Verzahnt, verwurzelt, verwachsen?

Zwei Tage von sechsen zum Donaufestival 2011 in Krems, das sich »Nodes, Roots & Shoots« als Motto auserkoren hat.

fotocredits: www.donaufestival.at

Freitag, 6. 5. 2011 – Geschüttelt und gelärmt

Vor der evangelischen Kirche rät das Festival-Team dringend zur Benutzung von Ohrstöpseln, Tim Hecker wird die volle Dröhnung in die kleine kreisrunde Begegnungsstätte bringen. Und tatsächlich, hier sagt der technical rider alles: »Concert is designed to have sonic force and impact. For this to happen the house PA needs significant power and high fidelity. 120 db loudness full-spectrum at FOH position is requested. Ligthning: Preferably total darkness. Where this is not possible because of safety reasons the most minimal nondynamic lightning is requested.« Vorgaben voll erfüllt, von der Kremser Technik. Und von Tim Hecker? Eh.

GOLD_PANDA.jpgGold Panda in der kleinen Halle tut was er kann, sein Set von einem »aha, wieder einer der gebückt über einem Tisch voller Soundkisten an den Reglern schraubt« in ein mitrei&szligendes, performatives Tanzmantra zu bringen, aber gelingen will das nicht. Immer kurz bevor aus den live frisch und schnell gemixten Beats und Sounds ein starkes Aufwallen werden könnte, bremst er ein und wechselt den Takt. Was die echt spannende Mixtur aus Klängen aus aller Welt brutal kaputt macht, und nervöses Britzeln verursacht.

Zu Mount Kimbie wurde genug geschrieben, und nein, es war nüsse davon.

Factory Floor hingegen beweisen mit knochentrockenen Beats, perfektem Schlagzeug und unsagbar hübscher Gitarristin mit monotoner Stimme, dass sich tanzen lässt was geht. Wenn was geht.

Die Könige des Abends sind fraglos Death From Above 1979. Die beiden Rüsseltiere in schwarz wei&szlig und eine dankbare Fangemeinde retten das Volk. DEATHFORMABOVE.jpg

Es ist nicht alles schlecht, was zwei Akkorde hat.

Nichts sei langweiliger, als das zu tun, was er gerade tut, mokiert Sebastien Grainger in wei&szligen Jeans und Hemd am Schlagzeug. Die Selbstironie geht im Lärm unter. Testosteron ist eben ein einfaches Hormon, es springt und wütet gerne ungezündet von etwaiger Selbstreflektion. Die Toten von Oben, die nach einem Rechtsstreit mit dem New Yorker Dance-Funk-Label (ausgerechnet!) DFA ihren Namen um das Geburtsjahr Graingers erweitern mussten, sind blitzkluge Perfomer in Sachen Musikbusiness. Und beinharte Prügler in Sachen Mini Metal.

Jesse F. Keeler in schwarzer Montur bedient Saiten und Tasteninstrument grinsend und heftig, und knallt routiniert pralle 1970er-Riffs nach unten. Dort wo die Freude herrscht und sogar die sonst eher zurückhaltende Pilgerschaft junger Erwachsener des Donaufestivals, man ist hier ja wegen der Kunst, den vorne gröhlenden Jungs folgt: ein bissi gehen lassen darf heute sein. Echte Kommunikation zwischen Band und Publikum will nicht aufkommen, obwohl Grainger es mehrmals versucht: »Are you ok? Do you know us? Sure you do, everything’s on wikipedia, the internet! The internet! Everybody loves it«. Eh, aber wen intressiert’s? Eben. Dies ist immerhin der einzige Auftritt im alten Europa seit der Wiedervereinigung (der Band. Nicht der Europas, haha), und den wollen wir hier nicht verplappern.

Samstag, 7. 5. 2011 – Performiert und wach geblieben

Alma Mahler soll recht erstaunt gewesen sein, als ihr Gatte 1904, ausgerechnet während beide Kinder recht erquicklich im Garten spielten, an seinem Zyklus »Kindertotenlieder« nach Texten Friedrich Rückerts weiterkomponierte.

Nun, der gute Gustav verlor sechs Geschwister und liebte seine Mutter. Sehr.

Friedrich Rückert verlor zwei Kinder und schrieb 1872 hierauf 428 Gedichte. Wie sehr er seine Mutter liebte ist ungewiss, bestätigt ist: Schmerz gebiert Schaffen.

Dennis Cooper beginnt 1986 nach dem Selbstmord seines verehrten aber schwer verstörten Geliebten George Miles einen massiven Romanzyklus, dessen fünf Teile zu den Themen Sex, Gewalt und Tod nichts an Klarheit missen lassen. 2006 erarbeitet er mit Gisele Vienne den Text zur Performance, und obwohl alles nichts miteinander zu tun hat, eigentlich, sterben hier wieder Kinder. Viele.

Auch 2011 im Stadtsaal zu Krems ist der Schmerz endlos. Durchaus auch für das Publikum.

Die Geschichte eines Mordes unter Jugendlichen verkommt zu einem Gothic-Drama mit unendlich langsamen Repetitionen des immer gleichen: es schneit, es ist finster, es ist schei&szligkalt, und irgendwer bewegt sich schlurfend durch den Raum.

Ein Jugendlicher wurde umgebracht, und keiner wei&szlig wie. So entwickelt während der Trauerfeier der Killer eine Geschichte, der Tote selbst eine, und eine die Gesellschaft. Und immer ist sie anders. Der Killer ist sich sicher, getötet zu haben, der Tote auch, sich selbst nämlich, die Gesellschaft war?s womöglich eher nicht. Ob Mord aus sexueller Begierde oder Vergewaltigung mit Todesfolge versus Selbsterlösung durch Freiwilligkeit geschah, ist hinfällig, letztlich.

Denn weder lässt sich die faktische Tat ausmachen, noch die starke Beziehung zwischen Opfer und Täter. Nichts was auf Stärke, tiefem Verlangen, Angst und sexueller Hörigkeit schlie&szligen lässt, wird transformiert. Es gibt keine Spannungsfelder, und der performative Raum bleibt zweidimensional wie in einem japanischen Manga.

Was wir sehen, sind Gestalten mit hängenden Schultern, schwarzen Kapuzingern und Doc martens, die im Stillstand von Zeit und Ort ihre Existenzen verdammen. Wir hören Peter Rehberg und Stephen O?Mally ein tolles Set dronigen Death Metal verzerren, und warten darauf, dass mehr passiert.

Mehr als die durch die Szene wankende perfekt trainierten Performer, mehr als die Stimme aus dem Off und vom Mikro, mehr als die bedeutungsschwangeren Sätze jugendlicher Verstörung. Mehr als plakativ zur Schau gestellte Brutalität eines Teenager-Gothicmärchens. Nicht um der Befriedigung der eigenen Schaulust willen, sondern weil dieses Stück mehr zu bieten hat.

Denn Sterben ist kein Lercherlschas, und Death is not the End.

The Irrepressibles verbauen die Bühne der gro&szligen Halle auch nicht mager, symmetrische Spiegel und Anordnung der neun MusikantInnen bieten einen schönen Focus auf den Mittelpunkt, den Countertenor Jamie McDermott. Während seine Lordschaft im dreiteiligen 1970er-Polyester die Abgründigkeit trauriger Las-Vegas-Entertainer imitiert, steckt seine spielkundige Entourage in viel Haut lassenden Barockkostümen. Man zelebriert hier etwas unter einer Discokugel, das wohl die Traurigkeit eines Klaus Nomi, die ausufernden Darstellung einer Kate Bush oder den massiven Ressourceneinsatz von Queen auferstehen lassen soll. Das tut es aber nicht. Statt dessen macht die Show schwer an Rondo Veneziano auf Ecstasy denken. Oder, noch schlimmer, an eine Musicalaufführung als Abschluss einer Butterfahrt.

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Da freut der ungekünstelte Knieschuss von Kap Bambino als letzter Act des Festivals doch am meisten. Das Motto ist simpel, aber genial: Willst du Beat, tanz das! Kreischend wirbelt die blonde Caroline Martial über Stage und Publikum, während Orion Bouvier seinen Laptop behandelt wie ein durchgeknallter Servicetechniker mit Tourettsyndrom. Hier sollen Sicherungen knallen und Prozessoren schmoren, denn Beats per Minute ist eine nach oben offene Skala. Agit-Prop-Cyber-Punk sei dank wird das nicht zum Abklatsch des Wummerns aus Gro&szligraumdiscos mit Wochenend-Saufpass, sondern echt mitrei&szligendes Performen. Wer jetzt nicht tanzt, und sich gehen lässt hat keine Ahnung von Spannungsabbau. Hier endlich entlädt sich die reine Lust. An der Freude nämlich. Pop hei&szligt das. Und aus.