Noch mehr Wölfe, aller guten Dinge sind drei. Dieses Mal die Wölfe im Thronsaal. Der ist verlassen, die Szene menschenleer, das Rudel kehrt zurück oder ist immer noch da. So oder so ähnlich stellen sie sich das vor, die US-amerikanischen Black-Metaller von Wolves in the Throne Room: »Our new album ›Estuary‹ takes place 1,000 years in the future, after the death of civilization. I’ve always felt such calm at the idea of humanity vanishing from the world, and nature reclaiming everything. I dream of being alone in this setting and experiencing total calm and peace«, lässt sich Gitarrist Nathan Weaver zitieren, und angesichts solcher genretypischen Fantasien kann man sich dann entscheiden, ob man sympathisierend grinst oder sich genervt stirnrunzelnd abwendet. Wenn man außer Acht lässt, dass die zu gleichen Teilen menschenfeindlichen wie schwarzromantischen Vorstellungen, wie sie nicht selten im atmosphärischen Black Metal artikuliert werden, ästhetisch überhöhte Abenteuer im Geiste sind, dann könnte man sie allzu wörtlich nehmen, und es würde dann schnell albern werden. Entscheidend ist nämlich, dass Weaver träumt, also in einem anderen Bewusstseinszustand eine Erfahrung macht, die ihm die schlecht bestehende Realität nicht zuteilwerden lässt, denn die Sehnsucht nach von Mitmenschen unbehelligter Ruhe ist wohl zuallererst ein Wunsch, der aus dem Leiden an dem, was einem als Zivilisation täglich zugemutet wird, entsteht. Solche kulturpessimistischen Narrative sind so alt wie die moderne Welt, von der sie sich in mal mehr, mal weniger kunstvoller Manier abwenden. Dem Abendland wurde schon mehrfach der Untergang prophezeit, die Zukunft ist schon lange nicht mehr, was sie mal war, und die Gegenwart ohnehin unerträglich. Angesichts des tatsächlichen Elends der Welt, der herrschenden Kriege, der Umweltzerstörung, der nahenden Klimakatastrophe und der vorwiegenden politischen Ignoranz all diesen Ereignissen und Aussichten gegenüber ist es nachvollziehbar, sich eine Welt zu erträumen, in der die Menschen sich ihr eigenes Grab nicht nur geschaufelt haben, sondern bereits darin verrotten. Aber dieses radikale Panorama kann eben nur in Augenschein genommen werden, wenn sich noch welche finden, die diesen Zustand bezeugen. Die Postapokalypse rechnet stets mit einer Handvoll Überlebender, ein paar auserwählten, wenn auch verlorenen Seelen, die, ausgemergelt, aber mit einem Rest Würde versehen, verkörpern, was verloren ging und hätte sein können. So kommt es auch, dass der Soundtrack zu diesem Szenario so feierlich ausfällt. Es sind ja nicht nur Flora und Fauna, die in majestätischen Riffs und donnernden Drums wiedererstarken – auch das Aufbäumen der letzten Menschen, die dieses Naturschauspiel demütig und geschlagen zur Kenntnis nehmen, kommt dergestalt zum Ausdruck. Wird es so kommen, muss es so kommen, soll es so kommen? Das kann auch Weaver nicht wissen, nur ahnen. Solche Vorsehung ist daher nicht zuletzt Warnung. Der Traum von Verderbnis auch Ausdruck der (vielleicht uneingestandenen) Hoffnung, es möge nicht so kommen – »calm and peace« lassen sich vielleicht/hoffentlich auch nicht um den Preis des globalen Untergangs erfahren … Ach je, ich will an dieser Stelle nicht die Black Metal Theory aufwärmen, wo kommen wir da hin? Wie eingangs erwähnt, man muss sich solchen abenteuerlichen Kopfgeburten und zwielichtigen Konzepten, wie sie sich mit »Estuary« verbinden, sowohl mit dem gebotenen Ernst als auch Unernst nähern, damit man den plakativen Perspektiven des philosophisch-musikalischen Programms nicht (nur) auf den ideologischen Leim geht. Der asoziale Eskapismus von naturverbundenen Endzeitszenarien mag seinen Reiz und Charme haben – aber eben nur in Relation zur Scheißwelt, wie man meint, sie nicht länger ertragen zu können. Denn diese Scheißwelt zeichnet sich durch vielerlei lästige Abhängigkeiten, Widersprüche und unheilvolle Verstrickungen aus, denen sich das schwarzmetallische Subjekt gerne entschlagen würde und denen gegenüber es um Souveränität ringt. Es möchte stehenbleiben, wie ein Baum, und alleine, unverwüstlich und tief verwurzelt dem Weltenlauf trotzen. Aber was dann? Dann steht es da, allein auf weiter Flur. Endlich Ruhe?
Wolves in the Throne Room
»Estuary«
Century Media
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