Das Branding der Bühnenfigur Lenny Kravitz war immer schon markant. Die kreative Eigenständigkeit steht jedoch zur Debatte: Das Schaffen von Kravitz gilt vielen als Retro-Variante prägender Rock-Legenden wie Jimi Hendrix oder Led Zeppelin – mit Funk, aber weitgehend ohne Schmutz. Sein Sound erreicht ein Millionenpublikum, wird jedoch kaum als stilbildend wahrgenommen. In kommerzieller Sicht ist genau diese Mischung das große Kapital des New Yorker Musikers. Die modisch verspielten Videos eigneten sich in den 1990ern perfekt zur Dauerrotation auf MTV. Der kritische Journalismus blieb hingegen auf Abstand. Kravitz war kein Außenseiter, sondern ein suspekter Aufsteiger: immer etwas zu glatt, immer etwas zu ungefährlich. Der amerikanische Kritiker Robert Christgau rezensierte die Musik etwa mit spürbarem Desinteresse und betonte den Marketing-Faktor. In puncto Image steht Lenny Kravitz damit näher bei Bon Jovi als bei den Ikonen, auf die er sich musikalisch bezieht.
Geradezu heavy
Die Aufnahmen zum Nachfolger des Erfolgsalbums »Are You Gonna Go My Way« beginnen 1994. Hauptsächlich findet die Produktion in einem französischen Schloss und auf den Bahamas statt – edel, aber nicht nur geografisch etwas zerrissen: Als Musiker, der vorrangig für Style und Zugänglichkeit steht, schlägt Kravitz auf dem entstehenden Album nachdenkliche Töne an. In seinen frühen Dreißigern verarbeitet er die schwere Krankheit seiner Mutter und wendet sich existenziellen Themen zu. Einen Bruch mit dem Schlaghosen-Kitsch der mittleren 1990er gibt es nicht, wohl aber eine musikalische Zuspitzung. Besonders im wuchtigen, zugleich transparenten Sound von Bass und Schlagzeug auf »Circus« wird hörbar, dass Kravitz seine Retro-Referenzen nicht als Gimmick einbringt. Sie sind vielmehr der tragfähige Unterbau für die inhaltlichen Setzungen des Albums.
Spirituelle Symbolik ist bei Lenny Kravitz nicht schmückendes Beiwerk, sondern Ausdruck einer religiösen Selbstverortung. Entsprechend geht es auf »Circus« teils endzeitlich zu (»The Resurrection«). Ob diese Elemente immer substanziell sind, sei dahingestellt – ernst gemeint sind sie allemal. Selbst das sloganartige »God Is Love« klingt mit schleichendem Gospel-Flair, gehaltenen Klangflächen und verzerrtem Leadgesang eher wie eine Warnung als ein feierliches Bekenntnis. Man traut es sich kaum zu schreiben: »Circus« ist geradezu heavy – nicht massiv und »hart«, wie in den Metal-Produktionen dieser Zeit, sondern im eigentlichen Wortsinn: schwer. Thematisch geht es neben dem Glauben auch um Selbstreflexion und die brüchige Seite des großen Rock-Traums. Das prägt den musikalischen Ausdruck: langsame Tempi, atmosphärische Soundschichten und Melodien, die kaum jemals nach Triumph klingen. Die wiederholenden Grooves halten die inneren Spannungen aufrecht.
30 Jahre Übergangsalbum
Bei Erscheinen ist »Circus« kein Flop im engeren Sinn, erhält jedoch gemischte Reaktionen und erreicht »nur« Gold-, keinen Platinstatus. Mit dem Welthit »Fly Away« gewinnt Kravitz wenige Jahre später seinen ersten Grammy – mit luftigen Hooks und hymnischem Chorus: Die Spannung wird nicht mehr gehalten, sondern aufgelöst. Umso bemerkenswerter ist es, dass gerade »Circus«, das nachdenkliche Übergangsalbum, zum dreißigjährigen Jubiläum mit einem Deluxe-Release gewürdigt wird. Unter den B-Seiten und Outtakes fällt »Is It Me, Is It You« besonders auf. So reduziert und spröde hat man Lenny Kravitz noch nie gehört. Nimmt man diesen Track nicht als Demo, sondern als vollwertigen Song, wirkt das Projekt »Circus« im Rückblick noch konsequenter, als es ohnehin schon ist. Auch ohne solches Bonusmaterial ist das Album jedoch erstaunlich gut gealtert. Der Sound wirkt heute zeitloser als damals und sticht unter den manchmal sterilen Produktionen seiner Zeit heraus. Das Image des Schmuserockers bleibt. Gerade deshalb lohnt eine Auseinandersetzung mit »Circus«: Hinter der vertrauten Fassade verbirgt sich ein Album von überraschender Schwere und ungewohntem Tiefgang.












