Schlagwerker Didi Kern
© www.peterraucheker.at

Stinkefinger, Dauerexplosion und Vibrationen.

Die Prolo-Schlagzeug-Kolumne
Conversations with Michael Zerang, Mats Gustafsson/Didi Kern.
So. 20. 1. 2013 Release »theoral no. 7« im Eissalon Joanelli/Wien.

Na servas, der zarrt voll an, im Sinne von Leute weg und mit zerren – das ist melodiöser Speedcore, schlimmer wie Hardcore. Was soll das sein: Jazz on speed, statt chicks on speed? Was für eine Konzentration dieser Schlagzeuger hat. Zarrt an, fährt voll ab …, spielt nichts aus, nur an und das Saxophon hält tapfer mit. Saxophonist Mats Gustafsson beugt sich vor und zurück, von hinten gesehen ist sein Nacken schon ganz rot. Bei der Präsentation der neuesten Ausgabe der Zeitschrift »theoral« im Eissalon Joanelli auf der Gumpendorfer Stra&szlige zeigen zwei Musiker, wie man ein Kraftpaket voll Energie auf sein Publikum schleudern kann. Das auf dem engen Raum ruhig aushält, still sitzt, ob der Sax-Blitze und dem Schlagzeugdonner allein die Schultern etwas hoch zieht in eine leichte Krümmung hinein.
Didi Kern hat seine Bass-Tom Tom ziemlich tief gestellt, hoch die Becken, mit unbewegtem Gesicht, seitlich den Kopf geneigt, kommt es zu einer Art von Dauerexplosion, wobei er die Stöcke einfach laufen zu lassen scheint. Mir fällt kein Vorbild für diese Art von Musik ein, au&szliger vielleicht die New Yorker Lounge Lizards – aber auch nur auf kurzen Strecken, mit John Lurie am Alto Sax.

Gewaltiger Krach
dd_wd.jpg»Eher Jesus Lizard als Lounge Lizards«, lacht Didi Kern später. »Ich hab‘ Mitte Drei&szligig werden müssen, dass ich so etwas höre.« Der Schlagzeuger von Fuckhead und Bulbul kommt ursprünglich aus der Blasmusik und hat daher die schräge Haltung der linken Hand nicht vom Jazz, sondern von der umgehängten Trommel. »Den Schlagzeuger von Led Zeppelin fand ich lange den besten, der reduziert den Sound genau auf den Punkt.« Sein heutiges Vorbild ist Paul Lovens. Im »theoral«-Konzert kürzt Kern die Bögen dann gnadenlos auf die Hälfte, öffnet sich und bringt Neues – keine Pause, nicht mal eine Atempause. Was für ein gewaltiger Krach, dabei in sich minutiös strukturiert, Töne fallen genau in die Hundertstel der Minute. Jazz-Hardcore. Jeder Hardcore-Schlagzeuger könnte sich hier was abschauen. Das Sax törnt ihn an, »er treibt mich und ich treibe ihn«, sagt er später. So schön ist dieses kleine Konzert wie das gro&szlige Schlagzeug-Interview mit dem Schlagzeuger Michael Zerang des Konditors Philipp Schmickl aus Nickelsdorf, Austria, im neuen »theoral no. 7«. Auf Englisch! »What do you think about intuition?« »?? and also the ability to put yourself in a place where you’re open enough to rely on your intuition.«

Stetige Unruhe

Roter Aschenbecher auf dem Tisch, mitternachtsblaue Räume wie in der früheren Blue Box, Didi Kern schaut aus wie ein irrer Wissenschaftler beim experimentieren, in sich versunken, die Augen zu, rührt er um mit seinen Stöcken. Die Hi Hat spielt er voll durch, ständig auf und zu klappend, viel mit der Bass Drum, das unterstützt sehr, setzt Höhepunkte, aber dann ist es wieder sehr leise, plötzlich. Der lange dünne Mittelfinger der linken Hand führt ein Eigenleben, tippt den Holzstecken seitlich schräg. Der Stinkefinger des Fuckhead-Schlagzeugers. Wildes Sax fährt dahin. Der Gang zu den grünen Klos ist fast grö&szliger wie der ganze Eissalon Joanelli. Es gibt Frucade. Tuckern, Holz auf Beckenrand. Stetige Unruhe. Der Saxophonist dreht sein Instrument um und Wasser kommt heraus. Das Sax-Solo wirkt gegen den sonstigen Krachpegel wirklich ruhig. Mit dem Schlagzeugstockende stoppt Kern die Decke seiner Snare Drum ab vom Nachschwingen. Das Sax setzt wieder ein, lange Bögen … ruhig … tief. Die hängende Lampe hat die gleiche Form wie das Eissymbol auf dem Fenster. Ein Tögel, eine Art Gurke macht Kratzgeräusche auf der Trommel, Mats Gustafsson schreit durchs Sax, Kern hält sich zurück. Noise Jazz. Der eine schreit laut. Der andere tobt sich wieder aus. Was für eine Power, das kann nicht nur das Handwerk eines Mannes sein, der zehn Jahre lang als KFZ-Mechaniker arbeitete. Die Speedcore-Band aus den USA, die ich in den 1990er Jahren einmal sah, bei der dauerte eine Nummer eine Minute, das ganze Konzert zehn Minuten. Hier eine gefühlte halbe Stunde. »Schreib‘ nicht Speedcore, sondern Energie … Musik. Energie …«, sagt Didi später, der seine Musik nicht genauer in Wörtern fassen kann. Seine Bezeichnung »Punk Rock« war bei meiner Partie ein Schimpfwort, das geht auch nicht. Eine Journalistin muss aber schreiben, was sie empfindet.
»What I consider ecstatic music …, it is a small spiral shape that goes up and out, up and out, very small and get larger and larger and the path can go further and further and up and out and that becomes like an energy shape. So for the performers and the people witnessing, that’s what you feel, you feel this up and out energy« sagt Michael Zerang, der an die Fähigkeit zur Transformation glaubt, im Heft. Er ging in ein Konzert von Rahsaan Roland Kirk, kam heraus und war ab diesem Zeitpunkt ein Musiker.

Triangel auf Ausbruch
matsgustavsson.jpgAlso noch einmal, was ist das, Hardcore extra breit? Kurze Samba-Einheit. Das Publikum atmet auf und zündet sich erleichtert die nächste Zigarette an. Gibt es auch ausbrechende Schlagzeuger, Schlagzeuger auf Ausbruch? Mit plötzlichen Umschwüngen, sudden attacks? Ich mag das ja nicht, wenn der Schlagzeuger eine Triangel auspackt, aber Didi Kern packt seine Gott sei Dank nach einem Blick in die Runde gleich wieder ein. Abgesehen davon, dass er seine Stand- Tom Tom gerne als Ablageplatz verwendet, ist also alles okay.
»Ich habe halt im Alter von zehn bis achtzehn in der Blasmusikkapelle von Seewalchen am Attersee gespielt, das Trachten-Volksmusik-Ding«, sagt er später. »Die Triangel. Da musst du bis 250 zählen und dann kommt ein Schlag. Er ist aber laut und nicht schwer zu spielen. Da kann man Lärm machen, mit dem Trumm.« Volksmusik im Touristendorf. Und als ehemaliger KFZ-Mechaniker könne er »sich eben motivieren, mit Lärm«. Als er aber anfängt von »positiven Soundwatschen« zu schwärmen, haue ich ab. Verdünnisiere mich aufs Glatteis, auf die Landstra&szlige.
»I think with music, in a fundamental way you are dealing with vibrations, and vibrations are what we all live in ?? how vibration come through the cosmos. The cosmos is vast. Where do these vibrations go? Where do they come from? How they affect us? So in the vibrations there’s something about that that is very special – I always think of it in terms of our presence here on earth and our physical beings, that in our bodies there is so much water and any vibration, that’s coming to your body, I mean, is jiggling you, haha, is jiggling your water, hahahaha and you know that’s pretty deep right there.«

upcoming:
30.1. 2013 im WUK: Solikonzerte, unter anderem von Bulbul, für die Flüchtlinge von der Votivkirche