James Brandon Lewis © Diane Allford

Jazz, Jazz, Jazz … auf dem Berliner Jazzfest

Mit einem guten Blick aufs Jazz-Geschehen stellt das Team unter der Leitung von Nadin Deventer auch heuer wieder ein interessantes Programm zusammen. Ein kurzer Ausblick auf das Fest von 31. Oktober bis 3. November 2019, bestehend aus Musik, Film, Talks, Installationen und DJ-Sets.

Das Berliner Jazzfest 2019 setzt zugleich auf bekannte Namen und nimmt sich heraus, spannende Newcomer*innen auf die Bühne zu bitten. Das geschieht in klassischen Bandbesetzungen oder in neuartigen Formationen und Performances. Gleich zu Beginn des viertägigen Festes am Donnerstag, dem 31. Oktober überrollt Anthony Braxton den Gropius Bau zur Eröffnung mit einem sechs Stunden langen Experiment, dem »Sonic Genome«. Dabei bieten 60 Musiker*innen aus allerlei Nationen in diversen Zusammenstellungen zum ersten Mal in Deutschland (und zum dritten Mal überhaupt) fast 450 von Braxtons Arbeiten dar. Unter der Leitung von 14 Musiker*innen aus dem engeren Kreis von Braxton werden in verschiedenen größeren oder kleineren Zusammenstellungen Stücke aufgeführt, die Zuschauer*innen entscheiden selbst, welchen sie beiwohnen wollen.

Anthony Braxton © Peter Gannushkin

Kollektive im Großraum Jazz
Der Freitag beginnt mit einem Gespräch zwischen Angel Bat Dawid, Jean Cook, Peter Knight, Liz Kozack, Julia Neupert und Emma Warren über Kollektive und Communities in der Jazz-Welt. Davon ausgehend besteht der Tag aus Konzerten des Pianisten Brian Marsella (solo) auf der einen Seite und auf der anderen Seite aus zwei größeren Gefügen: Christian Lillinger tritt mit seiner Open Form for Society auf, einem Ensemble, das zwischen akribisch ausgearbeiteten Kompositionen und Improvisation changiert. Und zum Schluss dieser Einheit feiert das Australian Art Orchestra mit Julia Reidy seine Deutschlandpremiere – 1994 gegründet, von Peter Knight geleitet und inspiriert vom Art Ensemble of Chicago und dem Vienna Art Orchestra, deren zwei Kompositionen »The Sharp Folds« und »The Plains« sie sich neben einer Arbeit von Gitarristin Julia Reidy annehmen werden.

Um 18:00 Uhr bietet das KIM Collective, eine Gruppe von Berliner Musiker*innen (u. a. auch Julia Reidy) unterschiedlichster musikalischer Herkunft, die Gesichter mit von Liz Kosack entworfenen Masken bedeckt, mit »Garden of Hyphae« eine Klanginstallation, die ähnlich schon 2018 überzeugte. Es folgen der junge britische Pianist Elliot Galvin sowie die Kreation melting pot, eine Zusammenstellung junger Musiker*innen mit Katharina Ernst am Schlagzeug. Um 21:15 Uhr performt die charismatische Angel Bat Dawid mit ihrer Brothahood. Im Late Night Lab 1 spielen in wechselnden Formationen die Trios Kaos Puls, Moskus Trio und Mopcut (feat. Audrey Chen). Eine weitere Deutschlandpremiere feiern The Young Mothers, eine von Bassisten und Bandleaderin Ingebrigt Håker Flaten geführte Band, deren Sound zwischen Punk, HipHop, Free Jazz und Funk mäandert. Sicherlich ein Höhepunkt.

The Young Mothers © Peter Gannushkin

Musik und soziale Utopie
Am Samstag hat man die Möglichkeit, sich kostenlos den Film »Ornette: Made in America« von Shirley Clarke anzusehen und im Anschluss das Gespräch zwischen Hanna Bächer, Guilherme Granado, Felix Klopotek (»How they do it«), Joachim Kühn und Mette Rasmussen anzuhören, die darüber sprechen werden, was aus der Utopie des Jazz eigentlich geworden ist. Anthony Braxton und James Fei werden sich um 16:00 Uhr, von Diedrich Diederichsen moderiert, über das Schaffen von ersterem unterhalten. Mächtig was los sein wird auch beim Konzert des gefeierten Ambrose Akinmusire + Band + Stringquartett, einem der angesagtesten Trompeter derzeit. Im Anschluss folgt die hr Bigband feat. Joachim Kühn und Michel Portal, die »Melodic Ornette« aufführen, mit Joey Baron an den Drums. Again das KIM Collective, zur gleichen Zeit das Melissa Aldana Quartet im A-Trane, um 21:00 Uhr das »UnRuly Manifesto« der Band um James Brandon Lewis, um 21:15 Uhr Melez (Cansu Tanrıkulu, Jim Black, Elias Stemeseder) und zum Abschluss des Abends um 23:00 Uhr das Late Night Lab 2, mit T(r)opic, São Paulo Underground und COCO.

James Brandon Lewis UnRuly Quintet © Diane Allford

Einige Höhepunkte am Sonntag
Unweit des Festspielhauses am Fasanenplatz finden am Sonntag ab 11:00 Uhr kleine sogenannte Kiezkonzerte statt. Mit Max Andrzejewski, Paul Berberich, Brad Henkel, Isabelle Klemt, Miles Okazaki, Dora Osterloh, Julia Reidy, Otis Sandsjö, Fabiana Striffler und Dan Peter Sundland. ECM-Jazzerin, Sängerin und Komponistin Sinikka Langeland präsentiert in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ihre neue Platte »Sauna Cathedral«. Ihre meditative Musik, im Mittelpunkt ihr feiner finnischer Gesang, passt wohl perfekt ins Ambiente des alten Gotteshauses. Um 15:30 Uhr besteht die Möglichkeit, sich mit Hilfe von Chris Jonas, Ingrid Laubrock und Timo Hoyer der Person und dem Werk von Anthony Braxton ein wenig zu nähern. Musiknah besprechen sie dieses musikalische Phänomen. Paul Lovens, der bereits mit Jazz-Sternen wie Cecil Taylor, Evan Parker, Dave Holland, Mats Gustafsson, Alexander Schlippenbach und, und, und aufgenommen hat, erhält um 17:00 Uhr den Albert-Mangelsdorff-Preis, gemeinsam mit Florian Stoffner (Gitarre) wird er das mit einem Impro-Duett würdigen.

An diesem Tag tritt das KIM Collective erneut auf, ebenso Anthony Braxton mit einem Septett, das ZIM, sein neuestes Kompositionsprinzip vorstellen wird. Es wird wohl laut und intensiv. Höhepunkt des Tages, will man meinen, ist das Konzert des New Yorker Gitarristen Marc Ribot gemeinsam mit Nick Dunston am Bass, Jay Rodriguez an Sax und Flöte und dem grandiosen Chad Taylor an den Drums. Marc Ribot gehört zu den spannendsten Gitarristen zurzeit, er ist beheimatet in allerlei Kontexten, seien es Klezmer-inspirierte um John Zorn, die klassische Gitarrenmusik seines haitianischen Mentors Frantz Casséus oder lateinamerikanische Musik, seien es sein immer deutlicher werdender politischer Impetus, wie auf den Alben mit Ceramic Dog, oder seine Interpretationen von Protestsongs. Sein heftiges, eklektisch-rabiates Spiel lässt nichts zu wünschen übrig. In den Pausen zwischen den Künstler*innen ist jeweils der Film »Marc Ribot – The Lost String« (2007) von Anaïs Prosaïc zu sehen. Gut. Wem das nichts taugt, der höre der französischen Sängerin Leïla Martial und ihrer BAA Box zu bzw. um 23:00 Uhr DJ Amir oder Miles Okazaki, der sich der Werke von Monk annimmt und diese neu interpretiert.

Link: https://www.berlinerfestspiele.de/de/jazzfest-berlin/start.html