob Helena von einer Schwarzen Schauspielerin gespielt werden darf, ob Telemachos von »Mum« und »Dad« reden darf oder ob die Reihenfolge der Abenteuer derjenigen in Homers Erzählung entspricht, für die Beurteilung des Films völlig belanglos. Sie verfehlen den eigentlichen Gegenstand. Niemand käme auf die Idee, Joyces »Ulysses« oder Godards »Die Verachtung« auf diese Weise zu befragen. 

Was also kann man sagen zu Nolans »Odyssee«? Der konservative Ansatz verhindert nicht, dass ein absolut zeitgemäßer Film entstanden ist, der sich das Trauma-Narrativ bei »Rückkehr nach Ithaka« ausleiht und sich auf intelligente und sehenswerte Weise der langen Rezeptionsgeschichte der »Odyssee« bewusst ist. Der Film macht nicht den unsinnigen Versuch, sich auf pseudoarchäologische Weise dem Original anzunähern, sondern nimmt die Metapher des Schiffbruchs auf und spiegelt an ihr die Erfahrungen sämtlicher moderner Kriege, vom Zweiten Weltkrieg bis Afghanistan. Dabei ästhetisiert der Film die Gewalt nicht, wie es die durch Tarantino-Splatter inspirierten sogenannten Actionfilme tun. Stattdessen findet er berührende Bilder dafür, was Gewalt und Zerstörung bei Opfern, Tätern und Unbeteiligten anrichten. Nolans »Odyssee« ist eine sehr würdige und selbstbewusste Coverversion geworden.

Home / Kultur / Film

Text
Jens Buchholz

Veröffentlichung
27.07.2026

Schlagwörter


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