© James Stencilowsky, Flickr, CC BY 2.0

Jean-Luc Godard (1930–2022)

Der große Vordenker eines massentauglichen Avantgarde-Kinos ist tot. Die von ihm mitangestoßene Nouvelle Vague bleibt wirkmächtig für den Film, wenn vielleicht auch eher im Seminarraum als auf der großen Leinwand.

Es ist schwer, ein Godard-Werk zu sehen und nicht Lust zu bekommen, einen Film zu machen. Insbesondere die Filme seiner frühen Geniezeit wirken schwerelos einfach. Die teils selbstverfasste Hagiographie geht so:

FRÜHER NACHMITTAG. PARIS. REGENSCHAUER.

FRANÇOIS TRUFFAUT (ER SELBST, TRENCHCOAT, SEIDENTUCH, ZIGARETTE):

ICH DENKE AN EINEN FILM! EIN JUNGER KLEINKRIMINELLER VERLIEBT SICH IN EINE JUNGE STUDENTIN. IHRE PERSPEKTIVLOSIGKEIT GIPFELT IM VERRAT DER FRAU.

JEAN-LUC GODARD (ER SELBST, SAKKO, HORNBRILLE, ZIGARETTE):

SEHR GUT. WANN BEGINNST DU ZU DREHEN?

FRANÇOIS TRUFFAUT:

ICH MACHE ERST EINEN FILM ÜBER EINEN JUNGEN, DER VON DER GESELLSCHAFT AUSGESTOSSEN WIRD. MACH DU DEN FILM!

GODARD SPRINGT AUF UND EILT AUSSER ATEM ZUR TÜR. WIR HÖREN IHN AUF DEM GANG »ACTION« RUFEN.

Der Rest ist Filmgeschichte. Der Film »À bout de souffle« (»Außer Atem«) wird auf den Straßen von Paris mit dem damals noch unbekannten Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg gedreht. Es gibt kein festes Skript, die Filmhandlung wird von Tag zu Tag vom Team weitergesponnen, was eigentümlich und sehr gut mit der Filmhandlung zweier junger Menschen auf der Flucht korrespondiert. Alle Beteiligten werden augenblicklich Filmstars und mit Preisen bedacht.

Der Film als Revolte, die Revolte als Film

Godard wird mit Truffaut, Jacques Rivette und Éric Rohmer zur maßgebenden Viererbande des französischen Films und überhaupt des europäischen Kinos der 1950er und 1960er-Jahre. Rivette, Godard und Rohmer betrieben zunächst 1950 mit überschaubarem publizistischem Erfolg »La Gazette du Cinéma«, deren nahezu vollständige Auflage von Godard unter dem Bett von Rohmer gefunden wurde. Ihrem Hunger, Filmtheorie zu betreiben, tat dies keinen Abbruch und gemeinsam mit dem etwas etablierteren Kritiker André Bazin wurde später das Magazin »Cahiers du cinéma« zur Pflichtlektüre der Filminteressierten gemacht.

Neben Theorie musste Praxis her und die sah einen schwindelerregenden Filmbetrieb zahlreicher, schnell und günstig produzierter Werke vor. Dadurch hatten die selbsternannten »Jungen Türken« die wohl einmalige Möglichkeit, die eigenen Thesen in Werke umzusetzen. Viele der Filme Godards aus der ersten Hälfte der 1960er-Jahre waren kanonisch: »Une femme est une femme«, »Vivre sa vie«, »Le Mépris«, »Alphaville«, »Pierrot le Fou« oder »Masculin féminin«. Jeder dieser Filme ist sehenswert. Wer sie nicht kennt: Unbedingt anschauen!

Der teils unwiderstehliche Reiz von Godards Filmen liegt darin, dass sie ganz unmittelbar politische Debatten auf die Leinwand bringen. Dies ist nur denkbar in einem Frankreich im Vorfeld der Studentenrevolte. Die losen Skizzen der Filme spiegeln den Aufbruch und die Neuorientierung jener Jahre. Der Wille, etwas zu ändern, wurde Form. Der Diskurs soll unmittelbar zu neuen Lebensformen führen und dies wurde damals von vielen aufgegriffen und geglaubt. Godard machte seine Themen »groß«, sie sind im Ton sowohl in der griechischen Antike wie auch in der Heiligen Schrift verankert. Ein wenig scheinen sie mitunter mit Prophetie zu liebäugeln.

Traum von der Massentauglichkeit

Ein guter Filmregisseur ist schließlich »Prophet und Krawattenverkäufer«, meinte ein gewisser Federico Fellini, der zeitgleich in Italien jene goldenen Jahre des europäischen Kinos in Gang gesetzt hatte. Godard wollte sicherlich keine Nische für seine Werke, denn er hatte den Blick immer fest ins gelobte Land gerichtet, das da heißt »Hollywood«. Die Werke Godards sind wild, experimentell, skizzenhaft, aber sie bejahen zugleich ein Starsystem, das sich allzu gerne an Humphrey Bogart orientierte. Antikapitalismus bedeutete in jenen Jahren »Marx und Coca-Cola«. Früh wurden Kolonialismus und Emanzipation aufgegriffen. Die fast ausschließlich von weißen Männern getragene Avantgarde sorgte sich nämlich um das Schicksal der Frauen und People of Color gleich mit, wenngleich sie dabei immer traditionelle Alphatiere blieben. Die Schauspielerin und Ex-Frau von Godard, Anna Karina berichtete leidvoll von ehrgeizigen Ski-Wettkämpfen zwischen Godard und Belmondo, die einfach in allem immer die stärksten und besten sein wollten.

Gut zehn Jahre nach 1968 war dann allerdings »der Faden gerissen«. Godard und Co. konnten nicht mehr ein größeres Publikum an sich binden. Jean-Luc Godard bejahte sehr wohl die technischen Neuerungen und die durch sie teils aufgezwungenen Änderungen. Er begann, Video und später digitale Formate zu erproben. Eine Art Essay-Film schwebte ihm vor, der es den Zuschauer*innen ermöglichen sollte, wie in einem Buch zu blättern. Dies führte zu imposanten und nicht leicht zu durchdringenden Werken wie der »Histoire(s) du cinéma« (1998), an der Godard zehn Jahre arbeitete. Filme also über das Filmemachen, von einem Filmtheoretiker und ehemalig höchst erfolgreichen Filmregisseur – auf dem »Mille Plateaux« ist sich ohne Pro-Seminar nicht leicht zurechtfinden.

Bis heute ist Godard Ideengeber, dessen Impulse aufgegriffen und aufgewärmt werden. Mit künstlerisch zweifelhaften Ergebnissen. Die ursprüngliche Lust an der im Frankreich der Nachkriegszeit noch immer als neu empfundenen Filmkunst lässt sich nicht simulieren. Die Möglichkeiten die »Der Mann mit der Kamera« (Dsiga Wertow, 1929, UdSSR) hat, der einfach auf die Straße geht und die bisher unbekannten Wege des Filmens und der Filmsprache erprobt, sind heute wohlbekannt. Sie können immer noch begeistern und tun dies auch – allerdings meist in VHS-Kursen. Der Filmbetrieb selbst ist in einer Weise aufgeblasen, dass er die immer noch notwendigen Experimente in Marketinglabors auslagert. Hierbei bleibt der Film durchaus innovativ und – wie sagt man? – der Erfolg gibt dem heutigen Filmschaffen Recht. Das öffentliche Leben und der intellektuelle Diskurs, soweit sie Ästhetik betreffen, sind weitgehend in die Reflexion von Streaming-Angeboten abgewandert. Das war schon lange nicht mehr die Diskurswelt des Jean-Luc Godard.