Die irischen United Bible Studies machen seit über zwanzig Jahren Musik. Zumeist ragte ihr karg instrumentierter Folk ins Finster-Psychedelische und bezog seine Inspiration aus der ihn umgebenden Landschaft und ihren (pop-)kulturellen Mythen. Am Grab von H. P. Lovecraft haben sie gesungen und im Green Man Inn auf Summerisle, der fiktiven Insel im Folk-Horror-Klassiker »The Wicker Man«, hätten sie als Hausband fungieren können. Nun aber legen sie nach langer Zeit ein ambitioniertes neues Album vor, das ihnen ein Publikum jenseits esoterischer Underground-Zirkel bescheren könnte. »Strange is the Coastline« ist ein aufwendig produziertes Folk-Rock-Album, mit allem, was dazugehört. Alison O’Donnell, die seit 2008 bei United Bible Studies singt, hat bereits 1972 mit Mellow Candle ein heute legendäres Album aufgenommen, und wer mit dem britischen (und irischen) Folk-Rock dieser Zeit liebäugelt und zu Hause Fairport Convention, Pentangle, Strawbs, Clannad oder Steeleye Span stehen hat, der sollte sein Ohr den United Bible Studies leihen. Um es noch einmal einzuordnen: Die Kataloge von Underground-Bands können einen abschreckenden Charakter annehmen, wenn man nicht irgendwie drinsteckt, in der Materie. Wo soll man anfangen, wenn eine Formation ungezählt viele (vergriffene oder schwer erhältliche) Veröffentlichungen in allen möglichen Formaten entweder im Eigenverlag oder bei kleinen DIY-Labels herausgebracht hat? Die schiere Menge kann überfordern und dazu führen, links liegen zu lassen, was einem eigentlich gut gefallen könnte – aber man findet eben den Einstieg nicht. Mit »Strange is the Coastline« liegt jetzt so ein Album zum Einstieg in die wunderbare, verwunschene und verwilderte Welt der United Bible Studies vor. Ausgehend von den ausgewogen und glasklar strukturierten und produzierten Songs des sehr zugänglichen Albums kann man sich Trampelpfade in die verwachsene Diskografie der Band schlagen und im Unterholz noch so manch anderen musikalischen Schatz finden. Umgekehrt traue ich als Langzeitfan zunächst vielleicht meinen Ohren nicht ob der opulent arrangierten Klänge auf »Strange is the Coastline«. Aber die Verunsicherung weicht schnell einer angenehm aufgeräumten und feierlichen Stimmung. Das muss man annehmen können und sich entspannen. Es werden keine Beschwörungsformeln bei Kerzenschein gemurmelt, weder Tier noch Mensch fallen um Mitternacht grausamen Ritualen zum Opfer, nichts und niemand wird verflucht oder verführt – die Finsternis ist gebannt und stattdessen herrscht eine gewisse Festlichkeit! Seltsam auch das Timing: Angesichts der Vielzahl aussichtsloser Perspektiven auf das Weltgeschehen hätten David Colohan & Co. auch eine weitere dunkel-dräuende Séance zur Beschwörung des drohenden Untergangs veröffentlichen können, aber sie haben sich fürs Gegenteil entschieden und setzen dem allgemeinen Doom & Gloom »Strange is the Coastline« entgegen. Strange, indeed – aber auch sehr schön.
United Bible Studies
»Strange is the Coastline«
Talking Elephant Records
Text
Holger Adam
Veröffentlichung
13.08.2025
Schlagwörter
Talking Elephant Records
United Bible Studies
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