James Elkington ist Brite, lebt in Chicago und spielt Gitarre. In der Vergangenheit hat er dies in Bands wie Brokeback oder Eleventh Dream Day getan und mit namhaften Leuten wie beispielsweise Wilcos Jeff Tweedy und Fairport Conventions Richard Thompson zusammengearbeitet. Soloalben hat er auch veröffentlicht. Der Mann spielt eben der Möglichkeit nach den lieben langen Tag Gitarre. So stelle ich mir das jedenfalls vor, nicht zuletzt, um einen Einstieg in diesen Text zu finden, denn »Pastel de Nada« ist ein Doppelalbum von Elkington, das als akustisches Skizzenbuch veröffentlicht wird, und nach »Me Neither« aus dem Jahr 2023 bereits sein zweites dieser Art; das Label spricht von einer »Guitar Sounds Library«. Jetzt stellt sich die Frage, eignet sich diese Soundbibliothek zum Anhören in der konventionellen Art und Weise eines Albums, wo es ja ein solches zumindest im klassischen Sinn nicht ist? Die wenigsten Menschen finden Gefallen daran, ein Lexikon von vorne bis hinten zu lesen, warum sich also hinsetzen und Elkingtons »Guitar Sounds Library« durchackern? Die Frage ist berechtigt, und Zweifel am künstlerischen Gehalt dieser Veröffentlichung werde ich nicht gänzlich ausräumen bzw. ist es wichtig, im Blick zu behalten, dass die hier dokumentierten Aufnahmen im Kern Arbeitsproben und Gedankenstützen sind, die Stimmungen festhalten, um sie ggf. an anderer Stelle wieder- oder weiterzuverwenden. Früher gab es solche Alben (auch mit Tier-, Umwelt- und sonstigen Geräuschen) als Arbeitshilfen in der Vertonung von Super-8-Filmen, die so im Hobbykeller und in Heimarbeit mit Tonspuren versehen werden konnten. Ob Elkington den Gebrauchswert seiner Musik auch dahingehend, also über seine möglichen eigenen Bedarfe hinaus, betrachtet? Muss ja eigentlich – wozu sonst veröffentlichen? (Eine denkbare, alternative Perspektive auf die Darbietung der musikalischen Miniaturen wäre: »Weiß nicht, was ich damit machen soll, aber zu schade zum Wegschmeißen«. Ich nehme jedoch nicht an, dass darin die künstlerische Intention der Veröffentlichung liegt.)
Jetzt habe ich schon wieder weit ausgeholt bzw. ließe sich zusammenfassend sagen, dass die akustischen Vignetten von James Elkington in jedem Fall die Entstehung von Kurzfilmen anregen können – nur muss man diese nicht erst mit antiquiertem Equipment drehen und anschließend nachvertonen, denn die kurzen Instrumentals lassen beim Hören Bilder im Kopf entstehen; es ergibt sich sozusagen eine Einheit aus Bild und Ton spontan und simultan. Das funktioniert ganz gut und ist insgesamt sehr schön. Und so gesehen ist »Pastel de Nada« ein abwechslungsreiches und kurzweiliges Hörvergnügen, das im Rückgriff auf die oben genannte Analogie tatsächlich nicht chronologisch »am Stück« durchgehört werden muss, sondern »häppchenweise« konsumiert werden kann. Je nachdem, wie viel Zeit gerade ist und wonach einem der Sinn steht. Dass Alben wie »Pastel de Nada« überhaupt noch veröffentlicht werden (noch dazu als Doppel-Vinyl), finde ich mit Blick auf die rasante Entwicklung und zunehmende Verwendung AI-basierter musikalischer Inhalte bemerkenswert. Und hier liegt ein Unterschied – Gebrauchswert hin, Convenience her: Elkington produziert Musik und nicht Content. Dass »Pastel de Nada« neben allerlei anonymem Muzak auch auf der von mir verteufelten und daher nicht namentlich zu nennenden Streaming-Plattform erhältlich ist, ist tragisch oder – leidenschaftsloser betrachtet – ein Zeichen der Zeit. Hoffentlich finden sich hinreichend viele Hörer*innen, die sich trotzdem noch für Musik als künstlerischen Ausdruck von Menschen für Menschen interessieren, und sich nicht nur seelenlos berieseln lassen wollen, damit James Elkington weiterhin tagein, tagaus Gitarre spielen und (wahrscheinlich mehr schlecht als recht) davon leben kann. Herrje, quasi epische Abschweifung in zeitgeistkritischer Absicht, aber warum nicht das literarische Format der Rezension zur Orientierung in Fragen der Bewältigung des digitalen Alltags nutzen?