Nie zu alt für Rock’n’Roll

Zehn Jahre nach seinem ersten Soloalbum legt Noel Gallagher mit »Back the Way We Came Vol. 1 (2011–2021)« erstmals eine Best-of-Kompilation vor. Trotz fehlendem Hitfaktor ein gelungener Querschnitt mit einigen Highlights.

Im Jahr 2002 wurde Noel Gallagher im »Spiegel«-Interview gefragt, ob er seine besten Zeiten als Songschreiber hinter sich habe. Seine bewundernswert ehrliche Antwort lautete: »Ich glaube, jeder Songwriter verfügt nur über ein begrenztes Reservoir an exzellenten Liedern. Es gibt nur eine Handvoll Themen, über die es sich zu schreiben lohnt – Liebe, Wut, Sex, Drogen. Oft sitze ich an einem Song und denke, eigentlich habe ich das alles schon einmal besser gesagt.« Inzwischen ist er weit über 50 Jahre alt und hat seine erfolgreichsten Zeiten weit hinter sich gelassen. Angesprochen auf seine Aussage, man könne keinen Rock’n’Roll spielen, wenn man über 30 sei, antwortet er im gleichen Interview: »Stimmt, das habe ich mal gesagt. Aber ich habe den Satz jetzt einfach geändert. Es heißt jetzt: »Du kannst nicht Rock’n’Roll sein, wenn du älter bist als 45. Und wenn ich 45 bin, dann ändere ich die Zahl auf 50.«

Sein Bruder Liam hat sich nach dem gescheiterten Experiment mit der drögen Band Beady Eye dem Oasis-Fan-Service verschrieben. Das ist nicht das Schlechteste, was man machen kann. Wenn man Liam Gallagher ist. Noel Gallagher will mehr. Er hat sich mit den High Flying Birds vom Oasis-Sound verabschiedet. Natürlich kann er nicht aus seiner Haut heraus, aber er ist neue Wege gegangen. Und während seine beiden ersten Alben »Noel Gallagher’s High Flying Birds« (2011) und »Chasing Yesterday« (2015) noch etwas unentschlossen klangen, ist ihm mit »Who Built the Moon?« (2017) ein bleischweres, aber brillantes Album gelungen. Das liegt vor allem am Produzenten David Holmes, der Gallagher eine neue Herangehensweise an seine Songs verordnet hat.

Hits? Welche Hits?

In Großbritannien sind Noel-Gallagher-Alben ein Ereignis. Alle drei High-Flying-Birds-Alben eroberten die Spitze der britischen Albumcharts. Der Rest der Welt nimmt daran eher marginal teil. Und jetzt also die Hits-Kompilation »Back the Way We Came«. Hits? Welche Hits? Die höchste Chartnotierung in den deutschen Singlecharts ist Platz 95 für »If I Had a Gun«. In Großbritannien war seine erfolgreichste Platzierung in den Singlecharts ein Platz 20 für »Aka … What a Life« im Jahr 2011. Seine Herangehensweise an die Kompilation hat er der »Zeit« so erklärt: »Die Tracklist war relativ offensichtlich, weil sie fast ausschließlich aus den Singles besteht – das sind eben auch die besten Songs.« Das Album hätte also auch »The Singles 2011–2021« heißen können. Plus Remixe und Unplugged-Versionen.

Das Beste an der Kompilation ist dann die zweite der drei CDs, die seine jüngste kreative Phase dokumentiert. Begonnen bei den großartigen eklektizistischen Singles »Black Star Dancing« (David Bowie plus ZZ Top Solo) und »Holy Mountain« (eine fantasievolle Roxy-Music-Kopie von Plastic Bertrands Hit »Ca plane pour moi«). Aber auch die Raritäten-CD enthält echte Goldstücke. Etwa die oasiseske Version von »If I Had a Gun«, oder die großartigen Remixe von »Black Star Dancing«. Umwerfend ist auch der Skelton Key Remix von »This is the Place«. In Großbritannien schoss »Back the Way We Came« sofort auf Platz 1. Klar, so etwas wie »Wonderwall«, »Don’t Look Back In Anger« oder »Let There Be Love« gibt es hier nicht. Aber es gibt die Songs eines Songwriters, der nicht aufgehört hat, sich weiterzuentwickeln und Neues auszuprobieren. Das ist nicht exzellent, aber das muss es ja auch nicht sein. Es sind schöne Songs, die man sich immer und immer wieder anhören kann. Noel Gallagher kann in jedem Alter Rock’n’Roll spielen.

Noel Gallagher: »Back the Way We Came Vol. 1 (2011–2021)« (Sour Mash)

Link: https://noelgallagher.com