Eskapismus, pur. Nicht den Hauch von Realitätssinn oder Gegenwartsbezug findet sich in der mittelalterlichen Fantasiewelt von Phantom Spell. Das ist sowohl Absicht als auch gut so. Die Kraft freier Gedanken errichteten Burgmauern trotzen sämtlichen Gefahren, die zwar hier und da lauern, aber stets erfolgreich bekämpft werden. Zu Pferd zieht der Held gen Horizont, manch’ Abenteuern entgegen, und auf seiner ereignisreichen Reise lässt er weder Mut noch Schwert sinken und sollte er eines hoffentlich noch fernen Tages dennoch fallen und zur irdischen Ruhe gebettet werden, so darf er im Jenseits auf göttliche Gnade, Einlass ins Himmelreich und weitere damit verbundene Annehmlichkeiten zählen. So ungefähr … Musikalisch geht die Reise ebenfalls in die Vergangenheit. Die liegt allerdings erst gut fünfzig Jahre zurück: Uriah Heeps Magier hat gerade seinen Geburtstag gefeiert, der Krieger auf dem Cover von »Argus«, dem Erfolgsalbum von Wishbone Ash, seinen Posten bezogen, und Ronnie James Dio schickt sich an, bei Rainbow inbrünstig den »Stargazer« zu besingen. Aus diesem hier exemplarisch zitierten Fundus des klassischen Seventies-Hardrock bedient sich Kyle McNeill ebenso stilsicher wie unverfroren – und wer wollte es ihm verübeln? Ich nicht! Es ist nicht überliefert, ob der in Spanien lebende Brite den Sachsen auch das Angeln beigebracht hat, aber er tut es zeitgenössischen Bands wie Wytch Hazel oder Hällas gleich, die ebenfalls ihrer nostalgisch gestimmten Vorliebe für melodische Twin-Guitars, glühende Hammond-Orgeln und luftige Arrangements frönen. Darüber der heroisch-sehnsüchtige Gesang eines schmalbrüstigen und leicht verträumten Jünglings und wie von Zauberhand entsteht die Illusion einer sagenhaften Welt voller edler Ritter, grüner Täler, saftiger Wiesen, eisiger Gipfel und zerklüfteter Schluchten voll magischer Wesen und einer Vielzahl geheimnisvoller und gefahrenträchtiger Orte, die darauf warten, entdeckt und erobert zu werden – als sei das Leben ein Fantasy-Rollenspiel. Ist es leider nicht, aber das heißt ja nicht, dass man sich deshalb der Fantasy-Rollenspiele zu enthalten habe. Ab und an muss man raus aus dem Alltag und sei es nur, um für knapp 40 Minuten »Heather & Herth« von Phantom Spell auf sich wirken zu lassen – wohltuend und belebend!
Phantom Spell
»Heather & Herth«
Cruz del Sur
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