Ein Schmerzenslaut, gefolgt von einem Symbol, das für Ewigkeit steht. Wer den Titel »Ow ∞« liest, erwartet wohl kaum ein Album, das vor Lebensfreude sprüht. Beim Hören der Tracks wird jedoch schnell klar, dass sich hinter dem vermeintlich zynischen Titel weit mehr verbirgt als endloses Leiden. »A promise, a dream, a decision to continue living, despite the fact that we continue being hurt«, beschreibt Amelia Meath, Sängerin von Sylvan Esso, im World-Cafe-Interview die Haltung hinter dem fünften Album des Indie-Elektronik-Duos. Diese Bereitschaft, sich trotz aller Verletzlichkeit, trotz jeden Schmerzes dem Leben auszusetzen, spiegelt sich nicht nur in den Texten, sondern auch in der musikalischen Herangehensweise und Produktion des Albums wider. »Ow ∞« ist ein Album des Ausprobierens und Improvisierens. Ein Großteil von Meaths Vocals stammt aus ersten Takes. Ihre Stimme wirkt dabei roh und ungefiltert, beweist aber eine bemerkenswerte Wandlungsfähigkeit – wie ein Lichtstrahl, der auf ein Prisma trifft und sich in unerwartete Farben auffächert. Ein Lichtspiel, das sich auf dem Cover fortsetzt: Ein farbiger Streifen durchbricht das Schwarz-Weiß-Porträt und setzt einen Kontrast, der zwischen Zufall und bewusster Setzung zu oszillieren scheint. Darunter begegnet Meath, einen Vorschlaghammer auf den Schultern tragend, dem Blick der Betrachtenden mit einer demonstrativen Lässigkeit. Man muss schon ein wenig schmunzeln. Das Cover entstand in Zusammenarbeit des Designers Eric Timothy Carlson, der unter anderem Albumcover für Bon Iver gestaltete, mit dem Fotografen Graham Tolbert. Doch so interessant das Drumherum auch ist, »Ow ∞« entfaltet seine eigentliche Wirkung in der Musik. Neben Meaths vielschichtiger Stimme ist es vor allem das Schlagwerk, das neben anderen elektronischen Elementen für eine überraschend organische Dynamik sorgt. Dafür spielt Sanborn nicht nur selbst, er hat gleich fünf Gastdrummer mit ins Boot geholt: TJ Maiani, Joe Westerlund, Glenn Kotche, Jake Luppen und Jenn Wasner. Wer sich an den Tiny-Desk-Auftritt von 2015 erinnert, wird feststellen, dass sich Sylvan Esso inzwischen ein gutes Stück von ihrem damaligen, vergleichsweise klar umrissenen Sound entfernt haben. »Ow ∞« wirkt spontaner und lässt Ecken und Kanten bewusst stehen. Schon der Opener »Entertainment & Coca-Cola« zeigt, dass das Duo, anstatt auf wiedererkennbaren Sound zu setzen, lieber die eigene musikalische Freiheit ausschöpft und mit neuen Klängen experimentiert. »Ow ∞« klingt nicht nach einem Ende, sondern nach einem ziemlich guten Grund, weiterzumachen.
Sylvan Esso
» Ow ∞ «
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