Adrianne Lenker © Genesis Báez

The inside of an acoustic guitar

Corona hat auch seine guten Saiten: Adrianne Lenker, Frontfrau von Big Thief, erweitert ihr Solorepertoire nach Selbstisolation in einer abgelegenen Waldhütte um das eindrücklich beseelte Doppelalbum »Songs/Instrumentals«.

Glücklich schätzen darf sich, wer am 9. März dieses Jahres noch das Konzert von Big Thief im Berliner Astra Kulturhaus erlebte. Die Band, die 2019 zum Höhenflug ansetzte und mit »U.F.O.F.« und »Two Hands« gleich zwei Alben herausbrachte, die das abgedroschene Genre Indie-Folk um zwei Glanzstücke bereicherten, bewies ein vorerst letztes Mal ihre grandiosen Live-Qualitäten. Danach beendete der Lockdown ihre Tournee, es ging zurück nach New York.

Sängerin, Gitarristin und Gesicht von Big Thief ist Adrianne Lenker. Vor der Gründung der Band war sie viele Jahre als Solokünstlerin unterwegs, 2005, mit 13 Jahren, nahm sie ihr erstes Album auf. Dazu ist zu sagen, dass nach einer Kindheit in einer christlichen Sekte aus ihr eine gottgefällige Country-Sängerin hätte werden können. Aber Lenker emanzipierte sich von der spinnerten Sippschaft, ging auf das Berklee College of Music in Boston, 2014 dockte sie mit »Hours Were the Birds« beim Label Saddle Creek von Conor Oberst aka Bright Eyes an. 2016 gründete sich Big Thief (bisher vier Alben), mit ihrem Bandkollegen Buck Meek veröffentlichte Lenker zusätzlich zwei EPs. Eine weitere Soloplatte, »Abysskiss«, folgte 2018. Und jetzt also erweitert das Doppelalbum »Songs/Instrumentals« Lenkers Œuvre.

Das war allerdings nicht geplant. Sein Entstehen ist, man kann es sich denken, der Corona-Zäsur geschuldet. Nach der abrupten Rückkehr aus Europa setzte Lenker sich ans Steuer eines Pick-up-Trucks, verließ Brooklyn gen die Berge von West-Massachusetts, bezog dort alleine eine abgelegene Holzhütte – und was liegt für eine hochbegabte Folk-Musikerin näher, als in dieser Situation die Gitarre zur Hand zu nehmen und neue Lieder zu komponieren. Fotos, die Lenker bei Instagram teilte, zeigen die Hütte: keine vermooste Baracke, eher ein schmuckes Tiny House aus hellem Kiefernholz in einem verwunschenen Waldstück. Dieser Flecken Erde selbst, das Nur-mit-sich-Sein und die Last des Corona-Wahnsinns, aber auch das Ende einer Beziehung, diese Mischung färbt das Album. Man hört ihm Fragilität, die Weltabgeschiedenheit an. Adrianne Lenker wird nicht sonderlich laut, doch ihre »Songs« sind unmittelbar und kraftvoll. Ihre Reduziertheit entspricht gleichwohl dem eremitischen Dasein in einer solchen Hütte (gekocht wurde auf einem Holzofen, sich gewaschen in einem Bach, geschissen in einen Kübel). Damit bleiben sie stilistisch nah an Adrianne Lenkers bisherigen Soloveröffentlichungen. Bloß sie und ihre Gitarre, 77 Minuten Intimität und Intensität.

Wie von einem Waldgeist beseelt, singt Lenker von Erinnerungen und Sehnsüchten, bisweilen in einer undurchsichtigen, dennoch eindrücklichen Poesie: »Fragilely, gradually and surrounding / the horse lies naked in the shed / evergreen anodyne decompounding / flies draw sugar from his head«, heißt es in »Ingydar«. An anderen Stellen offenbart sich Herzschmerz, etwa bei den vorab veröffentlichten Stücken »Anything« und »Dragon Eyes«. Manchmal fehlen einem die rauen, die enthemmten Momente, die Lenker bei Big Thief auslebt. Dafür bestechen die elf Stücke mit ihrer Ambiguität: Sie lullen einen wohlig ein und beschwören zeitgleich Melancholie. Jedes Lied gleicht einem Tauziehen dieser Gemütszustände, es kommt auf die Tagesform der Hörenden an, zu welcher Seite es sie zieht. Während des Songwritings vertiefte Lenker sich in ihre eigene Stimme und die Melodien, in den Hall der aus nur einem Raum bestehenden Hütte. Sie benutzt das Bild des Inneren einer Akustikgitarre, um das Album zu beschreiben: »How’d you like to get outta the city and make a record that sounds like the inside of an acoustic guitar?«, schrieb sie ihrem Freund, dem Soundengineer Philip Weinrobe, dem Lenker als Einzigen Zutritt zu ihrem Domizil gewährte und mit dem sie die Stücke komplett analog aufnahm.

Weinrobe hatte auch eine zentrale Rolle beim zweiten Teil des Doppelalbums »Instrumentals«, das noch etwas generischer als »Songs« anzeigt, womit man es zu tun hat. »Instrumentals« sind zwei längere Improvisationen, die Lenker gemeinsam mit Weinrobe einspielte, betitelt mit »Music for Indigo« und »Mostly Chimes«. Letzteres ähnelt einem Field Recording und markiert so nochmals die Entrücktheit dieses bezaubernden Doppelalbums.

Adrianne Lenker – »Songs/Instrumentals« (4AD)

Link: https://4ad.com/news/2/9/2020/adriannelenkerannouncestwonewalbums