»Olanda« © Viennale

Ein Pilz ist ein Pilz ist ein Pilz

Bernd Schoch erzählt anhand eines der scheinbar unspektakulärsten Bewohner der Erde – einem Pilz – eine Geschichte von Geld, Kapitalismus, Ausbeutung und einer irritierend schönen Landschaft in Rumänien.

Weder Tier noch Pflanze, auch nicht Stein oder Feuer oder Geist. Ein Pilz ist ein Pilz. Im Film »Olanda« von Bernd Schloch ist er Mittel- bzw. Ausgangspunkt eines Trips/»Trips« durch einen Wald bei Obarsia Lotrului in den Südkarpaten. Dort stieß er bei einem Familienurlaub durch Zufall auf rumänische Saisonarbeiter*innen, die im Sommer und Herbst den Wald nach dem unscheinbaren Wesen absuchen.

Der Film beginnt mit einem Bild der Nacht, klarer Sternenhimmel, Regen, jemand röchelt und fuhrwerkt herum. Nur langsam werden weitere Details sichtbar. Eine Art Pavillon, eine Plane, ein offenes Feuer. Es ist ein Mensch, und er lebt offensichtlich im Wald. Im Folgenden wird man eine Reihe von rumänischen Arbeiter*innen sehen, die für eine lächerliche Summe den mit Bären gespickten Wald mit Augen wie Adler nach Pilzen absuchen. Die Kamera ist dabei, wie ein Begleiter, man stapft über den unwegsamen Waldboden, durch den Wald, den man vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen scheint. Die Farben sind kräftig, braun und grün vor allem. Wie bei einem Pilztrip geschieht alles sehr langsam und intensiv, die Dinge in der Welt scheinen ein Eigenleben zu führen.

Und dann spricht da eine Stimme aus dem Off: es ist nicht ganz klar, wer es ist, doch sie kennt sich aus. Sie weiß Bescheid über die Gegend, mal scheint es die Stimme der Pilze selbst zu sein, sie kennt die Arbeiter*innen. Alles ist wie verzaubert. Es sind nicht bloß die Menschen, die die Pilze anstarren und sie mit ihren Telefonen fotografieren, es sind auch die Pilze und die Pflanzen, die ein reges Interesse an den Sammler*innen haben, so will man meinen. Und die haben etwas zu erzählen. Wenn sie nicht reden, dann spricht ihr Verhalten für sie, das Kameramann Simon Quack und Regisseur Bernd Schoch gekonnt einfangen, auf eine betont unbeteiligte Art, wie um ihnen Raum zu geben, ihr Leben eigenständig zu zeigen.

In einem Schnitt dieses langsamen, meditativen Filmes jedoch erlaubt Schoch sich einen »Eingriff«. Man sieht Arbeiter mit einem Zwischenhändler streiten, der die Pilze (und Blaubeeren etc.) für einen weit höheren Preis verkauft, bis sie dann u. a. in Deutschland für noch höhere, die harte und gefährliche Arbeit der Sammler*innen verhöhnende Preise in den Märkten landen. Geld ist ein großes Thema, gerade für die, die es nicht haben. Selbst im Schlaf träumen die Arbeiter*innen von den Pilzen.

»Olanda« ist wie ein etwas verstörender, aber schöner Traum als Film, er zeigt den Mikrokosmos der Saisonarbeiter*innen und zwingt die Zusehenden zugleich, den dazugehörigen Makrokosmos mitzudenken, der diese Welt erst ermöglicht, und vice versa. »Olanda« ist nebenbei nicht Schochs erster Film mit Rumänien-Bezug. Seitdem er 2005 zum ersten Mal das Land besuchte, beschäftigte er sich mit dem nach der Ceaușescu-Diktatur lange Zeit gelähmten, dann aber in einem irren Turbokapitalismus gelandeten europäischen Staat, der trotz EU-Beitritts von Oligarch*innen ausgeblutet wird. Im selben Jahr macht er den Dokumentarfilm »Onset/Offset«, der in der Hauptstadt Bukarest spielt. Die Entwicklung der Stadt und ihre gesellschaftlichen Konsequenzen sind ein allgemeines Thema seiner Arbeiten. Daneben produziert er Videos für das Kammerflimmer Kollektief, das neben Peter Kember (Sonic Boom, Spacemen 3) auch die Musik zu »Olanda« komponierte.

»Olanda« läuft bei der Viennale 2019 am 1. November um 21:00 Uhr im Urania in Anwesenheit des Regisseurs Bernd Schoch.

Link: https://www.viennale.at/de/film/olanda