Festivaltagebuch - 22. 10. / Tag 7

Filmkritiken: „Metallica: Some kind of Monster“, „In Wirklichkeit ist alles ganz anders“
Shortcuts: „Poto and Cabengo“, „13 Lakes“,  „Peep TV Show“
Veranstaltung: Podiumsdiskussion

Metallica: Some Kind of Monster
„St. Anger“, so heißt das letzte Album von Metallica. Dieser Film dokumentiert den langsamen, beschwerlichen Weg dorthin. Wir bekommen kein einziges Stück zur Gänze vorgesetzt. Den Filmemacher Joe Berlinger (dessen Film „Brothers Keeper“ ebenso im Festivalprogramm vertreten ist) scheint also weniger die Musik zu interessieren. Was wir hingegen zu sehen bekommen, sind die üblen Launen des alkoholsüchtigen James Hetfield, der die Plattenproduktion gleich zu Beginn zugunsten der lang fälligen Entziehungskur sausen lässt. In Aufnahmen im DV-Format werden wir Zeugen unzähliger Streitereien zwischen den Egos Hetfield und seinem Kontrahenten und Bandkollegen Lars Ulrich. Der dritte im Bunde, Kirk Hammet, übt sich in vornehmer Zurückhaltung und im Vermitteln. Jason Newstett hat die Band gleich verlassen, weil ihm das Ego Hetfield keine kreativen Entfaltungsmöglichkeiten bot, und spielt nunmehr in seiner eigenen Band. Was sich jetzt schon anhört wie eine Soap Opera im Musikbusiness wird durch den Einsatz eines Gruppentherapeuten noch getoppt. Dieser soll die zerstrittene Band wieder zusammenführen und das neue Album möglich machen. Sogar der Filmemacher ist den Launen der Band zeitweise ausgeliefert und stellt sich mitunter auch gefällig in den Dienst der Gruppe, die das Fortlaufen des Films mitbestimmen darf.
Konterkariert wird nun aber hierbei die Rolle des Fans.

Als Anhänger einer einstigen Speedmetalband (wir erinnern uns wehmütig an Zeiten von „Kill’em all“ zurück) müssen sie nun Zeuge werden, wie ihre Helden sich beim Psychiater ausheulen. Das harte Image von Metal, White-Trash-Jungs, die ihre Instrumente (und sich selbst) würgen, wird umgekehrt und aufgehoben. Die Heroen von 15-jährigen pickeligen Buben transformieren sich zu ihren weinerlichen Vätern. Das Klischee von Metal wird ad absurdum geführt und hat nunmehr keine Gültigkeit mehr. Gespannt dürfen wir heute verfolgen, wie das – wohl hautpsächlich aus Anhängern jener Gruppe bestehehende – Publikum dem „Cleaning out their closets“ bewohnen wird, respektive Berlingers Film. Eine Ironie. Ein Witz. Und mitunter muss man im Laufe des Films tatsächlich herzlich lachen. Wo sind denn bitte die guten Zeiten des Schweinerocks geblieben, das Headbangen und die geballte Rockerfaust? Die Buben haben es auch nicht leicht heutzutage.

„Metallica: Some kind of Monster“, heute um23:00 im Gartenbaukino und morgen, am 23. 10. um 16:00 in der Urania.



„In Wirklichkeit ist alles ganz anders:
Ein Filmemacher, der Filme über Künstler macht. Den schon seit Jahrzehnten interessiert, warum Menschen etwas machen, was „an sich keinen Nutzen hat“. Die Menschen, die hinter der Kunst stehen, um die geht es ihm. Ein eigenwilliger Film über eigenwillige Menschen und einen eigenwilligen Regisseur. Ein Porträt über einen Künstler, der sein Leben lang Künstler portraitiert hat. Die Verdopplung. Irritation ist die Folge. Wer hat diesen Film gemacht – Graube, der die Künstler portraitiert oder doch Jörg Burger? Ein Verwirrspiel, aber in Wirklichkeit ist alles eh ganz anders, oder?

„In Wirklichkeit ist alles ganz anders“, heute um 18:00 im Stadtkino.

Shortcuts:

„Poto and Cabengo“ ist eine Dokumentation über ein amerikanische Zwillingsmädchen, die eine Art Geheimsprache entwickelt haben. Gorin nähert sich diesem Phänomen über mehrere Perspektiven.

Heute um 14:00 im Metro.


Die Entstehungsgeschichte zu „13 Lakes“ konnte man bereits letztes Jahr bei einer Dokumentation über James Benning verfolgen. Nun ist das neue Werk des Minimalisten der US-Filmavantgarde zu sehen, der die pittoresken Details 13 amerikanischer Seen auf 16 mm festhält.

Heute um11:00 im Metro.


„Peep TV Show“ ist ein fragmentarischer Film. Unter den Eindrücken von 9/11 entspinnt sich ein voyeuristischer Zirkel. Mit Digicams gefilmte Aufnahmen werden auf eine Homepage gestellt, die die Sucht nach Reality-TV befriedigen sollen.

Heute um 23:00 im Stadtkino.


Veranstaltung:

Unter dem Titel „Über Film Schreiben“ wird heute um 18:00 in der Zentrale eine Podiumsdiskussion der Filmzeitschrift „Kolik.Film“ mit internationalen Gästen stattfinden.