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Viennale 2025 im Rückblick

Vom 16. bis 28. Oktober flimmerten zum 63. Mal die Highlights des Filmjahrs über die Leinwände der Wiener Programmkinos. Wir waren für euch mit dabei.

Zwischen Gartenbaukino, Stadtkino im Künstlerhaus, Urania, Filmmuseum und Metro herrschte von 16. bis 28. Oktober wieder cineastischer Ausnahmezustand. Rund 200 Filme – darunter mehrere Österreich- und auch einige Weltpremieren – waren beim diesjährigen 63. Vienna International Film Festival zu sehen. Eure skug Filmkorrespondentin hat sich einmal mehr ins Festivalgeschehen gestürzt und stellt euch an dieser Stelle die wichtigsten Kinofilme der Viennale 2025 vor.

»Miroirs No. 3« (Christian Petzold, DE 2025)

Der Eröffnungsfilm der Viennale 2025 ist Christian Petzolds »Miroirs No. 3«, der gemeinsam mit den Vorgängerfilmen »Undine« (2020) und »Roter Himmel« (2023) eine auf den drei Elementen Wasser, Feuer und Luft basierende Trilogie bildet. Verbindendes Element ist außerdem die deutsche Schauspielerin Paula Beer, hier in der Rolle von Laura, die nach einem Autounfall bei einer Familie in der deutschen Provinz aufgenommen wird und sich in dieser vermeintlichen Idylle von ihrem Trauma erholt. Beer hat bereits in den beiden anderen Filmen die weibliche Hauptrolle übernommen und seit »Transit« (2018) regelmäßig mit dem Regisseur zusammengearbeitet. Den zähen Plot und das hölzerne Acting in »Miroirs No. 3« kann aber auch Petzolds Muse nicht retten. Während man als Zuseher*in die Situation relativ schnell durchschaut oder zumindest hinterfragt, verplempern die Figuren auf der Leinwand gute anderthalb Stunden mit einer letztlich unbefriedigenden Auflösung – samt aufgesetzter Szenen, langatmiger Dialoge – und muss man der Gen Z ernsthaft die Geschichte von Tom Sawyers Zaun vorkauen? Apropos kauen: Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht nur bei Kuchenteig streiten, wer aber von diesem Stück eine taube Zunge hat, dem sei ersatzweise »Roter Himmel« empfohlen, aktuell im Stream auf Arte.tv. 

»Father Mother Sister Brother« (Jim Jarmusch, US, IE, FR 2025)

Jim Jarmusch, Musiknarr und wie im Falle seines neuen Films »Father Mother Sister Brother« an der Seite von Anika selbst als Musiker tätig, weiß um die Kraft der Repetition. Auf filmischer Ebene setzt er diese gern als Stilmittel ein, insbesondere bei Episodenfilmen wie »Mystery Train« (1989), »Night on Earth« (1991), »Coffee and Cigarettes« (2003) und dem aktuellen Streifen, der drei Familiengeschichten in unterschiedlichen Konstellationen lose aneinanderreiht. In »Father« besuchen Mayim Bialik und Adam Driver ihren schrulligen Dad Tom Waits in den Outskirts von New Jersey. In »Mother« sind Cate Blanchett und Vicky Krieps bei ihrer poshen Mum Charlotte Rampling in Dublin zum Tee eingeladen. Und in »Sister Brother« cruisen die Zwillinge Indya Moore und Luka Sabbat auf den Spuren ihrer kürzlich verstorbenen Eltern durch Paris. Dazwischen jeweils wiederkehrende Muster und Motive, die diese Episoden verbinden: Eine Autofahrt, eine Gruppe Skater, eine Rolex, die Farbe Rot … und kann man eigentlich mit Tee/Kaffee/Wasser anstoßen? Keines dieser Dinge hat tiefere Bedeutung, vielmehr sind sie Jarmuschs stiller Treppenwitz in drei charmanten, subtil witzigen Alltagsmarotten und unterstreichen die Skurrilität beiläufig zusammengewürfelter Existenzen, wie sie jede Familie in sich trägt.

»Affeksjonsverdi« (Joachim Trier, NO, FR, DK, DE 2025)

Auch in Joachim Triers »Affeksjonsverdi« (»Sentimental Value«) geht es um Familie und transgenerationales Trauma. Das Haus der Familie Borg in Oslo hat mehrere Generationen beherbergt: vom Urgroßvater, der es gebaut hat, über die vom Krieg traumatisierte Großmutter, die sich darin erhängt hat, den Regisseur Gustav Borg (Stellan Skarsgård), der es nach seiner Scheidung verlassen hat, bis zu dessen Töchtern, der Theaterschauspielerin Nora (Renate Reinsve) und ihrer Schwester Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas), die mit ihrem Mann und Sohn darin lebt. Im Mittelpunkt der Handlung steht die von Depressionen, Lampenfieber und Bindungsängsten gebeutelte Nora, verkörpert von Renate Reinsve, die 2021 in Triers »Verdens verste menneske« (»The Worst Person in the World«) ihren filmischen Durchbruch feierte. Nach dem Tod der Mutter widmet Vater Gustav ihr sein neues Drehbuch und will, dass sie die Hauptrolle in seinem Film spielt, gleichsam ein Versuch, die zerbrochenen Familienbande zu kitten. Doch Nora verweigert die Zusammenarbeit mit ihm ebenso wie jegliche Therapie – und so sucht er Ersatz in Hollywoodstar Rachel Kemp (Elle Fanning). Der Film erzählt von den Wegen und Umwegen einer Familienzusammenführung auf feinfühlige Weise und gipfelt in einem emotionalen Monolog, der eure Rezensentin im Kino komplett zerlegt hat, also große Empfehlung und Taschentücher nicht vergessen.

»Nouvelle Vague« (Richard Linklater, FR 2025)

In seinem neuesten Film »Nouvelle Vague« bewegt sich Filmemacher Richard Linklater auf den Spuren seiner Kolleg*innen der französischen »neuen Welle« der 1950er-Jahre, wie François Truffaut, Claude Chabrol und allen voran dem jungen, permanent sonnenbebrillten Filmkritiker Jean-Luc Godard auf dem Weg zu seinem Langspielfilm-Regiedebüt »À bout de souffle«. Der Film begleitet die chaotische und in Godards revolutionär experimenteller Art Genre-definierende Reise als filmisches Porträt ihrer Akteur*innen, die bis zur kleinsten Nebenrolle besetzt und fantastisch gecastet sind, insbesondere Zoey Deutch als zukünftige Genre-Ikone Jean Seberg, Aubry Dullin in der Rolle des französischen Filmstars in the making Jean-Paul Belmondo und Guillaume Marbeck als Godard himself. Dabei lässt es sich Linklater nicht nehmen, in die Fußstapfen seiner Vorbilder zu treten und die Stilmittel, mit denen die Nouvelle Vague Filmgeschichte schrieb, auch selbst zu adaptieren. So kommt der Film in Schwarzweiß und 4:3-Format daher wie seine Vorlage, freie Kameraführung und sprunghafte Schnitte sorgen für Bewegung und die französischen Originalschauplätze tun das ihre, um den leichten, schnellen und spontanen Stil von Godards Werk zu imitieren, der in Kontrast zu Linklaters strukturierter, exakt geplanter Herangehensweise steht. Insofern ist »Nouvelle Vague« kein Remake, sondern Hommage an eine Ära und die bahnbrechende, weltverändernde Kraft des Kinos. »Moteur, Raoul!«

»Ghost Elephants« (Werner Herzog, US 2025)

Werner Herzog teilt sich mit den Figuren in seinen Filmen den Enthusiasmus für Nischenthemen und die Ausdauer beim Verfolgen himmelhoch gesteckter Ziele. Von »Fitzcarraldo«, der ein Schiff über einen Berg hievt, über »Grizzly Man« Timothy Treadwell bis zu Katia & Maurice Krafft in »The Fire Within«: Sie alle folgten ihren Träumen mit Überzeugung, Zuversicht und ohne Kompromisse. In »Ghost Elephants« sind es der südafrikanische Forscher Steve Boyes und sein Team, die auf den Spuren einer mysteriösen Elefantenart wandeln, mit dem Ziel, ihre Existenz zu beweisen. Vom Smithsonian in Washington, DC, wo der größte jemals erlegte Elefant ausgestellt ist, geht es nach Namibia zu den Bushmen, um fähige Tracker anzuheuern, und schließlich in die wasserreiche Hochebene von Angola, »Quelle des Lebens«, wo der König des Nkangala-Stammes das Recht gewährt, sich den Elefanten – seinen Vorfahren – zu nähern. Herzog beobachtet das alles mit seinem besonderen Blick fürs Große und Kleine, fürs Schreckliche und Schöne, seien es die von Großwildjägern hinterlassenen Schädelfelder oder der Nebel, der im Morgenlicht über den Flussbiegungen aufsteigt. Und vielleicht erhascht man am Schluss noch das wacklige Lo-Res-Bild eines grauen Riesen, dessen Existenz mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Was für ein Abenteuer!

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