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Tschaikowsky & Kann

»A New Way to Life«

Vesperian

Untergekommen sind mir Tschaikowsky & Kann im Vorprogramm von Blood Incantation, wo sie eine reichlich undankbare Aufgabe zu erfüllen hatten, denn das Publikum der grenzüberschreitenden Death-Metal-Band war zumindest an jenem Abend nicht zu Ausflügen in die luftigen Sphären bereit, die das Berliner Duo bereist und die ja auch Blood Incantation nicht fremd sind, wenn sie ihrer Neigung zu Ambient und Kosmischer Musik nachgehen. Reichlich verloren wirkten die zwei Musiker auf der Bühne, einem Publikum gegenübersitzend, das nach kaum zehn Minuten die Geduld verlor und begann, sich übers Bier hinweg zu unterhalten. Auch die abschließend sensibel ins Werk gesetzte Coverversion von Black Sabbaths »Planet Caravan« konnte das Ruder nicht mehr rumreißen. Wie aber kamen die zwei kosmischen Kuriere überhaupt ins Vorprogramm von Blood Incantation – und nun zu einer Debütveröffentlichung bei Vesperian? Das ist schnell erklärt: Einer der beiden – war es jetzt Tschaikowsky oder Kann? – hatte beim Dokumentarfilm »All Gates Open: In Search of Absolute Elsewhere« die Finger im Spiel. Der Film erschien begleitend zur Veröffentlichung von Blood Incantations aufsehenerregendem Album »Absolute Elsewhere«. Das Erfolgsalbum hat Philipp Schulte als eines seiner letzten Projekte bei Century Media betreut, und nach vielen Jahren beim geschichtsträchtigen Label hat er vor nicht allzu langer Zeit sein eigenes Label – Vesperian – ins Leben gerufen. Die Plattenfirma will offensichtlich nicht nur als Adresse für extremen Metal wahrgenommen werden, und so kommt es (man kennt sich), dass auch Tschaikowsky & Kann dort ein Zuhause gefunden haben.

Warum ist das alles von Belang? Wen interessiert dieses Branchengeflüster? Mich. Ich habe Tschaikowsky & Kann aufmerksam und interessiert zugehört, als sie im Vorprogramm von Blood Incantation im Schneidersitz auf der Bühne saßen, denn ich gehöre zur Zielgruppe, die zuhause sowohl Death-Metal- und Krautrock- als auch Ambient- und New-Age-Schallplatten stehen hat. Ich war daher erst recht erstaunt, dass das Duo so prominent platziert zum Zuge kam, denn die Musik – ja, wir kommen zur Sache – von Tschaikowsky & Kann ist zwar schön, aber mehr auch nicht. Das ist ja schön, wenn’s schön ist, und ich beschwere mich an dieser Stelle auch nicht, aber wenn ich einen müden Blick über den Rand meines Laptops werfe, auf dem ich diesen Review tippe, blicke ich auf Hunderte von Kassetten-Releases, die musikalisch ähnlich ausgerichtet sind und denen weit weniger Aufmerksamkeit zukam oder zukommt. Natürlich ist es bekloppt, so zu argumentieren, denn diese Art von »Ungerechtigkeit« ist mitnichten eine bzw. – siehe oben – wenn man entsprechend gut vernetzt ist, sind ggf. Dinge möglich … Trotzdem schossen mir ad hoc all diese Gedanken durch den Kopf, als ich, Bier in der Hand und auf Blood Incantation wartend, dastand und einer instrumentalen Musik zuhörte, die sich sehr deutlich v. a. an Popol Vuh anlehnt. Kompositionen wie »Begin Again« und »I Knew It Was a Mistake But I Did It Anyway« sprechen überdeutlich die musikalische Sprache Florian Frickes. Und da bin ich empfindlich, weil: Messlatte sehr hoch! Ja, was soll ich machen? Ich bin ja eigentlich ganz froh, wenn solche musikalischen Ausdrucksformen am Leben erhalten werden – z. B. von The Lindau Project, oder eben Tschaikowsky & Kann. Spirituell gerichtete und idyllisch anmutende Ausflüge in friedliche Traumlandschaften. Funktionale Musik mithin – zu therapeutischen Zwecken einsetzbar. Zur Heilung geschundener Seelen. Die zwei von Tschaikowsky & Kann inszenieren sich entsprechend weiß gewandet und kommen dabei aber auch ein bisschen rüber wie Physiotherapeuten, die im nächstbesten ländlich gelegenen Kurort auf Kassenpatient*innen warten. Was will ich damit sagen? »A New Way to Life« ist ganz schön, wirklich, aber gemessen am popkulturellen Referenzrahmen (Blood Incantation hier, Popol Vuh da usw.) stehen sie in großen Schuhen, in die sie erst noch hineinwachsen müssen. Das kann ja auch noch werden. Ich habe zum damaligen Zeitpunkt solidarisch die erste Kassette im Eigenverlag erworben und jetzt »A New Way to Life« im selben Format. Es gibt auch schicke LPs, die sind es mir aber nicht wert. Ich bleibe dennoch dran. Und wer bis hierher meinem abschweifenden Gedankengang gefolgt ist und ungefähr ahnt, worauf ich hinauswill, der oder die soll doch ruhig mal in »A New Way to Life« reinhören. 

Home / Rezensionen

Text
Holger Adam

Veröffentlichung
28.10.2026

Schlagwörter

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