International Femous Orchestra: »Ich bin froh, froh, froh«

»Ethnozentristisches Alarmsignal« und »braune Suppe«: Gitarristin und Bandleaderin Celia Mara über das International Femous Orchestra, das die diesjährigen Wiener Bezirksfestwochen am 1. 6. am Michaelerplatz  eröffnete.

 

Fotocredits: Manfred Werner

Was ist das für eine Sprache? Voll unauffällig im Bühnennebel und voll flott steht EsRaP plötzlich da, die junge Rapperin türkischer Herkunft in ihrer karierten Hose. Es geht los in verkürztem Englisch, mit türkisch vermischt, oder ist das etwa deutsch? Wann holt die Luft, bitte! Die entfesselte EsRaP mag die Bühne, mag die Stimmung gegenüber der Kirche, oberhalb der 2.000 Jahre alten archäologischen Ausgrabungen am Wiener Michaelerplatz – es ist das erste Mal, dass ich sie beinahe melodiös singen höre. Das Publikum jubelt. Kein Gewitter weit und breit, obwohl es angesagt war. Und es geht schon wieder los mit der nächsten Nummer des International Femous Orchestra: Vero La Reine singt Bikutsi, die Frauenmusik aus Kamerun. Irgendwie klingt sie heute auch nach Rap, nach afrikanischem Rap, mixture of Styles, das muss EsRaPs Einfluss sein – absolut tanzbar, aber nicht hier auf diesem weiten Platz, wo die ZuschauerInnen weit weg auf den Stuhlreihen sitzen. Trompetensolo, Celia Mara shakt, brasilianisch is so funky! Ein kleiner, schwarzer Junge filmt von unten her die Bühne mit seinem Handy. Ob die Musikerinnen überhaupt drauf sind? Es gibt eindeutig mehr Leben auf der Bühne als bei den ZuhörerInnen, obwohl sich hie und da ein gewisses Lächeln auf die Lippen der Bürgerinnen stiehlt.

Demokratisierungstendenzenfemous_2011.06.01_g.jpg
»Ich bin froh, froh, froh«, trällert Celia Mara vor sich hin, während sie in ihrer Küche in einem ruhigen Hinterhof in der Nähe des Wiener Schwedenplatzes herum rennt und sich mit »Ist das so, so, so?« endlich auf ihren Sessel nieder lässt und grinst. Sie scheint stolz auf ihr vielstimmiges und vielköpfiges Frauen-Orchester zu sein, obwohl sie sich vor lauter Stress gerade weigert zu komponieren. Es gab immer schon Demokratisierungstendenzen und niedrige Zugangshürden in Frauenbands, so sangen z. B. bei der jugoslawischen Band »Boye« (»Boye se ne boye/Boye fürchtet sich nicht« – Kassette!!) in den 1980er Jahren alle vier Frauen aus Novi Sad gleichzeitig den Text, um ein Sängerinnen-Starprinzip zu vermeiden. Bei der Wiener Band Norah Noizzze hingegen wird heutzutage abgewechselt, jede Musikerin spielt unterschiedliche Instrumente – ob gut oder schlecht ist relativ egal, es geht den Charakterköpfen ums Prinzip.

»Mit der Gitarre gebe ich die Basis für die Frauen, so dass jede ihren Platz findet, sich zu zeigen, sich zu realisieren«, sagt Celia Mara über das gro&szlige Projekt The International Femous Orchestra. »Bei meiner eigenen Band ist das einfacher, da komponiere und arrangiere ich, sage den Jungs, was wir machen. Bei Frauen musst du Unterstützung und Sicherheit geben, dass sie ihr Ding drauf setzen können. Männer brauchen das nicht, weil sie so mackerhaft sind (lacht). Bei einer Frau ist das oft so: Kann ich das – wirklich?!« (lacht noch lauter). »Zu Beginn wollten wir Arbeiterinnenlieder singen und Frauensongs covern und nicht selber komponieren. Doch es entwickelte sich anders: Jetzt werden Songs, die wir selber geschrieben haben, auf die Bühne gebracht!« Zu Orchester-Beginn am 8. März stand z. B. der »Marsh of the Women« aus 1911 von Ethel Smyth, der offiziellen Freundin von Virginia Woolf, am Programm. »Inzwischen wird der Platz für Improvisation aufgemacht«,  sagt Celia. »Jetzt ist das Femous Orchestra so weit, dass es eine Richtung gibt. Es gibt auch Sängerinnen, die wollen uns nur als Begleitmusik haben, die haben das Konzept noch nicht verstanden, dass du nicht der Star bist, die werden nicht bleiben.« Ein Orchester ist immer mehr als die einzelnen Musikerinnen, auch wenn die gro&szligteils selbst Bandleaderinnen sind.

Im Andenken an die Saxophonistin Sonja
femous_2011.06.01_i.jpgWährend Celia redet, muss ich an meine eigene Frauenband denken, Die Suffragetten, eine Jazzrockband mit Punk-Einschlägen im Salzburg der 1980er Jahre. Wie bei fast jeder Nummer andere Frauen auf die Bühne in der ARGE Nonntal kamen, um jeweils nur eine einzige Nummer zu performen, sich ihren Applaus holten und glücklich wieder abtraten. Daran, wie schwer und lustig wir es gleichzeitig hatten: Mit der Sängerin Bine, deren Freund sie verlie&szlig, weil sie sich auf der Bühne hinlegte und schreiend ihre eigenen Songs raus lie&szlig, mit der rothaarigen Bassistin Veronika, die ich später als Kellnerin der Wiener Bunten Kuh wieder traf, mit der zweiten Sängerin Sabine, die im Rausch bei den Hamburger Goldenen Zitronen das gesamte schmutzige WG-Geschirr abwusch und vor allem mit der 16-jährigen Sonja, einem Talent am Saxophon, die in der KRISE, dem Krisenzentrum für Jugendliche, wohnen musste und deren Stiefvater ihr am Vorabend des Konzertes einen Schneidezahn ausschlug. Ein paar Jahre später wurde sie von einer Bahnhofs-Bekanntschaft ermordet, man fand sie erwürgt am Ufer der Salzach. Sie war ein Naturtalent am Saxophon – nie eine Note gelernt. Eine Kassette habe ich noch! Und wie uns Männer mit Verstärkern, Instrumenten und Tour-Bus unterstützten (nur das Schlagzeug gehörte mir), unsere Freunde Gregor und Hannes brav stundenlang auf der Waschmaschine sa&szligen und warteten, wenn Die Suffragetten im Keller Probe hatten.
 
Mackerhafte Grenzen 
femous_2011.06.01_k.jpg»Es gibt eine supertolle Synergie zwischen all diesen kompetenten Profis aus verschiedenen Kontinenten«, schwärmt Celia von ihrem Orchester. »Und zu dem Thema Transkulturalität in der Musik muss ich noch was sagen. Bei dem afrikanischen Lied haben wir alle sechs-Achtel-Rhythmus gespielt. Ich habe zum ersten Mal afrikanische Gitarre gespielt (lacht), man hört das eh die ganze Zeit überall. Musik ist eine internationale Sprache, wenn die Musik gut ist, die Melodie gut, sehe ich keine Barrieren. Ich kann etwas Schönes, Trauriges singen (singt ein bulgarisches Roma-Lied vor), eine schöne Melodie, egal in welcher Sprache. Ich mag keine Songs, die kein Gefühl zeigen, die nix geben, nix sagen und es gibt irrsinnig viele davon, auch im technischen Jazz!« (lacht). Plötzlich fängt die Gitarristin mitten in ihrem Wohnzimmer zu rappen an, »unsympathisch und idyllisch ist das Ideal«, »flexibel, Sklaven für das Kapital«, höre ich, dann nur einzelne Wörter, »Technokraten«, »homophob«, »ethnozentristisches Alarmsignal«, ich muss lächeln über die schwierige Wortfolge, »exotischer Sex im Internet«, »braune Suppe« ?? »Der Text von EsRaP, den ich für sie schrieb, war leider schwer verständlich, wir haben den Song zu schnell gespielt«, kommentiert Celia ihre Darbietung. »Trotzdem: Wir schmei&szligen alle diese Grenzen weg, wir brechen mit allen diesen Regeln, die die Mackerhaften immer überall geben.«
Kopfsteinpflaster, schwarze gusseiserne Stra&szligenlaternen, Pfeile in Richtung »Kunstforum«, »Jüdisches Museum«, »Schatzkammer« und »Evangelische Kirche«. Scharen von Touristen.
Tutz Tutz machte EsRaP Beatbox auf offener Bühne, »Ich bin so froh, froh, froh, das ist so, so, so ?? Bei mir? Bei dir!«, rief sie, dann wurde »Platz für Improvisation aufgemacht«, damit die junge Musikerin mit dem Publikum kommunizieren kann. Pascal kaufte mir ein Bier, auf dem stand »geboren in Ottakring«.

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