Alle Fotos © David Višnji?

OFF Festival 2012: It's the music that matters

Eine Rückblende auf drei Tage (3.-5. 8.) im polnischen Katowice, erlebt und verarbeitet in ebenso vielen Akten.

Nach welchen Kriterien beurteilt man Festivals? Man könnte meinen nach Faktoren wie etwa gesehene musikalische Darbietungen, die vorherrschende Atmosphäre oder womöglich gar den Part der leiblichen Verpflegung. Letztere ist auf Festivals oft in Richtung ernährungstechnischer Henkersmahlzeit einzuordnen, nicht jedoch auf einem der laut Pitchfork 20 wichtigsten Open-Air-Musikevents am Globus. Es scheint als hat auch die Hype-Maschine manchmal ihre hellen Momente und dass das nicht nur, wie vielleicht vermutet, auf die (preislich mehr als moderate wie vorzügliche) vegane Pasta zurückzuführen ist, beweisen im Falle des OFF Festivals auch die anderen beiden Dinge. Die relaxte wie freundliche Atmosphäre sucht dabei ihresgleichen: im Bereich vor den vier Bühnen herrscht striktes Alkoholverbot, komatöse Selbstdarsteller sucht man vergebens und der Anteil von Familien mit ihren Kleinsten ist überraschend hoch. Noch dazu wei&szlig man sich zu benehmen, ist interessiert am Geschehen und hat ein Gehör für Neues und bislang Ungehörtes. Besuchern von jahrmarktähnlichen Cash-Cow-Festivals sei gesagt: die Musik ist hier das Hauptthema. 

Keine Zeit zum Träumen

Jehnny Beth (Savages) © David Višnji?Festivalleiter Artur Rojek ist in Polens alternativer Musikszene mindestens so bekannt wie der Papst. Als vormaliger Sänger und Gitarrist der Bands Myslovitz und Lenny Valentino hat er nach eigenen Angaben noch nie eine Band auf die vier Bühnen des OFF-Festivals gebucht, die ihm nicht auch selbst gefällt. Ein Blick auf die Programmierung der letzten Jahre zeigt dazu eine jeweils bunte Mischung, stilistisch gleicherma&szligen wie zwischen lokalen und internationalen Acts, arrivierten Figuren und aufstrebenden Newcomern. Solche sind zweifellos das junge britische Quartett Savages, welche am ersten Nachmittag eine der beiden Zeltbühnen mit ihrem rauen Post-Punk bespielen. Sängerin Jehnny Beth gibt dabei gleicherma&szligen Ian Curtis wie Siouxsie Sioux, die Musik geht im Einklang dazu mit und das Set der vier jungen Damen versprüht eine zu jeder Zeit geballte Intensität.

Die zweite, experimentell angehauchte, Zeltbühne wurde an dem Wochenende von The Quietus, Sub Pop-Boss Jonathan Poneman sowie Christian Fennesz kuratiert und wartet am ersten Abend mit Alva Noto und Blixa Bargeld auf. Letzterer spricht sich dabei mantraartig über die erbaute Beatlandschaft, nach einiger Zeit gar mit einem Lächeln im Gesicht. Die Atmosphäre auf diesem Festival scheint eine schier unglaubliche Kraft zu besitzen.

Die wiedervereinten Mazzy Star konnten hingegen nicht vollends überzeugen, ihr Gig plätscherte etwas dahin. Alles in allem, und noch dazu im Vergleich mit der starken Konkurrenz sind Hope Sandoval & Co. an dem Abend leider nichts, das sich für längere Zeit im Gedächtnis festkrallen wird. Dann schon viel eher Fade Into Shabazz Palaces. Die Kritikerlieblinge um Mastermind Ishmael Butler haben im letzten Jahr mit »Black Up« die mit Abstand beste HipHop-Platte veröffentlicht, auf dem sonst so Gitarren-affinen Label Sub Pop Records wohlgemerkt. Live rappt sich Butler zusammen mit Multiinstrumentalist Tendai Maraire souverän durch ebendiesen Songkatalog, untermalt von Live-Drums und digitalen Soul-Funk-Elementen, was in Summe genauso viel Spa&szlig macht wie auf Platte.  

Charles Bradley © David Višnji?Das gro&szlige Highlight am ersten Abend war jedoch ein anderer. »The man who brought soul music back on the map« wird von dem, für Soul typischen, Ansager gepriesen. Man nimmt ihm nach einiger Zeit diese doch recht übertriebene Vorstellung schon fast ab, als Charles Bradley und seine Band Extraordinaries in weiterer Folge über die gro&szlige Open-Air Bühne hinwegfegen. Bradley hat sein Debütalbum »No Time For Dreaming« mit 64 Jahren veröffentlicht und tourt nun damit durch die Länder, haucht die eine oder andere Liebeserklärung an das Publikum ins Mikrofon und gibt sich dabei gottesfürchtig. Beides kommt in Polen gut an. Der Gig ist eine Offenbarung, Bradley erst recht.

 
Thurston Youth und die Apokalypse

Der zweite Tag beginnt mit einer Mischung aus schleichender Müdigkeit und glühender Vorfreude. Der Festivalkater beschränkt sich jedoch auf die am Vortag doch recht gro&szlig dosierte Aufnahme musikalischer Reize. In ähnlichem Tempo sollte es nun weiter gehen, das Bühnen-Groundhopping bot anfangs eher laschen Laptop-Country von Newcomer Daughn Gibson, aufgeweckte isländische Partytiger in Form von Retro Stefson sowie ein ins gro&szligartige Chaos ausuferndes Brachialinferno der Amerikaner Pissed Jeans. Später performen The Wedding Present ihr Meisterwerk »Seamonsters« in voller Länge, Stücke wie »Octopussy« oder »Corduroy« kristallisierten sich dabei als ein paar DER Festivalmomente (unter vielen) heraus. Wunderschön. 

The Wedding Present © David Višnji?Danach hie&szlig es Vorhang auf für Sonic Youth-Schuljunge Thurston Moore, der mit seiner neuen Band Chelsea Light Moving gleich mögliche Lautstärkegrenzen auslotet (Kollegin Alice Gruber hat übrigens beim Gig im Wiener Stadtsaal genau zugeschaut und als zu leise empfunden) und Songs sehr eloquent mit zwei Schritten Anlauf und Sprung auf die Effektgerätschaften beendet. Man kann Moore mittlerweile für sein Songwriting kritisieren, das musikalische Arrangement brachte jedoch Soundskulpturen zur Entfaltung die keinen wirklichen Moment der Fadesse erkennen lie&szligen, teilweise auch sehr an die späten Sonic Youth erinnern. Mehr will man aber eh nicht, oder? Verabschiedend mit den Worten »I’m gonna leave the stage for the Apocalypse«, wurde von Moore die nächste Runde eingeläutet. Nach der Vorspeise also der Hauptgang.

Unverkennbar krächzt Iggy Pop etwas später ins Mikrofon, das es sich bei ebendiesem um die »fuckin‘ Stooges« handelt. Es sollte ein fast schon apokalyptisch (Mr. Moore sollte recht behalten) anmutender Monsun aneinandergereihter Rockgeschichte folgen: »Raw Power«, »Search & Destroy«, »Fun House«, »I Wanna Be Your Dog«. Die Menge tobt, es bleibt kein Fu&szlig auf dem anderen und Iggy ist sowieso nicht zu halten. Er trinkt auffallend viel während des Konzerts, was aus der Ferne nach Wasser aussieht ist jedoch vielmehr das Elixier ewiger Jugend. Bei Beobachtung des verrückten Bassisten Mike Watt (und dessen intimer Beziehungspflege zu Instrument samt Verstärker) wünsche ich mir einen Gig seiner Minutemen herbei – Problemfelder eines Spätgeborenen. Dank so viel Iggy fühlt sich dafür aber das Stooges-Konzert umso mehr an, als wäre es »1970«. Die Kids aus der ersten Reihe werden auf die Bühne gebeten und bekommen vom Altmeister selbst eine Einführung in Sachen »Shake Appeal«. Respekt vor dem Alter als oberstes Gut, denn hier lässt sich einiges lernen. Im Zugabenblock hauen die Stooges dann gar noch »Penetration«, »No Fun« und »The Passenger« raus. Selbstverständlich alles unter dem Motto: »In you f??..‘ face«!

Nach der Apokalypse ist vor der Götterdämmerung

Der dritte und letzte Tag beginnt mit der persönlichen Fragestellung, warum solch ein Festival nicht auch in unseren Gefilden möglich ist? Die Fülle an Programm hat zweifellos musikalisches Bildungspotential, die Rezeption nichts von anderorts gewohnter Hit- bzw. Hip-Kultur. Trotz teils namhaften Sponsorengeplänkels ist man von kommerzieller Erektion entfernt, wie man sie womöglich in unseren Gefilden kennt. Das OFF Festival ist aus Gründen des Wachstums bereits einmal (2010 von Myslowice nach Katowice) umgezogen, bleibt zu hoffen dass man den eigenen künstlerischen Anspruch, trotz steigender internationaler Aufmerksamkeit und Prämierung, auch weiterhin im Auge behält. 

Kim Gordon & Ikue Mori © David Višnji?Zurück beim Geschehen bot die Reihe an polnischen KünstlerInnen nicht minder erwähnenswertes, wie etwa der grollende Post-Punk von The Shipyard, bittersü&szliger Lo-Fi-Folk der Band Enchanted Hunters oder die schräge Performancekunst der HipHop-Fraktion Kana? Audytywny (Lokales eingebaut zwischen dem Who-Is-Who der internationalen Szene, auch hier könnte noch ein Seitenhieb auf die heimische Festival-Monokultur reinpassen ??). Die Tatsache dass Baxter Dury der Sohn von Pub-Rocker Ian ist, war dafür fast schon interessanter als der Auftritt des Briten. Das sphärische Gitarrenspiel von Papa M alias David Pajo (bekannt aus Formationen wie Slint, Zwan, Tortoise etc.) lie&szlig da schon mehr an künstlerischem Interpretationsspielraum zu, Kim Gordon und Ikue Mori bedienten zudem die zahlreich gekommenen Freunde gepflegter Avantgarde. Zu späterer Stunde gaben sich die famosen Battles die Ehre und trieben dabei musikalische Perfektion auf ein unerwartet hohes Level – definitives Highlight!

»Henry Rollins isn’t coming to sing«, stand in der offiziellen Ankündigung. Er hatte uns vielmehr einige wichtige Dinge zu erzählen. Lektionen die das Leben lernt standen dabei ebenso auf der Tagesordnung des Rollins-Seminars zur Weltverbesserung wie etwa prägende Erlebnisse seiner unzähligen Reisen. Au&szligerdem teilt er verbal ganz gerne aus, hebt die Wichtigkeit von Kommunikation als unabdingbare Methode zur Konfliktlösung hervor und legt überdies Wert auf den Charakter von Musik als kulturell verbindendes Element. Eigentlich ein schönes Schlusswort, aber zeitgleich mit Rollins‘ Verabschiedung beginnt ein lärmendes Gewitter auf der Hauptbühne. Zum Konzert der Swans wurde an dieser Stelle bereits alles gesagt. Im Grunde ist das was die Schwäne liefern klassische Musik in Luzifers Auftrag. Michael Gira dirigierte dabei wie vom Teufel besessen sein Orchester und ist dabei sein eigener Exorzist. Die Swans erstrahlten in altem Glanz und in dieser diabolischen Schönheit wird der November (28.) in der Wiener Arena zum Kirchgang, die hier gesehene Performance aber nur schwer zu übertreffen. Das Festival als Ganzes wohl auch, au&szliger vielleicht im nächsten Jahr.