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»Nicht ein Mensch hat sich schuldig gefühlt«

Der spätere Fernseh-Journalist Georg Stefan Troller flüchtete vor den Nazis und kehrte als Soldat und Befreier von Dachau zurück. Im neuen Film »Auslegung der Wirklichkeit« von Ruth Rieser wird der bald 101-Jährige äußerst spannend porträtiert.

Georg Stefan Troller eroberte seine erste Kamera im Krieg von einem deutschen Soldaten, denn der in Wien geborene Journalist kämpfte gegen die Nazis! Als Jugendlicher musste er 1938 in die Tschechoslowakei fliehen, ging nach Frankreich, erhielt 1941 in Marseille ein Visum für Amerika und wurde dort 1943 zum Kriegsdienst eingezogen. Als US-Soldat befreite er das Konzentrationslager Dachau mit, in dem er später deutsche Soldaten nach ihren Taten befragte. Für seine 70 Folgen umfassende Sendereihe »Personenbeschreibung«, die im deutschen Fernsehen sehr beliebt war, lernte Troller die Interviewtechniken für seine Befragungen dieser deutschen Soldaten, erzählte er der Filmemacherin Ruth Rieser. Er wandte die Technik einer Art »Verkumpelung« mit den Tätern an, um an Informationen zu kommen. Ein Beispiel: »Wir Kleinen haben den Krieg nicht gewollt …« Er provozierte die Soldaten aber auch mit »Aber geh, das kann doch nicht stimmen«, oder »Kinder, ihr habt keine Ahnung«, worauf diese fleißig plauderten. Im neuen Dokumentarfilm »Auslegung der Wirklichkeit« von Ruth Rieser sind es äußerst eindringliche Bilder, die Troller auch in der KZ-Gedenkstätte Dachau zeigen: »Ich möchte nicht gerollt werden, kann ich aussteigen?«, fragt der 99-jährige Mann und klettert aus seinem Rollstuhl. »Die Baracken sind nicht mehr da. Leichen lagen schon hier herum. Ich habe es nicht geglaubt, dachte, das ist eine Theaterinszenierung für die Wochenschau.«

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Selbstheilung von außen nach innen

»Nicht ein Mensch hat sich schuldig gefühlt«, wundert sich Georg Stefan Troller auf dem KZ-Gelände Dachau bis heute. »Das hättet ihr uns nicht antun müssen!«, sagte zum Beispiel ein gegen seinen Willen zu Lernzwecken nach Dachau geschickter Deutscher zu ihm. »Die Amis karrten büschelweise Deutsche hin«, erzählt der alte Mann und atmet schwer. Nachsatz: »Es ist immer schön, wenn man jemanden hat, den man hassen kann.« Er selbst hätte als Journalist immer versucht, herauszufinden, warum jemand so ist, wie er ist. Durch seine insgesamt 1.200 bis 1.500 Interviews hätte er persönlich wieder zu fühlen gelernt. »Von anderen zu lernen, wie man ein normaler Mensch wird«, sei der Sinn seiner ganzen Fernsehporträts gewesen. Eine Art »Selbstheilung von außen nach innen. Eine Heilung über andere, die bei Freud nicht zu finden ist«, lacht er im Film. Troller stellte allein ehrliche Fragen, die ihn wirklich interessierten, was damals nicht üblich war. Edith Piaf fragte er zum Beispiel: »Wären Sie nicht Sängerin, was möchten Sie tun?« »Totsein/mort.« Durch Piaf wusste er, dass er nach Europa zurückmuss, denn »diese Intensität, sich zu verausgaben, diese jugendliche Illusion«, gäbe es nur dort. Die berühmte Filmemacherin Agnes Varda antwortete auf seine interessierten Fragen: »Ich laufe nur rechts und links und versuche die Dinge zu verstehen. Ich habe weibliche Neugierde und arbeite stark mit der weiblichen Bereitschaft zur Hingabe in mir.«

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Leben in Kunst verwandeln

Als Jugendlicher reimte Troller gerne. Vor allem im Wiener Gartenhaus seiner Familie, das im Film auch besucht wird, schrieb er Gedichte. »Kaufst du nicht die Troller Felle, erfrierst du auf der Stelle« – für das Pelzgeschäft seines Vaters. Aber auch: »Ich trage in meiner Seele der ganzen Erde ihre Fracht.« Heute resümiert er im Film: »Leben in Kunst zu verwandeln, all das stammt aus der kindlichen Idee.« Der Film »Auslegung der Wirklichkeit« geht ein bisschen ungnädig mit langsamen Zuschauer*innen um. Für ein Nachsinnen, Verharren, Nachspüren bleibt wenig Zeit. Wer in eigenen Assoziationen hängen bleibt, kann leicht den Faden verlieren, zwischen den Schnitten und Wechseln der Zeitperspektiven. Die Bilder und Farben sind sehr einprägend und schön – Kameramann Volker Gläser hat großartige Arbeit geleistet. Nimmt man noch die spannende Ausdrucksweise Georg Stefan Trollers dazu, der sich so viele Gedanken gemacht haben muss, dass die Sätze nachhallen und alle ähnlich wie Elias Canettis Aufzeichnungen wie »Bonmots« zum Zitieren wirken – so kommt man kaum nach mit dem Film schauen und aufnehmen. »Das war die zweistündige Version, wir dachten die vierstündige wäre zu lang für die Journalisten«, sagt Filmemacherin Ruth Rieser später im Metro-Café.

Die Österreichpremiere des Films fand unter Anwesenheit von Georg Stefan Troller, Ruth Rieser und Team am 5. November 2021 im Metro Kinokulturhaus in Wien statt. Weitere Termine in Wien und in den Bundesländern folgen.

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