Florentina Holzinger, die bei der Biennale 2026 in Venedig den Österreich-Pavillon gestalten wird, überzeugte bereits als Schauspielerin (»Mond« von Kurdwin Ayub 2024) und in Personalunion als Regisseurin, Choreografin und Performerin nach den Wiener Festwochen 2025 im Jänner und Februar 2026 wieder bei einigen Vorstellungen von »A Year without Summer« an der Volksbühne Berlin.
Nacktheit und Genre-Mix
»A Year without Summer« beginnt damit, dass eine Schauspielerin über das Jahr 1816 erzählt, in dem sich aufgrund eines Vulkanausbruchs in Indonesien ein Jahr lang die Sonne verdunkelte und die Autorin Mary Shelley das Ungeheuer Frankenstein erschuf. Dem folgt ein behutsamer Tanz der Protagonistinnen miteinander, der in ein gegenseitiges Auskleiden übergeht. Zweier- oder Dreiergruppen formieren und liebkosen sich, was bis zur sexuellen Vereinigung führt. Welches Vergnügen, weil eine seltene Erfahrung, solch ein langes Stück ausschließlich mit Frauen besetzt zu sehen! Sie bleiben bis zum Ende mehr oder weniger nackt, was ihnen eine besondere Kraft und Selbstbewusstsein verleiht. Diverse Körper finden sich auf der Bühne, von jung bis alt, behindert oder POC.

Vieles wird geboten in diesem wilden Mix zum Thema Optimierung versus Verfall des Menschen: vom Musical bis zur Heavy-Metal-Band im Stroboskop-Licht. Eine Szene, die Bezug auf das patriarchale Gesundheitssystem nimmt, lässt Doktor Freud in die Vulva der am Gynäkologiestuhl sitzenden Patientin schauen, projiziert auf einer Videoleinwand, in der Zähne und schließlich ein Gebiss auftauchen, die den Penis bedrohen und Kastrationsangst generieren. Eine Reminiszenz an KI und Roboter findet sich in den auftauchenden künstlichen Plastikhunden mit blinkenden Augen, deren Aussage nicht gleich verständlich wird, die – wie nachzulesen ist – sich zum Angriff rüsten.
Intensive Bühnenereignisse
Das Bühnenbild wurde einzigartig mit einer übergroßen Vulva nach Courbets Bild »Der Ursprung der Welt« gestaltet. Schwer auszuhalten hingegen ist die ebenfalls auf der Leinwand übertragene simulierte Geburt eines Plastikbabys aus Florentina Holzingers Bein, der dafür die Narbenfäden in Großformat gezogen werden. Genauso die zur Verjüngung und Hautstraffung an den Schläfen live gepiercte Schauspielerin, die sich an den Ringen oberhalb der Augen im oberen Drittel der Bühne aufhängen lässt und schwebt.

Am stärksten berührt in der zweiten Hälfte die Szene, in der die jüngeren Frauen in den Rollen als Ärztinnen, Krankenschwestern und Pflegerinnen mit weißen Kitteln und grünen Häubchen die alten Frauen auf Betten legen oder in Rollstühle setzen und ihnen Windeln anziehen, aus denen in der Folge Kot und Urin im Übermaß spritzt und die Bühne überzieht. Endlich wird in Kunst und Kultur die Konfrontation mit den Erfordernissen unserer alternden Gesellschaft gezeigt und wie wir im Umgang damit überfordert und beschämt sind. Gerade in diesen für das Publikum schwer auszuhaltenden Bildern einer Fäkalorgie liegt auch die besondere Zärtlichkeit des Umeinander-Kümmerns. So etwas gab es noch auf keiner Theaterbühne jemals zuvor zu sehen. Große Begeisterung!
Link: https://www.volksbuehne.berlin/de/repertoire/a-year-without-summer











