Kimmo und der Blasbalg

Der Finne Kimmo Pohjonen begeisterte kürzlich auf dem Jazzfest Saalfelden und wird am 2. November in der Kremser Minoritenkirche zu Gast sein. Mit Unerhörtem wie Ungehörtem.

Erst seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist das Akkordeon in einer den heutigen Instrumenten ähnlichen Form zu finden. Besonders wegen dieser späten Geburt blieb ihm der Zugang zur »Hochkultur« wie auch zum Jazz, lange verwehrt. Als Ersatzklavier oder Instrument europäischer Einwanderer in Südamerika fristete das Akkordeon ein langes Dasein als Volks- und Saloninstrument. Das heute als Österreich bekannte Gebiet war eine der Geburtsstätten des Akkordeons, somit ist es besonders in unserer Volksmusik fixer Bestandteil geworden.
Vereinzelte Versuche, das Instrument im Jazz zu etablieren (u.a. in Gruppen von Benny Goodman oder Charles Mingus) waren wenig erfolgreich. Erst seit rund 15 Jahren erlebt das Akkordeon einen wahren Höhenflug. Richard Galliano, Jean-Louis Matinier oder Guy Klucevsek sind die Meister, die den u.a. von Astor Piazolla geebneten Weg heute erfolgreich beschreiten.

Mehr und mehr tauchen dabei Kreuzungen und somit neue Wege auf, die zu den unerwartetsten Zielen führen. Es gilt, sich endgültig von vielen Akkordeon-Stereotypen zu befreien. Besonders durch seine Verwendung nicht nur in der Volksmusik, sondern darüber hinaus in grenzdebilen Volkstümeleien, ist man versucht, negative Assoziationen aufkommen zu lassen. Halt!
Auch in Österreich gibt es Musiker, die neue, hochinteressante Ausdrucksweisen gefunden haben. Hans-Peter Falkner von Attwenger etwa als stark volksmusikalisch beeinflusster Akkordeonist oder Otto Lechner, ein großer Poet und Avantgardist, und auch Klaus Paier muss hier wohl genannt werden.

In völliges akkordeonistisches Niemandsland vorgedrungen ist aber der Finne Kimmo Pohjonen: 1980 begann er ein fünfjähriges Studium klassischer Musik am Konservatorium in Helsinki – was ihn ziemlich langweilte. 1985 wechselte Pohjonen an die Sibelius Akademie für Folkmusik, womit er seine Berufung gefunden hatte. So sagt er heute, dass seine gesamte Spielhaltung sich aus diversen Folklorismen ableitet. Dazu passend waren da auch noch Studienaufenthalte in Tansania und Argentinien.
Soviel Studium klingt fast nach Virtuosentum – und tatsächlich ist Pohjonen unter anderem wegen seiner außergewöhnlichen spielerischen Fähigkeiten einer der gefragtesten Musiker Finnlands. Vielmehr aber als Perfektion zählt für ihn, und das ist der Musik auch anzuhören, Innovation, sowohl was die Verbindung verschiedenster musikalischer Elemente angeht wie auch auf technischer Seite. »Vor 20 Jahren wäre das, was ich heute mache – so viele verschieden Dinge zusammenzufügen – nicht möglich gewesen«, meint Pohjonen. Man muss dabei nicht gleich an Postmoderne denken, es ist einfach die fast zwingende Weiterentwicklung an einem bisher sicher nicht bis an seine Grenzen geführtem Instrument. Was im Falle Pohjonens übrigens ein fünfreihiges chromatisches Akkordeon ist, nur so nebenbei.

Seit einigen Jahren wird er mit Auszeichnungen überhäuft, ab 1996 war er vier Jahre lang »Folk Musiker des Jahres« in Finnland, die folgenden beiden Jahre Akkordeonist des Jahres, und ist Empfänger eines Stipendiums vom finnischen Staat sowie vieles mehr. Dazu kommen noch fast 70 Aufnahmen mit den verschiedensten Bands und schließlich sein erstes Solo-Album »Kielo«.
Klingt erst recht wieder nach Streber und Virtuosentum. Der Vergleich mit John Zorn mag nicht zulässig sein, aber drängt sich fast auf: Ist doch Pohjonen ein ähnlicher Workaholic und arbeitet er fast ebenso eklektizistisch wie Zorn. Von Klassik über Folk hin zu Improvisation und Jazz, Rock und Elektronik sind ihm Tanz- und Theatermusik ebenso geläufig, vom Solo bis hin zur Arbeit mit Orchestern steht alles in seinem Lebenslauf.

Während der Arbeit mit einer Rock-Band (mit dem lustigen Namen Toni Rossi & Sinitaivas) begann er auch mit Werkzeugen wie Sampler und diversen Effektgeräten zu experimentieren.
Mit seinem Solo-Projekt wie auch mit »Kluster« hat er nun doors of perception aufgestoßen, deren Existenz man gar nicht einmal kannte. Und nur konsequentes Experimentieren führt in diese Sphären.
»Every day I find something new. I want to show people there are lots of things they haven???t heard from the instrument – it???s a kind of orchestra in one instrument. I???m always trying new effects, but the main thing is I want to develop the accordion???s own sound.«
Nebst einigen »new folk«-Bands (Pinnin Pojat und Ottopasuuna) ist er auch weiterhin im Rock-Kontext tätig, vor allem mit Ismo Alanko Säätiö, der Band Säätiös, der in Finnland als einer der größten einheimischen Rockstars gilt. Alle diese Einflüsse manifestieren sich in »Kielo«, besonders in den Liveshows, die nicht etwa als banales Konzert angekündigt werden. Die Bezeichnung »Performance« wird bemüht und das nicht einmal zu unrecht.
»… taking listeners on a journey through a maelstrom of moods and emotions into the heart of darkness. As on Kielo, the music conjured up aural images of oceans and rainy nights, moving from brooding meditations to moans and shrieks of madness, the intensity leavened from time to time by a sweetly beautiful tune« hat irgendwo in großen, weiten Netz ein schreibender Kollege gemeint. Und dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Meist stehen am Anfang eines Tracks ein oder mehrere Samples von einem Ton oder Klopfgeräuschen, die das Rhythmusgerüst bilden, über welches Pohjonen seine Soundteppiche legt. Schicht um Schicht, bis hin zu unglaublicher Dichte, um dann Schreie oder auch Monotones wie Mantras darüber zulegen, als Krönung sozusagen. Richtig böse klingt er auf diese Weise oft, das sind die Momente, in welchen man am ehesten den Rock-Background hört. Manchmal ist die Musik beinahe tanzbar, die Tiefe der Bässe der Beats ist beeindruckend und unerwartet, wenn dann wieder mal ein Tango durchklingt, will man, so man könnte, ohnehin sofort das Tanzbein schwingen. Und alles hat immer einen recht sakralen Touch – eben ein »maelstrom of moods and emotions«. In quadrophonische Form gebracht wird das ganze dann meist vom »Sounddesigner« Heikki Iso-Ahola.

Neben der Musik ist auch noch eine zwar nicht pompöse, aber doch beeindruckende Lichtshow Teil der Performance, ebenso wie Pohjonens Bewegungen. »I’ve been working a lot with dancers and theater, and that has given me some kind of perspective for performing and the visual aspect.«
Vom Versteckenspiel hinter seinem riesigen Instrument bis hin zu Derwischtänzen und am Boden wälzen wird alles geboten. Trotzdem, dass weite Strecken improvisiert sind, wirkt alles perfekt choreographiert, ist wie aus einem Guss.

Mit einem Wort: das sollte man einmal gesehen haben. Und wer ob Akkordeon immer noch nicht restlos überzeugt ist, dem seien Pohjonens Worte dazu ans Herz gelegt:
»I don???t think of myself as an accordion player, even though I AM an accordion player – I???m a musician who makes music«.