Marissa Nadlers Debütalbum erschien 2004 und seit über zwanzig Jahren stellt die amerikanische Musikerin eine verlässliche Größe abseits des musikalischen Mainstreams dar. Ihr von schwarzem Kajal umrahmter Gothic-Folk erreicht ein (nicht exklusiv männliches) Publikum mit entsprechend finsteren ästhetischen Vorlieben und sie kann aufgrund ihrer Dienstjahre als die große Schwester von Emma Ruth Rundle oder Chelsea Wolfe gelten. Ihrerseits könnte Nadler die uneheliche Tochter von Joni Mitchell und Leonard Cohen sein. Die hatten seinerzeit zwar ein kurzes Techtelmechtel, aber mehr auch nicht, und die unterstellten familialen Verhältnisse dienen hier ja nur als Metapher, um musikalische Verwandtschaften anzudeuten. Das ist in der Beschreibung wenig originell, aber der feine Unterschied zwischen klassisch und altbacken wird ohnehin im weiteren Verlauf der Besprechung nicht aus dem Blick geraten, denn an der Beurteilung der Erscheinung und des musikalischen Vortrags von Marissa Nadler können sich in dieser Hinsicht die Geister scheiden. Die einen sehen »schon wieder« eine dunkle Schönheit vor sich hinsterben, während den anderen völlig klar ist, dass die dramatische Inszenierung von verletzlicher, aber nicht notwendigerweise schwacher Weiblichkeit – melancholisch, empfindsam, hellsichtig, aber schicksalsgläubig und in geschmackvolle Kleider gewandet – seit der griechischen Antike zum kulturellen Bestand gehört und was soll also bitteschön das seinerseits stereotype Genöle angesichts solch archetypischer Erscheinungen? (Der Coverabbildung ihres neuen Albums nach zu urteilen, hätte Nadler tatsächlich Irene Papas in Giorgos Tzavellas Verfilmung von »Antigone« vertreten können.) Je nachdem also, wie man für sich selbst diese Frage beantwortet, fällt auch der Eindruck aus, den Marissa Nadler bei einem hinterlässt. Würde ich mich an ihrer Erscheinung und ihren musikalischen Mitteilungen stoßen, dann würde ich mir die Mühe nicht machen, auf ihr neues Album aufmerksam zu machen. Darauf präsentiert Nadler wie stets sorgsam arrangierte Balladen, die ihrem mittleren Tempo und der ruhig erzählenden Art nach tatsächlich immer wieder an den bereits erwähnten Leonard Cohen denken lassen. Halb verträumt, halb registrierend legt Marissa Nadler dar, was die verlorenen Seelen in ihren Songs umtreibt. So ganz in der Welt scheinen sie nicht zu weilen und kreisen um Wahrnehmungen von Übernatürlichem oder anderen rätselhaften Phänomenen. Aller thematischen Flüchtigkeit zum Trotz bleiben die ätherischen Lieder von Marissa Nadler aber im Ohr. Die elf detailreich arrangierten Songs auf »New Radiations« bieten hinreichend viel Abwechslung und das Album kann bedenkenlos in den ohnehin qualitativ hochwertigen Katalog der amerikanischen Musikerin eingereiht werden.
Marissa Nadler
»New Radiations«
Sacred Bones/Bella Union
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