Spring and the Land - Frühlingsgefühle an der Stromgitarre

Die Grazer Post-Rocker stellen ihre neue LP »Summerset« am 4. Mai 2017 im Wiener Chelsea vor.

Nee, einfach ist das nicht. Da sitzte in der Provinz, wo Fuchs und Hase sich schon am frühen Nachmittag gute Nacht sagen (die Nachtruhe der Stadt Graz liegt satte drei Stunden vor der in Wien), alle spinnen ein bisschen in Schwarzblau, kaum einer sagt die Wahrheit und es gibt nur ein begrenztes kulturelles Angebot, das sich nicht wirklich beleben lässt: Steirerrock und Brummtopf (»Büllhäfen«), das führt meistens zu nix. Aber was für ein Glück: Wir haben seit einiger Zeit mediale Ûbertragung! Folglich Pop! Aus anderen Teilen der Welt sendet der Tele-Teufel die wirksame Rettung: Neil Young, Built to Spill, Modest Mouse, Broken Social Scene und solches Zeug, das einem durch den Kopf geht, wenn man sich die feine Platte »Summerset« von Spring and the Land anhört.

Auf ihrer 2016 erschienenen LP bieten Spring and the Land ausgefeilten Indie, zuweilen gewürzt mit Country-Elementen, aber aus jenem Country, der sich – zumindest zeitweilig – einer Counterculture hin geöffnet hatte. Die Gitarren sind buttrig und wir stellen uns vor, die Instrumentalisten haben ihre Hemdsärmel meistens hochgekrempelt. Gesungen wird von Sehnsüchten (Liebe, Brustwarzen etc.), also was sonst? Das Klangspektrum wird durch ausgefeilte Streichereinsätze erweitert, denn das macht man heute so, in Kanada und Styria. Die Sache ist nicht augenblicklich ins Ohr springend innovativ. Es mag sein, die Platte »fährt« beim ersten Hören noch nicht so richtig. Beim zweiten Mal aber ziehen die langweiligen österreichischen Gebirgsprospekte vor dem geistigen Auge entlang und wir haben das Gefühl, wir fahren irgendwo hin, wo es viel besser ist.

Spring_And_The_Land___Summerset_Poster_web.jpg
Foto: © Spring and the Land

You dance to Disco and you don’t like Rock

Jacques Bush und Marino Acapulco haben mit der 2009 gegründeten Formation Spring and the Land einen musikbegeisterten und sehr fähigen Haufen um sich gruppiert, der eine ganze Menge gemeinsam anstellt. In einem verlassenen Elektro-Service-Geschäft in Graz betreiben sie ein eigenes Studio. Die Platten, die dort fabriziert werden, sind sehr gut abgemischt (vielleicht ist das auch die Schuld von Jochen Summer) und werden, dank sorgfältigem Artwork und sehr aufwendigen Bandfotos, hübsch verpackt. Eine sehr sympathische Art des Produzierens, bei der die ganze Familie mithelfen darf.

Einer der Höhepunkte von »Summerset« ist das Cover von »Can you forgive her« der chronisch unterbewerteten Pet Shop Boys. Es wird fleißig reterritorialisiert und das macht Postmoderne ja so unterhaltsam. Denn Spring and the Land gelingt es, verborgene Dimensionen einer Komposition herausgekitzelt, die so klingen, als seien sie immer schon vorhanden gewesen. Sie lagen direkt vor unseren Nasen und keiner hat sie gesehen. Im Cover zeigt sich plötzlich: Was Neil Tennant und Chris Love so gerne in Bonbonpapier zu packen pflegen (das ist so ihre Art), hat durchaus existenzielles Gewicht, das durch eine schwerblütige Rocknummer trägt. Dass es nun gerade den Jungs aus der Kleintierhandlung wichtig war, sich gegen Rockgedröhne abzugrenzen, ist eine nette Pointe. Vielleicht sind es genau diese Umdeutungsprozesse, die heute als unverbrauchte Notwehrmaßnahmen gegen identitäre Zuschreibungen gelten dürfen. Also Gitarre umgeschnallt und ordentlich losfiedeln, damit Fuchs und Has’ die Nachtruhe geraubt wird.

Spring and the Land, 4. Mai 2017, Chelsea

Spring_And_The_Land___Summerset_Cover_web.jpg

www.springandtheland.com

Schlagwörter: ,