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Saisonstart der Kammerspiele München: »... Unsere Erfindungen zerschmettern die Welt ...«

Seiner zweiten Spielzeit in den Kammerspielen München stellt Johan Simons Fragen voran wie: »Was hei&szligt es einen Spielplan zu entwickeln in dieser Zeit, wo die Demokratie weltweit unter Druck steht?« Natürlich soll Theater politisch und gesellschaftlich diskursiv und von Relevanz sein. Dann gibt es auch einen guten Grund, ein Theater zu besuchen.

»E la nave va«, Schauspielhaus, 29.09.11

»Im Bewusstsein ??am Rande des Vulkans?? zu sitzen weigert sich Fellini dennoch an das Ende der Welt zu glauben«, so ein Infotext. Das weigert sich wohl fast jeder auf seine Art. Johan Simons Inszenierung »E la nave va« tut dies in Karikaturistenmanier.
Die Lebenswelt von abgehobenen Opernstars samt Umfeld und von serbischen politischen Flüchtlingen und einfachen Maschinenraumarbeitern trifft auf einem Transatlantikdampfer für kurze Zeit aufeinander. Basierend auf zwei von Simons ineinandergefügten Werken: »Der haarige Affe« von Eugene O?Neill 1921 geschrieben und »E La Nave Va«, ein Film 1983 von Federico Fellini gedreht, 1914 spielend. Zwar tradiertem Theater nahe, insbesondere das Bühnenbild von Bert Neumann, aber gekonnt und stark karikaturhaft hat Simons inszeniert. ?berspitzende Ironie, Halb-Gesichtsmasken, geziertes, bizarres Gehabe, puppige, marionettenhafte Bewegungen, so zeigt sich eine Schickeria auf dem Deck, das eine sehr schiefe Ebene ist, auf der sich alle nur schwerlich und nicht immer halten können. Das allerdings unterhaltsam und bewusst comicfigurenhaft mit Grandezza und Eleganz. Hervorgehoben durch die Kostüme von Nina Christine von Mechow. Herausgearbeitet wird die Konfrontation von Gesellschaftsschichten, der sich die elitäre Kulturszene, die die Schiffsbestattung eines Weltstars feiert, letzlich entzieht. Unterschicht bleibt chancenlos. Gerade hat Üsterreich Serbien den Krieg erklärt, die serbischen Flüchtlinge werden nicht gerettet, sondern ausgeliefert und ein Arbeiter, der sich nicht wie gewollt etablieren kann, wird von dem Tiermonster, das im Unterdeck mittransportiert wird, umgebracht. Sehr amüsant und perfekt überzeichnet auf der Bühne umgesetzt.

»Gift«, Schauspielhaus, 04.10.11
Reden, reden, reden. Und wenn es der falsche Ort ist und die falsche Zeit: einen anderen Ort und eine andere Zeit gibt es nicht.

»Gift« in Zusammenarbeit mit NTGent und von Lot Vekemans geschrieben ist ein Dialog. Ein seit einem Jahrzehnt getrennt lebendes Ehepaar trifft sich wieder. Anlässlich eines wegen einer Bodenvergiftung festgesetzten Grabumbettungstermins eines Kindes. Das Paar führt ein Gespräch auf einer Art Sitztreppe eines Krematoriums. Von dem Bühnenbildner Leo de Nijs als Realismusversatzstück für die Bühne designt. In der Regie von Johan Simons und weitgehend unter auf der Bühne und im Zuschauerraum gleich hellem Scheinwerferlicht wird ihre Beziehungssituation diskutiert oder zerredet, psychologisch ausgelotet und beider Lebensentwurf hinterfragt. Als hätte Gift auch das Beziehungsleben bzw. Nicht-Beziehungsleben verseucht. Das Paar in einem Gespräch, das den »Tanz der Unvollkommenheit« als Wechselspiel aus Schmerz, Wohlbefinden, Trauer, Leichtigkeit, Grausamkeit vorführt. Neben dem Humorschwierigkeitsgrad Sarkasmus klinkt sich schlie&szliglich, unterbrechend als Dritter, aus dem Zuschauerraum kommend ein Countertenor mit Bernsteins »It must be so« ein. Der die Situation allerdings nicht wirklich aufbricht. Schön wer ein Lied hat: »The dawn will find me /Alone in some strange land«.

»Dunkelkammer«, Spielhalle, 30.10.11
Theater wie Neues aus Bildern und persönlicher Erinnerung entstehend, sich entwickelnd wie in der Dunkelkammer eines Fotografen.

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foto: © Julian Röder

Freie Spielform und Videoprojektion verwendet Dries Verhoeven in »Dunkelkammer«. In der abgedunkelten Halle, die Rauminstallation ist, sitzen die Zuschauer im Kreis auf Drehhockern um einen Freiraum in der Mitte des Raums, der für Szenisches vorgesehen ist. Umgeben von Videobildern an allen vier Wänden. Bei Verhoeven darf nicht nur das Theater als Ort fehlen, sondern auch der Schauspieler. Die Performer sollen nur sich selber darstellen. Hier agieren Blinde, teilweise auch im Publikum. Dieses Ensemble hat zudem die Texte geschrieben neben Tim Etchells.

»Dunkelkammer« ist ein Stück, bei dem es um Sehen oder auch Nicht-Sehen geht. Für die Produktion sind Blinde in der Innenstadt Münchens unterwegs und dabei werden Stra&szligenleben, das dann in der Halle im Gro&szligformat zu sehen ist, wie auch die Köpfe der Akteure im Raum in Nahaufnahme gefilmt. Gro&szligstadt-Alltagssituationen und -impressionen. Also eigentlich nichts Au&szligergewöhnliches und Inszeniertes, und doch stellt sich beim Betrachter sofort eine besondere, surrealistische Stimmung ein, bei der man zwischen den Passanten, Performern und Zuschauern Louis Aragon, André Breton, Philippe Soupault im Dunklen auftauchen sehen möchte. Könnten alle Surrealisten nicht als Wiedergänger aus der Vergangenheit hereintreten?! Das Handeln und die Kommunikation der Blinden im Stück scheinen nicht immer Sinn zu ergeben, sind manchmal wie gleichzeitig an der Realität vorbei und in der Realität. Was sehr reizvoll wirkt. Alles geradezu surrealistisch. Die Stimmung zwischendurch wird auch von wunderhübschen Klaviermelodien getragen.

Verhoeven, der München als sehr reserviert erlebte, verglichen mit Brüssel, spricht von »klarer Vision vomTheater als Gesamterfahrung«. In der Nähe der Maximiliansstra&szlige, die so ungefähr das »Epizentrum der deutschen Repräsentationskultur« sei, machte er sich Gedanken darüber, dass das Auge einerseits verwöhnt werden will, dass es aber andererseits das »Verlangen nach wertfreiem Blick« gebe. Verhoven: »Es sind nicht unsere Augen, die sehen, es sind unsere Gehirne, die die Information, die als Licht auf unsere Netzhaut fällt, in Bilder übersetzen. Das ist unsere Dunkelkammer. Dort werden unsere Negative in einer komplexen Prozedur entwickelt.«