© NASA/JPL-Caltech/SwRI/MSSS, Processing: Thomas Thomopoulos

Sternenklänge und Millionenseller

Der griechische Komponist, Synthi-Pionier, New-Ager, Ohrwurmproduzent und Beinahe-Rockstar Vangelis ist gestorben. Seine Karriere zeigt auf, wie Elektro-Avantgarde mit Mainstream nicht richtig harmonieren will.

Es gibt da diese Zusammenhänge zwischen Entstehung klanglicher Harmonien und Planetenlaufbahnen. Also genau gesagt vermutete Zusammenhänge. In der Antike war »Sphärenmusik« ein Hit, später wurde vieles widerlegt (Spaßbremse Johannes Kepler), aber mittels Stringtheorie können viele alte Ideen heute wieder recycelt werden. Evángelos Odysséas Papathanassíou, genannt Vangelis, hatte seine Freude dran. Er wünschte sich wohl eine Einbettung ins große Ganze der Planeten und damit zugleich auch eine gewisse existenzielle Ruhe, die er nun sicherlich gefunden haben wird. Zugleich wollte das New Age – wie der Name sagt – einen Neubeginn, denn damals war die Welt in sehr schlechtem Zustand. Steht es vielleicht in den Sternen, dass sich bald etwas ändert? Hmmm, vielleicht nicht, weil Menschenzeit und Sternenzeit nicht harmonisiert sind. Anders gesagt, wir machen diesen schönen Planeten vielleicht einfach kaputt, weil wir solch depperten Sauhunde sind, und nicht, weil es einen kosmischen Befehl von oben gibt.

Vangelis hing viel ab mit sternkundigen Leuten wie Carl Sagan oder Stephen Hawking und lieferte ihnen Soundtracks für Sternenreisen. NASA-Programme oder die ESA (European Space Agency) beauftragten Vangelis, zu komponieren. Das alles klingt dann sehr schön, ein bisschen zu schön. Diese Arbeiten gehören zwar sicherlich zu den künstlerischen Höhepunkten seines Werkes, sind aber auch nicht immer ganz frei von diesem unguten Beigeschmack einer Verbeugung vor dem Massengeschmack. Da weiß man dann nicht, ob die kleinen grünen Männchen das so richtig gut gefunden hätten. Vangelis’ Einsatz des Synthesizers, den er fraglos meisterlich beherrschte, hatte immer etwas von Klangpolitur. Er gehörte zu jenen Nutzer*innen des Synthi, die nicht versuchten, die elektronischen Klänge als diese selbst zu entfalten, sondern sie lieber an bekannten Wohlklang anzunähern. Das gipfelte dann in seinem vermutlich größten Hit »Chariots Of Fire«, wo der Meister gleich mal wie weiland Richard Clayderman in die Tasten des Konzertflügels hämmert. Der Synthi ist hier wie in vielen Werken Vangelis’ eher ein am Boden ausgebreiteter Klangteppich. Bloß nicht googlen und den Song anhören, der klebt tagelang im Ohr!

Filmmusiken wurden Vangelis’ Dauerbrenner, etwa »Blade Runner«, »1492: Conquest of Paradise« oder »Alexander«. Große Movies sehr unterschiedlicher Qualität, garniert mit preisgekröntem Killerscore von Vangelis. Da ist überall viel Pathos an der falschen Stelle und der ganze »kosmische« Hintergrund verkommt eindeutig zum Kitsch. Vangelis’ Anfänge hätten das nicht unbedingt vermuten lassen, denn die waren wilder. Gemeinsam mit Demis Roussos und dem Drummer Loukas Sideras hatte er 1968 die Prog-Rock-Band Aphrodite’s Child gegründet. Eingedenk von Vangelis’ später bewiesener Fähigkeit, eingängige Melodien zu ersinnen, und der fraglos imposanten Erscheinung und Stimme von Demis Roussos, hätte die Band übergroß werden können. Vangelis fand den Starzirkus aber einfach lächerlich, stieg aus und übergab Roussos seinem späteren Schlagerschicksal. Alle Spuren von Garage Rock waren bald getilgt und es ging ans Verkaufen von Platten in Auflagenhöhen, die bis zu den Sternen reichten. Zu diesen ist Vangelis jetzt für immer zurückgekehrt.