Ein verträumter Trip durch Los Angeles - Julia Holter, 5. 8. 2013, WUK/Wien

Julia Holter, die Komposition studierte, dürfte sich gerade in einer äußerst produktiven künstlerischen Phase befinden, »Loud City Song« ist das bereits dritte Album in drei Jahren. »Tragedy« (2011) und »Ekstasis« (2012), waren ein Geheimtipp, bis »Ekstasis« prompt unter den Top 50-Alben der Hipsterwebsite pitchfork landete. Mittlerweile hat Holter eine vierköpfige Band, mit der sie ältere Songs wieder neu arrangiert. Im Rahmen ihrer Sommer-Tour war die Amerikanerin auch in Wien.

Dem Konzert im WUK voran geht ein experimentelles Intro, in dem Violinist und Drummer gemeinsam erproben, wie viele verschiedene Klänge aus einem Instrument abseits der klassischen Techniken so rauszuholen sind. Vertrackter Rhythmus, ächzende Saiten – kurz, ein Intro à la »macht euch darauf gefasst, das wird hier heute kein 0815-Gedudel, sondern ambitionierter Art Pop«. Julia Holter betritt alsbald die Bühne und seufzt mit ernst-ehrwürdiger Miene die ersten Töne ins Mikrophon. Die Stücke verzichten großteils auf gängige Strukturen eines Popsongs mit Strophe und Refrain, stattdessen ballt sich der Klang von Cello, Violine, Saxophon, Keys und Drums an unerwarteten Stellen zu großer Dichte zusammen. Ebenso schnell zerfließt und wandelt sich diese Dichte wiederum in träumerische Melodien, die von ungewohnten Geräuschflächen und -fragmenten, sowie sperrigen, aber trotzdem vorantreibenden Beats begleitet werden. So zu hören in »This is Ekstasis«. Auch ein großartig verspielt-zerknittertes »Hello Stranger«-Cover hat Julia Holter im Gepäck: 1963 wurde der Soul-Jazz-Song von Barbara Lewis vertont. Schließt man die Augen, findet man sich in einem Taxi wieder, ziellos durch das nächtliche Los Angeles fahrend …

Vor allem in den neuen Songs (»Maxim’s 2«, »In the Green Wild«), die der entzückten Zuhörerschaft im nur dreiviertel vollen Saal dargeboten werden, schaukelt es sich ein-, zweimal fast zu unerträglich lauten Passagen hoch, die, so scheint es, mit gezielter Absicht leicht quälen. »Being chased by a marching band« fügt Holter dann schmunzelnd hinzu. Denn für das neue Album sind diesmal nicht antike Tragödien die Quelle der Inspiration, sondern die von Colette 1944 geschriebene Novelle »Gigi«. Die eher seichte Handlung spielt sich im Paris um 1900 ab, Holter greift Elemente der städtischen Verhältnisse auf und verbindet sie in »Loud City Song« mit den hektischen Blitzlichtgewittern Kaliforniens. Der »loudness of media«, wie sie das in einem Interview nennt. »Goddess Eyes« ist ganz geschickt berechnet der letzte Song den Julia Holter und Band spielen, bevor sie nach gut 60 Minuten die Bühne zum ersten Mal verlassen. Dieser Two-part-Track geht nämlich durch den repetitiv-melodiösen Gesang (jaja, die gute alte Voice-Box) dermaßen ins Ohr, dass man noch mehr will. Tatsächlich gibt’s zwei Zugaben, der drückenden Schwüle im WUK zum Trotz. Da ist bei geschlossenen Äuglein noch eine letzte schwermütige Taxifahrt durch die Häuserschluchten und Großstadt-Irrlichter L.A.’s drin.

»Loud City Song« erscheint am 19. August 2013 auf Domino Records.