© Stefan Geissler
© Stefan Geissler

Unterm Paradeiserbaum

Besprechung einer Platte, die so in ihrer Form fast nicht mehr verfügbar ist: »Paradeiserbaum«/»Lizzie Bravo« von Stefan Geissler (Kleine Untergrund Schallplatten).

Obgleich offiziell erst 2023 erschienen, ist die Single »Paradeiserbaum«/»Lizzie Bravo« von Stefan Geissler, released von Kleine Untergrund Schallplatten, schon so gut wie vergriffen – und das kommt nicht von ungefähr. Wie am 7. Oktober 2022 im Central Garden am Donaukanal in Bandstärke zu hören war, jazzt das titelgebende Lied der schmalen Scheibe doch ungemein. Wenn man so wie ich Newbie in Sachen Vinyl ist und erstmal auf Single-Geschwindigkeit umstellen muss, denkt man ja zuerst, man hört hier Dub … Und ich habe von Diskette bis USB-Stick wirklich schon viele Datenträger benutzt, aber außer ein paar Magazinbeilagen und einer Version von Knarf Rellöms »Motherfucker« keine Singles im Haus. (Hat sich seit dem letzten Bulbul-Konzert geändert. <3) 

Nach erhaltener Gebrauchsanweisung tönt aber eine Gedankenlandschaft von Beatlesker Buntheit durch den Raum – man ist unterm »Paradeiserbaum«. Wie das bei Singles so ist, muss man zum Weiterhören nochmal ran und die Scheibe gleich wieder umdrehen. »Lizzie Bravo« tönt genauso poppig aus den Boxen, wie das gehört gehört. Erinnert ein bisschen an Hansi Langs »Keine Angst«. Die Lyrics sind hüben wie drüben recht burlesk, das scheint aber zum Programm zu gehören, und die Entscheidung, ob das gefällt, liegt im Ohr der Hörer*innen. Paradeiser schmecken schließlich nicht allen gut. Mir scheint, die bukolischen Gesänge sind voll von Anspielungen, die, obschon biologischer Natur, wohl nicht botanisch sind? Obwohl, Pflanzen haben ja bekanntlich auch Genitalien … Höchste Zeit für ein erläuterndes Gespräch. 

skug: Hoppla … »Viele bunte Autos«?! Ist das etwa keine verspielte 60s-Summer-of-Love-Nummer, sondern eine Ode an den frühen Austropop? Darum gleich die Frage an den Dirigenten selbst: Wieso so poppig? 

Stefan Geissler: Weil ich es mir leisten kann, also vom Alter her … Streichquartette und gediegenes Getöne kommen später. Die Inspirationen zur Musik – abgesehen von Beatles und Rolling Stones waren die ersten drei Attwenger-Alben sehr prägend für mich – kommen von der Vorstellung der Welt. Na ja, so à la Schopenhauer. Es hat sich manches ja beschleunigt und verlangsamt in der Welt, also Pandemie-bedingt meine ich, zudem Vinylkrise etc. Darum wurde als Format die Single gewählt – keine Auskoppelung, eher ein konstruktives Teil des Gesamtkonzeptes. (Anmerkung: Es soll also noch ein Album erscheinen?) Der Labelchef des Kleine-Untergrund-Schallplatten-Labels sitzt übrigens in Augsburg, gepresst wurde die Single in Frankfurt.

Aber die Möglichkeit, bei Austrovinyl zu pressen, gäbe es doch auch, oder? 

Ja, aber es ist eine nette Indie-Kultur, professionelle Liebhaberei mit durchaus internationaler Breite – Japan zum Beispiel – …

Aha (kennerisch).

… die beim Augsburger Label zum Tragen kommt. Die Musik wird eben verlegt – unentgeltlich, aber auch ohne Bezahlung – das muss man sich leisten können. Musikmachen, ohne ein Hobby zu sein, ist per se ein Prekariat.

Ich finde das ja sowieso ein bisschen pseudo, wenn die Vollzeitmusikanten auf diejenigen herabsehen, die daneben noch 40 Stunden (jawohl, Herr Minister) hackeln und/oder Kinder großziehen. Zumal viele der mir bekannten Musiker*innen ja Autodidakt*innen sind.

So ist es bei mir ja auch, nur dass ich während der Ausbildung, als eben »Golden Age« auf der Uni war, in die Musik reingewachsen bin, um sozusagen mit der Musik erwachsen zu werden.

Ah ja, und wie immer bei der Wiener Szene gibt es mehrere gleichberechtigte Manifestationen der Kunst durch verschiedene Bands mit gleicher Schnittmenge an Bandmitgliedern? 

Ja, über das Trio Mopedrock zum Beispiel. Und eben mit Marta Beauchamp, Philipp und Katharina.

Verstehe … und das wird dann so erklärt, dass sich die Leute irgendwie gefunden haben bei Konzerten. Gut so!

Wichtiger Punkt in der Szene ist aber die Autonomie der Künstler*innen, eben diese verschiedenen Studios, die eigentlich eigene Biotope sind.

P. S.: Zu hören ist die Single auch beim nächsten Konzert am 17. März 2023 im Einbaumöbel mit Bandkollegen Marta Beauchamp am Cello, Katharina Klein am Bass und Philipp Wesener an den Drums. Die letzten beiden Musiker*innen spielen unter anderem auch bei Pyrite. Derzeit war Geissler oft nur im Duo zu hören, mit Marta Beauchamp, teils am Cello, teils am halbakustischen Höfner-Bass. Möglicherweise another nod to the Beatles.

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